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Chinas aufmüpfiger Partner im Nordosten: Kim Jong-un testet Interkontinentalrakete

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Von: Christiane Kühl

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Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und zwei seiner Befehlshaber gehen vor dem Koloss einer Interkontinentalrakete in Pjöngjang
Chinas unbequemer Partner: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und zwei seiner Befehlshaber vor dem Koloss einer Interkontinentalrakete © AFP PHOTO/KCNA VIA KNS

Russland ist nicht der einzige schwierige Partner für China. Auch Nordkorea macht mit einer Kette von Raketentests Ärger. Und nun zündete Machthaber Kim auch noch eine Interkontinentalrakete.

München/Pjöngjang – Sie haben es wieder getan. Am Donnerstag zündete Nordkorea zum ersten Mal seit 2017 eine Interkontinentalrakete (ICBM)*, noch größer und schwerer als das damalige Geschoss. Die atomwaffenfähige Megarakete Hwasong-17 wurde nach Angaben nordkoreanischer Medien am internationalen Flughafen von Pjöngjang abgefeuert, erreichte nach einem senkrechten Aufstieg eine Höhe von bis zu über 6200 Kilometern, um dann am vorgesehenen Ziel 1090 Kilometer vom Startpunkt entfernt im Ostmeer (auch: Japanischen Meer) zu versinken. Nordkoreanische Medien beschrieben die neuartige Interkontinentalrakete als „zuverlässiges Mittel zur Abschreckung eines Atomkriegs“. Machthaber Kim Jong-un feierte den Abschuss mit Lederjacke und Sonnenbrille den Abschuss in einem skurrilen Propaganda-Film* im Musikvideo-Stil in Lederjacke.

Die Staatsmedien in Pjöngjang warfen den USA vor, Nordkorea nuklear zu bedrohen. Sein Land sei „vollständig zu einer langfristigen Konfrontation mit den US-Imperialisten bereit“, zitierten sie Machthaber Kim Jong-un. Das Land werde die Verteidigungskraft weiter stärken.

Zu den ICBM zählen Raketen, die mehr als 5500 Kilometer weit fliegen und damit große Teile der Welt erreichen können. Wegen der „zunehmend gefährlichen Provokationen“ Nordkorea wollen die USA daher eine Resolution im UN-Sicherheitsrat einbringen, um das bestehende „Sanktionsregime zu aktualisieren und zu stärken“, wie US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen Linda Thomas-Greenfield am Freitag während einer Sitzung des höchsten UN-Gremiums sagte. Die G7-Staaten und die EU hatten zuvor bereits den Test verurteilt. „Dieses rücksichtslose Vorgehen bedroht Frieden und Sicherheit sowohl in der Region als auch international“, erklärten die Außenminister der sieben einflussreichen Industrieländer und die EU in einer gemeinsamen Stellungnahme am Freitag. Südkorea und Japan hatten schon am Donnerstag den Test verurteilt. Doch aus Peking kam kein Wort.

Nordkorea nervt China mit Raketentests

Peking stellt sich schützend vor Pjöngjang wie eh und je. Zuletzt blockierte es Anfang März gemeinsam mit Moskau im UN-Sicherheitsrat die Verurteilung der jüngsten Raketentests. Doch es ist seit vielen Jahren ein offenes Geheimnis, dass Peking wenig begeistert ist vom Atomprogramm der Kim-Dynastie. Nachdem Russland sich durch die Ukraine-Invasion international isoliert hat, hat China nun gleich zwei Paria-Staaten als Nachbarn und Partner. Und beide fuchteln mit ihren Atomwaffen herum.

Satte elf Testreihen mit Dutzenden Raketen hat Machthaber Kim Jong-un in diesem Jahr bisher gestartet, mehr als je zuvor in so einem kurzen Zeitraum. Schon vergangene Woche wollte Kim nach Angaben aus Seoul und Washington eine Hwasong-17 testen, offiziell unter dem Vorwand, einen „Aufklärungssatelliten“ ins All zu bringen. Doch der Test ging schief; die Rakete explodierte kurz nach dem Start über Pjöngjang*, es regnete Trümmer auf Vororte der Stadt.

Kim zündelt so heftig wie in einer Phase von Nuklear- und Raketentests zwischen 2016 und 2017. Damals testete er bereits drei Interkontinentalraketen und behauptete, jeden Ort der USA erreichen zu können. In der Zeit der Gipfeldiplomatie mit Ex-US-Präsident Donald Trump stoppte Kim die Tests vorerst. Die Testserie hatte aber auch die Beziehungen zu China abgekühlt  – Peking fand keinen Zugang zu dem jungen Kim, vor allem Atomtests nervten die Regierung. Während des Teststopps 2018 dann empfing Staatschef Xi Jinping Kim in Peking zu einem Staatsbesuch mit allen Ehren. Man darf gespannt sein, wie sich die Beziehungen nun wieder entwickeln.

Nordkorea: Plant Kim Jong-un wieder Atomtests?

Denn es gibt Hinweise, dass Kim auch dieses Mal wieder Atomtests plant. Neue Satellitenbilder zeigen zudem Aktivitäten an der 2018 eigentlich stillgelegten Atomtestanlage Punggye-ri, wie Reuters Anfang März berichtete. Es ist das einzige bekannte Atomtestgelände.

Nordkorea* habe seine nuklearen und ballistischen Raketenprogramme stetig weiterentwickelt, hieß es Anfang Februar in einem UN-Bericht. Schon das verstieß gegen bestehende UN-Resolutionen. Zu den 130 Raketen und vier Atomsprengköpfen, die Kim seit seinem Amtsantritt vor zehn Jahren testete, gehörte bereits eine Interkontinentalrakete namens Hwasong-15, die das Weiße Haus erreichen könnte. Im Januar feuerte Nordkorea nach eigenen Angaben unter anderem zwei Hyperschallraketen und eine Hwasong-12-Mittelstreckenrakete ab, das stärkste Geschoss seit 2017. Hwasong-12 könnte zumindest die US-Pazifikbasis Guam treffen. Ende Februar und Anfang März folgten weitere Mittelstreckenraketen.

Fachleute registrieren eine gegenseitige Verstärkung der geopolitischen Störfelder, die von Russland und Nordkorea ausgehen. „Ich denke, dass Peking sehr beunruhigt ist über die von Russland geschaffene Instabilität und die Möglichkeit, dass Nordkorea dies als Gelegenheit zum Eskalieren der Spannungen nutzen könnte“, sagt Ramon Pacheco Pardo, Nordkorea-Experte vom King’s College London, zu Merkur.de*. Der Test einer Interkontinentalrakete ist da eine schlechte Nachricht. Noch dazu, weil Nordkorea seine Interkontinentalraketen offenbar nahe an Chinas Territorium stationieren will. Das amerikanische Center for Strategic and International Studies identifizierte mithilfe von Satellitenbildern kürzlich eine dafür vorgesehene Militärbasis bei Hoejung-ni nur 25 Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt.

China muss mit Kim klarkommen

China macht gute Miene zum bösen Spiel. Staatschef Xi Jinping* betonte erst Ende Februar wieder die Bedeutung der bilateralen Zusammenarbeit. Beide Seiten nahmen kürzlich den wegen der Corona-Pandemie gestoppten Güterzugverkehr über den Yalu-Fluss bei Dandong wieder auf. Der bilaterale Handel lag daher im Januar und Februar mit 136,5 Millionen US-Dollar auf dem 40-Fachen des Vorjahresniveaus. Dass dieses magere Volumen rund 90 Prozent des nordkoreanischen Außenhandels ausmacht, zeigt die Isolation und Abhängigkeit Kims von China. Doch Kim lässt sich trotzdem nicht umfassend hineinreden. Er weiß: Peking stützt Nordkoreas marode Wirtschaft auch deshalb, weil das Land für China ein wichtiger Pufferstaat ist.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und seine Frau Ri Sol Ju (beide links) werden 2018 von Chinas Staatschef Xi Jinping und Gattin Peng Liyuan empfangen.
Willkommen in Peking: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und seine Ehefrau Ri Sol Ju (beide links) werden 2018 von Chinas Staatschef Xi Jinping und Gattin Peng Liyuan empfangen © AFP PHOTO/KCNA VIA KNS

Doch das ist nicht die ganze Geschichte. „Nordkorea hat in den letzten Jahren für China an strategischem Wert gewonnen“, sagt der Nordkorea-Experte Christopher Green von der Denkfabrik Crisis Group. „China und die Vereinigten Staaten sind an Chinas Ostküste in ein ‚Great Game‘ verwickelt, und dieser Wettbewerb beginnt im Nordosten mit der koreanischen Halbinsel“, so Green zu Merkur.de – in Anspielung auf das Ringen der Großmächte um die Vormacht in Zentralasien vor 150 Jahren. „Nordkorea ist widerspenstig und lästig, aber China wird zu Recht als das einzige Land angesehen, das überhaupt in der Lage ist, die Handlungen Nordkoreas zu beeinflussen. Dass Nordkorea während der Olympischen Winterspiele in Peking* ein Moratorium für Raketentests einhielt, deutet darauf hin, dass Pjöngjang weiß, wann es wichtig ist, keinen Ärger zu machen.“

Für Peking hat derweil die Funktion Nordkoreas als Bollwerk gegen die USA* Priorität. „Ich denke, dass die beiden Hauptgründe, warum China Nordkorea unterstützt, Geopolitik und Grenzstabilität sind“, sagt Pardo. „Wenn Nordkorea aufhört zu existieren, wird sich Korea unter südkoreanischen Bedingungen wiedervereinigen.“ Dass China sich vor US-Soldaten an seiner Grenze graut, ist bekannt. Und noch stehen 28.500 US-Soldaten in Südkorea. Zugleich fürchtet es bei einem Zusammenbruch des Regimes eine Flüchtlingswelle. „Für Peking wäre es schwierig, einen großen plötzlichen Zustrom von Flüchtlingen zu bewältigen“, sagt Pardo. China muss also mit Kim klarkommen.

Droht wegen Nordkorea Aufrüstung auch im Süden?

Die Motivation Kims ist derweil undurchsichtig. Will er mit seinen neuen Tests die USA wieder an den Tisch zwingen? Und wenn ja, wofür? An der Haltung Washingtons, US-Sanktionen nicht ohne nennenswerte Zugeständnisse Kims aufzugeben, dürfte sich nichts geändert haben. Nordkorea ist den USA trotz des Ukraine-Krieges indes wichtig genug, dass der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan das Thema nach Angaben des Weißen Hauses bei dem kürzlichen Treffen zum Ukraine-Krieg mit Chinas Außenpolitikzar Yang Jiechi in Rom ansprach. Sullivan betonte dort seine „ernsthafte Besorgnis“ über Nordkorea. Yangs Antwort ist nicht bekannt.

Derweil befürchten Militärexperten infolge der nordkoreanischen Raketentests ein Wettrüsten in Fernost. 71 Prozent der Südkoreaner sind laut einer aktuellen Umfrage dafür, dass ihr Land eigene Atomwaffen entwickelt. 56 Prozent wären für die Stationierung amerikanischer Atomwaffen. Unklar ist, wie sich die kürzliche Präsidentenwahl in Südkorea auswirken wird. Der künftige Präsident Yoon Suk-yeol gilt als China-Kritiker und Befürworter einer engeren Allianz mit den USA und Gruppen wie der Quad. Pardo geht davon aus, dass Yoon gegenüber Nordkorea „der Abschreckung und den Menschenrechten ebenso große Priorität einräumt wie einem möglichen Engagement.“

Nordkorea wohl nicht bereit zu verhandeln – auch nicht in China

Auswege scheint es vorerst nicht zu geben. Pardo und Green gehen fest davon aus, dass Nordkorea auf keinen Fall sein Atomprogramm aufgeben wird. Von dem ICBM-Test waren beide nicht überrascht. „Wir wussten, dass Nordkorea weiter eskalieren würde, bis es eine gewisse Hebelwirkung für die Verhandlungen erzeugt. Und heutzutage kommt die Hebelwirkung nur von ICBM-Starts und Atomtests“, sagt Green. Nordkorea werde vor neuen UN-Sanktionen durch Russland und China geschützt, sagt Pardo. „Und die USA scheinen kein Interesse daran zu haben, die Spannungen zu erhöhen.“

An multilateralen Verhandlungen wie die von China ausgerichteten Sechsergespräche der 2000er-Jahre sei Kim derzeit nicht interessiert, so Green. Der Ukraine-Krieg sei „eine Erinnerung für Pjöngjang, dass Nordkoreas Hauptverteidigung gegen Einmischung von außen seine Atomwaffen sind. Aber ich denke, Peking wäre bereit, Gespräche abzuhalten, sobald Nordkorea bereit wäre, daran teilzunehmen.“ (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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