Seit über zwei Monaten haben die Gesundheitsbehörden in Peking keine lokale Infektion mehr registriert.
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Seit über zwei Monaten haben die Gesundheitsbehörden in Peking keine lokale Infektion mehr registriert.

Rigorose Maßnahmen

Totale Überwachung, Zwangstests, harte Hand: Wie China das Coronavirus besiegt haben will

Die Kommunistische Partei in China feiert ihren angeblichen Sieg über das Coronavirus. Gibt es lokale Ausbrüche, geht das Regime mit rigorosen Maßnahmen vor.

  • Die Kommunistische Partei in China feiert ihren angeblichen Sieg über das Coronavirus.
  • In dem asiatischen Land brach das Virus aus, mittlerweile ist jedoch wieder Normalität zurückgekehrt.
  • Gibt es lokale Ausbrüche, geht das Regime mit äußerst rigorosen Maßnahmen vor.

China – Rund um die Welt steigen die Corona-Zahlen – in einem Land aber nicht: China. Das Land, in dem Covid-19 seinen Anfang nahm, betrachtet die Pandemie heute als Stoff fürs Museum: Im August eröffnete eine Ausstellung über den Sieg gegen das Virus im Pekinger Nationalmuseum, einem kommunistischen Prachtbau mit einer Fläche von fast dreißig Fußballfeldern.

China will Corona-Pandemie in die Vergangenheit verbannen

Im Stile des Sozialistischen Realismus geben Dutzende Ölgemälde dem Volke vor, wie es seiner Helden im Kampf gegen Corona gedenken soll – von den Soldaten der Volksbefreiungsarmee bis hin zum erschöpften Krankenhauspersonal. Die mit Pathos aufgeladenen Porträts wirken, als sie von einer weit entfernten Vergangenheit erzählen.

Gegenüber dem Museum im Pekinger Stadtzentrum prangt wie eh und je das Konterfei Mao Tsetungs, Soldaten in Uniform bewachen den Platz des Himmlischen Friedens, Touristen warten vor dem Eingang der Verbotenen Stadt. Eine unspektakuläre Alltagsszene, die im Corona-Jahr jedoch bemerkenswert scheint: Bis auf die Masken der Vorbeieilenden erinnert nichts mehr an eine globale Gesundheitskatastrophe.

Seit über zwei Monaten registrieren die Behörden in China keine lokalen Corona-Infektionen mehr

Seit über zwei Monaten haben die Gesundheitsbehörden in Peking keine lokale Corona-Infektion mehr registriert. Auch landesweit zählt die Regierung nur mehr wenige Fälle im zweistelligen Bereich pro Tag, wobei das absolute Gros unter „importierten Fälle“ aus dem Ausland verbucht wird. China, ein Land mit 1,4 Milliarden Menschen, ist derzeit demnach virusfrei.

Tatsächlich ist die Kommunistische Partei für ihre unzuverlässigen Statistiken berüchtigt. Die alljährlichen Wirtschaftszahlen beispielsweise werden von ausländischen Ökonomen nur als grober Gradmesser gewertet. Und auch bei anderen Infektionsgeschehen, etwa der HIV-Ausbreitung, hat China lange die eigenen Zahlen heruntergespielt. Diese Erfahrung weckt Zweifel.

Beginn der Corona-Pandemie: China lügt, manipuliert und ist intransparent

Zu Beginn der Pandemie haben die Behörden Virusproben zerstört, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Wuhan mit einem Maulkorb versehen und die Statistiken manipuliert. In den kommenden Jahren werden Fachleute untersuchen, welche epidemiologischen Schäden ein transparentes Vorgehen der Regierung hätte abwenden können.

Nach dem ersten Unterdrücken der Nachrichten wagt es längst kein Parteikader mehr, ein Infektionsgeschehen im eigenen Zuständigkeitsbereich zu verheimlichen. Denn Präsident Xi Jinping hatte den Kampf gegen des Coronavirus schon früh zur Chefsache erklärt – auch, um vor der Bevölkerung und der internationalen Staatengemeinschaft einen Propagandasieg zu erringen.

Mit rigorosen Lockdowns hat China die Corona-Wachstumspase nahezu auf Null gedrosselt

Die Lockdowns, welche in Europa im Frühjahr verhängt wurden und nun wieder als Drohkulisse erscheinen, hatten wenig mit den Maßnahmen zu tun, die in der Volksrepublik ergriffen wurden. Hier greift ein System, das nicht nur auf staatlicher – digitaler – Kontrolle fußt, sondern auch auf sozialer Kontrolle durch Blockwarts in den Nachbarschaften. Wer gegen die Regeln verstößt, wird bloßgestellt. Bewohnerinnen und Bewohner ganzer Provinzen wurden über Wochen wortwörtlich in ihre Wohnungen weggesperrt und von Nachbarschaftskomitees mit Lebensmitteln versorgt.

Auch in Gegenden, die nur marginal von der Corona-Pandemie betroffen waren, schränkten die Behörden die Bewegungsfreiheit massiv ein. Wer auch nur in die nächstgelegene Stadt reiste, musste in eine 14-tägige Quarantäne – in einem staatlich zugewiesenen Zimmer, welches rund um die Uhr überwacht wurde.

Diese harte Strategie, die nur in einem auch sonst unterdrückenden Staat funktioniert, hat in der westlichen Welt zu Beginn der Corona-Pandemie für Stirnrunzeln und offene Kritik gesorgt. Doch China hat damit die Wachstumskurve des Virus nahezu auf Null gedrosselt.

In vielen Städten in China herrscht nach dem Corona-Ausbruch wieder Normalität

Viele Städte, allen voran Shanghai, sind schon nach wenigen Monaten in ein neues Normal zurückgekehrt. „Masken tragen wir schon lange nicht mehr. Auch die Clubs zum Feiern waren nur kurz geschlossen“, sagt etwa eine Endzwanzigerin im ehemaligen Kolonialviertel Shanghais beim Feierabendbier. Ein Blick auf die Trottoirs, wo sich junge Menschen bei Zigaretten und Cocktails dicht an dicht unterhalten, bestätigt, wie wenig Abstandsregeln noch eingehalten werden.

Eine Handvoll lokaler Corona-Infektionscluster haben die Behörden seit dem Sommer vermeldet, zuletzt haben sich zwölf Personen in der ostchinesischen Hafenstadt Qingdao angesteckt. Stets ging die Lokalregierung rigoros und nach dem gleichen Muster vor: Sämtliche neun Millionen Einwohner wurden innerhalb weniger Tage zwangsgetestet, betroffenen Wohngebiete abgeriegelt.

Entsprechend robust konnte auch die Wirtschaft im Land wieder hochfahren. Nach einem historischen Einbruch im ersten Quartal von fast sieben Prozent wird die Volksrepublik bis Jahresende als einzige große Ökonomie ein Plus erzielen können. Davon profitieren auch deutsche Unternehmen, vor allem die Autobauer: Am Wochenende gab Volkswagen bekannt, dass es innerhalb der ersten drei Quartale seinen Marktanteil im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 0,5 Prozent leicht ausgebaut hat. China wird inmitten der global eingebrochenen Nachfrage für europäische Unternehmen zu einem Lichtblick in Corona-Zeiten.

Steht der chinesische Coronavirus-Impfstoff kurz bevor?

Auch deshalb vertrauen die Menschen in China ihrer Führung wieder mehr, trotz der massiven Kontrolle. Das liegt auch an dem Eindruck, dass die Zulassung eines Corona-lmpfstoffs unmittelbar bevorsteht. Auf einem viel geteilten Handyvideo meldet sich etwa der Student Zhu Aobing zu Wort: „Ich bin Nummer neun der ersten Freiwilligengruppe. Bereits am 19. März habe ich einen Impfstoff injiziert bekommen“, sagt der junge Mann aus Wuhan, dem einstigen Epizentrum der Pandemie. Zhu trägt eine schwarze Hornbrille, Kurzhaarfrisur und einen dunklen Kapuzenpulli. Stoisch fügt er hinzu: „Nach sechs Monaten unter Beobachtung mache ich den letzten Bluttest. Mir geht es körperlich gut, ich habe weder Fieber noch Erkältung.“

In den Kommentarspalten hagelt es euphorischen Beifall. Ein Nutzer schreibt etwa: „Wer Zweifel an dem Impfstoff hat, der soll halt abwarten, bis er im Ausland erprobt wurde. Aber ich denke, wenn China nicht wirklich etwas Erfolgreiches erschaffen hätte, dann würde es nicht solche Behauptungen aufstellen.“

Corona in China: Wissenschaftler betrachten Impfstoff mit Vorsicht

Die Behauptungen der Regierung klingen in der Tat vielversprechend. Wu Guizhen, leitende Beamtin am Zentrum für Seuchenprävention, kündigte im September an, dass im November oder Dezember eine Covid-Impfung bereitstehen werde. Dabei handelt es sich um zwei Kandidaten von Sinopharm aus Shanghai, welche derzeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Peru und Argentinien getestet werden. Sinopharm behauptet, dass sich bislang keiner unter den Zehntausenden Probanden in China mit dem Coronavirus infiziert hätte; doch die entsprechenden Daten macht es der Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Von der wissenschaftlichen Gemeinschaft wird Chinas Impfstoffwettrennen mit großer Skepsis beäugt. De facto gilt hier die gleiche Vorsicht wie auch sonst im Umgang mit China: Es kann nicht unabhängig überprüft werden, wie sicher und effizient die Impfstoffe aus China tatsächlich sind.

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