Chinas Kommunistische Partei mit ihrem Vorsitzenden Xi Jinping (Mitte) hält Wu’er Kaixi für „eine Gruppe gemeiner Banditen“.
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Chinas Kommunistische Partei mit ihrem Vorsitzenden Xi Jinping (Mitte) hält Wu’er Kaixi für „eine Gruppe gemeiner Banditen“.

Interview

„Die Kommunistische Partei Chinas ist nichts weiter als eine Gruppe gemeiner Banditen“

  • vonFabian Kretschmer
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Der Uigure Wu’er Kaixi über die Notwendigkeit von Protest und die Bedrohung durch China.

Wu’er Kaixi zählt zu den Anführern der chinesischen Studentenbewegung, die 1989 den Pekinger Platz des Himmlischen Friedens besetzt hielt und von den Panzern der Volksbefreiungsarmee niedergeschlagen wurde. Rund 2600 Menschen kamen dabei ums Leben. Seither lebt der Dissident im Exil in Taipeh, wo er bis heute als radikaler Kritiker der Kommunistischen Partei Chinas in den öffentlichen Diskurs eingreift. Seine extreme Haltung hat auch mit seinem ethnischen Hintergrund zu tun: Wu’er Kaixi ist Uigure – und gehört damit jener muslimischen Minderheit an, von der laut Menschenrechtsorganisationen Hunderttausende in der westchinesischen Provinz Xinjiang in Internierungslagern weggesperrt wurden.

1989: Protestler haben für China keine Änderung herbeigeführt

1989 waren Sie einer der Anführer der Studentenprotestbewegung. Glauben Sie, Ihr Protest hat überhaupt irgendetwas bewirkt?

Wir waren die ersten in einer weltweiten Kampagne. Den Ereignissen in Peking sind die Proteste in den osteuropäischen Ländern gefolgt. Die Protestwelle hat den Kalten Krieg beendet und die Berliner Mauer zu Fall gebracht. Als die friedlichen Proteste in Leipzig stattfanden und Hunderttausende auf die Straße zogen, lautete einer der Slogans: „Kein China!“ Was damit gemeint war: kein Massaker, keine Unterdrückung. Haben wir einen Unterschied gemacht? Wahrscheinlich für andere Länder, darunter auch für Deutschland. Für China haben wir leider keine Änderung herbeigeführt. Wir haben die erste Schlacht verloren. Das ist in der Geschichte oft der Fall: Die Charge, die den ersten Angriff führt, stirbt. Aber sie legt die Grundlage für den Sieg derjenigen, die folgen.

Würden Sie heute noch einmal genauso handeln?

Wu’er Kaixi hat 1989 die Proteste auf dem Pekinger Tiananmen-Platz angeführt. Er sagt, ohne die chinesischen Studenten wäre der Kalte Krieg nicht beendet worden.  

Das ist eine schwierige Frage. Die Studentenbewegung hat mein Leben vollständig verändert. Das bedeutet auch, dass ich meine Eltern seit 30 Jahren nicht gesehen habe, weil ich nicht in mein Heimatland China zurückkehren kann. Ich habe gemischte Gefühle. Natürlich kann ich mich sehr glücklich schätzen, dass ich jetzt in Taiwan leben darf, für mich die beste Demokratie der Welt. Ob ich 1989 bereue? Nein, sicher nicht. Doch ob ich es erneut tun würde? Keine Ahnung – vor allem mit dem Wissen um die Opfer, die meine Kommilitonen in den Straßen Pekings erbracht haben. Wir waren darauf vorbereitet zu scheitern. Wir hatten mit Gefängnisstrafen und Prügel der Sicherheitspolizisten gerechnet. Das tatsächliche Ausmaß des Blutvergießens hat unsere schlimmsten Befürchtungen überstiegen.

China wird nicht in Taiwan einmarschieren

Auch in Taiwan haben viele Angst vor einer Einflussnahme oder gar einer militärischen Invasion durch China.

Die Proteste in Hongkong demonstrieren, wie real und dringlich die Gefahren sind, die auch Taiwan drohen. China wird hier aber nicht einmarschieren. Die Leute hier wollen ihre Demokratie verteidigen, das haben die Wahlen gezeigt. Daran kann auch die Kommunistische Partei in Peking nicht rütteln. Die ganze Welt versucht, sich entweder von Peking zu lösen – oder versteht zumindest, dass das chinesische Regime eine Bedrohung für die Zivilisation darstellt.

Wenn Sie die Proteste in Hongkong betrachten: Wiederholt sich die Geschichte 30 Jahre nach dem Tiananmen-Massaker?

Als wir unsere Kampagne im April 1989 gestartet haben, war die Welt China gegenüber sehr positiv eingestellt. Die Regierung hat damals ihren Reformwillen betont. Gleichzeitig hat Gorbatschow in der Sowjetunion seinen „Perestroika“-Prozess eingeführt. Wir haben die Kommunisten damals herausgefordert, indem wir Freiheit und Demokratie forderten.

Peking sagt, dass das chinesische Volk noch nicht reif sei für die Demokratie.

Auch über die arabische Welt sagen manche, sie sei anders. Dabei wollen wir alle das Gleiche: Freiheit. Und trotzdem: Dieselben Unterdrücker, die gegen die Studenten auf dem Tiananmen-Platz in Peking vorgegangen sind, tun dies nun erneut gegen die Demonstranten in Hongkong.

Einige der radikalen Hongkonger Aktivisten scheinen zum Äußersten bereit: für ihre Sache zu sterben. Was würden Sie denen raten?

Ich erhalte kein Visum für Hongkong und darf nicht einreisen. Aber wenn ich es könnte, dann würde ich mitmachen bei den Protesten und in ihren Slogan mit einstimmen: „Gebt uns Freiheit, oder gebt uns den Tod.“

China: Die Kommunistische Partei hat das Land geplündert

Glauben Sie, dass sich Chinas Regierung von innen heraus politisch öffnen wird – etwa, wenn die nächste Generation an Parteikadern an die Macht kommt?

Die Kommunistische Partei ist nichts weiter als eine Gruppe gemeiner Banditen. Sie haben die Herrschaft über eines der größten Länder der Welt gestohlen und das Land geplündert. Das ist alles, was sie tun.

Die chinesische Volkswirtschaft hievt jedes Jahr Millionen Menschen aus der Armut.

Wirtschaftswachstum gab und gibt es – gar keine Frage. Das ist die Strategie, mit der die Kommunistische Partei an der Macht bleiben kann. Sie haben realisiert, dass sie nicht einfach sämtliche Profite des Wirtschaftswachstums in ihre eigenen Taschen stecken können. Blicken wir einmal zurück: Nach dem Ende der Kulturrevolution hat die Kommunistische Partei nicht von sich aus damit angefangen, Wirtschaftsreformen einzuläuten. Es war die hungernde Bevölkerung. Die Partei hat schlicht realisiert, dass sie diesen Weg mitgehen muss – oder andernfalls riskiert, rausgeschmissen zu werden. Der damalige Staatspräsident Deng Xiaoping hat die Lorbeeren für die Reformpolitik eingesteckt. Er mag vielleicht ein wenig idealistisch gedacht haben, seine Nachfolger tun es sicher nicht.

Interview: Fabian Kretschmer

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