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Öffnung im Winter „bester Zeitpunkt“: So redet sich China seine Corona-Wende schön

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Von: Sven Hauberg

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China hat mit seiner Corona-Wende alles richtig gemacht – sagen Chinas Staatsmedien. Pekings Top-Epidemiologe behauptet sogar, der Winter sei die beste Zeit, um die Maßnahmen fallenzulassen.

München/Peking – Viele Chinesinnen und Chinesen erleben in diesen Tagen eine ganz neue Freiheit: endlich wieder reisen, die Welt sehen, Freunde und Verwandte treffen. Am 8. Januar, rund drei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie, hob das Land die Quarantäneregeln für Einreisende aus dem Ausland auf. Jetzt reicht ein negativer PCR-Test, um aus dem Ausland nach China zurückzukehren, die tagelange Zwangsquarantäne ist Geschichte.

Chinas Staatsmedien berichten von langen Schlangen, die sich vor den Passbehörden bilden, wo die Menschen sich neue Reisedokumente ausstellen lassen. Es sei „Vorzeichen des großen Potenzials chinesischer Touristen, die einen Aufschwung der weltweiten Tourismusindustrie einleiten werden“, behauptet die Global Times. Dass viele Länder alles andere als begeistert sind von der Vorstellung, von Touristen aus dem Corona-Land China überrannt zu werden, und deshalb erste Einreisebeschränkungen erlassen haben – geschenkt. „Einige ausländische Länder haben rote Teppiche ausgerollt, um die ersten zurückkehrenden chinesischen Touristen zu begrüßen“, heißt es trotzig in dem parteitreuen Blatt.

Chinas Corona-Öffnung: Winter laut Experte „bester Zeitpunkt“

Chinas Staatsmedien tun derzeit viel, um dem Volk zu versichern, dass es eine gute Idee war, die Null-Covid-Politik hinter sich zu lassen und eine beispiellose Kehrtwende hinzulegen. Anfang Dezember hatte Chinas Staatsführung plötzlich fast alle Corona-Maßnahmen beendet, seitdem rast die Covid-Welle durch das Land, Hunderte Millionen Menschen dürften sich seitdem infiziert haben. Genaue Zahlen gibt es nicht, einzelne Daten aber werfen ein Schlaglicht auf das ganze Ausmaß der Pandemie. So erklärte am Montag etwa die Gesundheitskommission der 100-Millionen-Einwohner-Provinz Henan südwestlich von Peking, dass sich bis zum 6. Januar 89 Prozent der dortigen Bevölkerung mit dem Virus infiziert hätten.

Auch die Todeszahlen dürften hoch sein. Laut offizieller Zählung sind seit Beginn der Pandemie zwar nur knapp 5.300 Menschen an dem Virus verstorben, lange Schlangen vor den Krematorien im ganzen Land sprechen allerdings eine andere Sprache. Längst lassen sich die vielen Todesfälle nicht mehr verheimlichen. So berichtete in der vergangenen Woche die Chinesische Akademie für Ingenieurswesen, dass in weniger als einem Monat 20 ihrer Mitglieder verstorben seien – mehr als sonst in einem ganzen Jahr.

Eine junge Frau wird am Shanghaier Flughafen Pudong in Empfang genommen.
Freudiges Wiedersehen: Eine junge Frau wird am Shanghaier Flughafen Pudong in Empfang genommen. © Hector Retamal/afp

Chinas Top-Epidemiologe Liang Wannian erklärte am Montag, es sei dennoch richtig gewesen, das Land mitten im Winter zu öffnen. „Die Pathogenität des Coronavirus, insbesondere der Omikron-Variante, ist jetzt schwach“, sagte Liang im Staatssender CCTV. „Wir glauben, dass dies der beste Zeitpunkt ist, um die Strategie und die Maßnahmen für diese Variante anzupassen.“ Liangs Argumentation: Hätte China die Maßnahmen erst kommenden im Sommer gelockert, wäre die Immunität der Bevölkerung wieder zu schwach, weil dann die Impfungen zu lange zurücklägen. Im vergangenen Sommer wiederum sei die Impfrate noch zu niedrig gewesen. Chinas Regierung, so Liang weiter, habe sich aktiv dafür entschieden, jetzt zu lockern – und nicht, weil der Druck, endlich aufzumachen, zu groß gewesen sei.

Corona in China: niedrige Impfrate, zu wenige Intensivbetten

Auch das Parteiblatt von Chinas Kommunistischer Partei, die Volkszeitung, behauptete am Montag in einem langen Artikel, die Staatsführung habe die Öffnung seit November schrittweise vorbereitet. In mehreren Treffen habe man festgestellt, dass die Omikron-Variante weniger tödlich sei und gleichzeitig die Impfrate steige. Es sei also richtig gewesen, die Null-Covid-Politik im Dezember zu öffnen. Tatsächlich aber geht Chinas Impfkampagne nur mit Trippelschritten voran. Mitte Dezember waren offiziellen Daten zufolge 86,6 Prozent der Menschen über 60 zweifach geimpft – nur ein Prozentpunkt mehr als noch im August. Gefährdet sind zudem vor allem ältere Menschen ab 80, da in dieser Altersgruppe nur gut 42 Prozent auch eine Auffrischimpfung erhalten haben. Um mit den chinesischen Vakzinen den vollen Impfschutz zu haben, sind Studien zufolge drei Impfungen nötig.

Chinas Staatsführung unter Parteichef Xi Jinping hat es also ganz offensichtlich versäumt, die Bevölkerung mit einer gezielten Impfkampagne auf die angeblich von langer Hand geplante Öffnung vorzubereiten. Auch die Zahl der Intensivbetten ist nach wie vor niedrig: Auf 100.000 Menschen kommen in China nur vier der besonders ausgestatteten Krankenhausbetten, verglichen mit 7,1 in Hongkong und – Stand 2020 – 33,9 in Deutschland.

Was diese niedrigen Zahlen konkret bedeuten, dürfte sich auf traurige Weise in den kommenden Wochen zeigen, wenn zum chinesischen Neujahrsfest, das dieses Jahr am 22. Januar gefeiert wird, viele Millionen Chinesinnen und Chinesen zu ihren Verwandten aufs Land reisen. Erste Lokalbehörden riefen die Menschen bereits dazu auf, dieses Jahr lieber daheim zu bleiben. „Vermeiden Sie Besuche bei Verwandten und Freunden, um sich und andere zu schützen!“, appellierte etwa die Regierung der Millionenstadt Weifang an Chinas Ostküste. Bislang allerdings sieht es nicht danach aus, als ließen sich die Chinesinnen und Chinesen nach drei Jahren Coronapandemie das Feiern mit ihren Liebsten nehmen. Bereits am vergangenen Samstag begann die Reisewelle, gezählt wurden fast 40 Prozent mehr Reisende als noch im Jahr zuvor. Viele von ihnen hatten wohl das Coronavirus mit im Gepäck.

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