Gibt’s was zu meckern? Kinder in Macau erwarten den chinesischen Präsidenten Xi Jinping.
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Gibt’s was zu meckern? Kinder in Macau erwarten den chinesischen Präsidenten Xi Jinping.

China

Macau ist Chinas Liebling

  • vonFabian Kretschmer
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Während Hongkong für Demokratie kämpft, gibt sich die Sonderverwaltungszone Macau handzahm. Dort verhindern ausgerechnet die Bewohner demokratische Proteste.

Als Chinas Präsident Xi Jinping am Mittwoch seiner Air China Maschine entsteigt, warten am Macauer Flughafen Dutzende Kinder mit Blumensträußen auf das Staatsoberhaupt. Zum zweiten Mal seit 2014 besucht Xi die einstige portugiesische Kolonie, und noch an Ort und Stelle hält er eine vierminütige Rede voll überschwänglichen Lobs.

„Die Errungenschaften, die Macau nach der Rückgabe ans Mutterland erreicht hat, erfüllt die Leute mit Stolz“, sagte Xi – und fügte einen indirekten Seitenhieb gen Hongkong an: Macau habe das Prinzip „ein Land, zwei Systeme“ stets ernst genommen. Hongkong, so die Botschaft, habe genau darin versagt.

China und sein Lieblingskind

Am 20. Dezember jährt sich die Rückgabe der von Portugal verwalteten Kolonie an Festlandchina zum zwanzigsten Mal. Nur eine Fährstunde entfernt liegt mit Hongkong die zweite Sonderverwaltungszone, beide Städte sind mit einer riesigen Brücke miteinander verbunden.

Politisch könnten die zwei Nachbarn jedoch nicht weiter entfernt sein. Und Peking lässt keinen Zweifel daran aufkommen, auf welcher Seite seine Sympathien liegen: auf der einen Seite das „schwarze Schaf“, das seit über einem halben Jahr von einer Protestbewegung in Unruhe gehalten wird; auf der anderen Seite das „handzahme“ Lieblingskind.

Oberflächlich betrachtet unterscheiden sich die zwei Sonderverwaltungszonen vor allem in der Größe: Mit kaum mehr als 30 Quadratkilometern und rund 650 Tausend Einwohnern ist Macau der kleinere Bruder. Dabei genießen dessen Bewohner genau wie in Hongkong Zugang zu freiem Internet und können sich bestens über die Schattenseiten der Kommunistischen Partei informieren.

Auch hat Macau im Vergleich zu Festlandchina einen vergleichsweise robusten Rechtsstaat und freie Medien.

Menschen in Marcau macht sich nicht viel aus Politik

Dennoch scheinen sich die Leute hier nicht viel aus der Demokratie zu machen. Das lässt sich eindrücklich mit einem Blick auf die Legislative ablesen: Im Stadtparlament sind von den insgesamt 33 Sitzen nur vier prodemokratische Abgeordnete eingezogen. Ihre größte Partei hat gerade einmal rund 50 Mitglieder.

Seit Beginn der Aufstände in Hongkong riefen Anhänger der schwachbrüstigen Zivilgesellschaft Macaus viermal zu Solidaritätsmarschen auf, darunter auch gegen die Polizeigewalt in Hongkong. Doch die Lokalregierung verhinderte sämtliche Veranstaltungen. Bemerkenswert dabei: Es war die breite Öffentlichkeit, die ein Verbot der Demonstrationen von ihrer Regierung forderte – nicht umgekehrt.

Das mangelnde Desinteresse an Politik lässt sich einerseits wirtschaftlich begründen: Die Sonderverwaltungszone floriert, Macau ist mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 116 Tausend US-Dollar nach Katar der zweitwohlhabendste Ort der Erde. Jeder Bürger erhält seit jüngstem ein bedingungsloses Grundeinkommen von umgerechnet rund 1100 Euro.

„Zwar ächzen die Normalverdiener Macaus ebenfalls unter der Last exorbitanter Immobilienkosten, dennoch blicken sie optimistischer in die Zukunft als die sich selbst zu Märtyrern stilisierende Jugend in Hongkong“, analysiert der singapurische Journalist Leslie Fong in der South China Morning Post.

Menschen aus China machen Urlaub in Marcau

Der Reichtum Macaus hat mit den 40 Kasinos in der Stadt zu tun, bereits 2006 hat Macau Las Vegas als weltgrößtes Zockerparadies überholt. Vom Glückspiel hängen fast ein Drittel aller Arbeitsplätze und 80 Prozent der Staatseinnahmen ab.

Dabei ist Macau im Gegensatz zu Hongkong abhängiger von der chinesischen Wirtschaft: Über 70 Prozent der 40 Millionen Touristen im letzten Jahr kamen aus Festlandchina. Viele reiche Geschäftsleute nutzen Macau zudem zur Geldwäsche.

Doch die unterschiedliche Einstellung zum „Mutterland“ hat vor allem mit der Geschichte zu tun: In den 60er Jahren führten blutige Aufstände von Hongkonger Gewerkschaften zu einem Weckruf für die britische Kolonialherren. Sie sahen sich im Sinne der sozialen Stabilität gezwungen, den Status der vormals als reine „Arbeitsmigranten“ angesehenen chinesischen Bevölkerung aufzuwerten. Unterstützt durch Sozialwohnungen und bessere Schulen identifizierten sich immer mehr Lokalbewohner mit der britischen Verwaltung – und entfremdete sich vom kommunistischen Festland.

Entschuldigungsbrief an China

In Macau passierte das Gegenteil. Auch dort kam es in den 60ern zu antikolonialen Aufständen, angestachelt durch die Kulturrevolution in Festlandchina und der krassen Rassentrennung. Dort jedoch siegte de facto die Lokalbevölkerung, während die Portugiesen sich offiziell bei Festlandchina mit einem demütigenden Entschuldigungsbrief geschlagen geben musste.

„Zweifelsohne verhöhnen westliche Demokratie-Lobbyisten die Bewohner Macaus als unterwürfig und rückhaltlos“, schreibt der Kommentator Leslie Fong. „Dabei haben die Leute in Macau – im Gegensatz zu vielen Hongkongern – nur erkannt, dass die Geographie ihre Bestimmung ist“.

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