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Der chilenische Weg

So groß war die Einigkeit selten. Am 12. September 1973 kannte die in Parteien, Organisationen, Gruppen und Fraktionen von Gruppen gespaltene deutsche Linke nur eines: Solidarität mit Chile.

Von Werner Balsen

Dort hatte das Militär am Vortag die demokratisch gewählte Regierung gestürzt. Es war nicht der erste Putsch in Lateinamerika und es sollte nicht der letzte sein. Aber in dem Andenstaat wurde der erste in freien demokratischen Wahlen an die Macht gelangte marxistische Präsident aus dem Amt und in den Tod getrieben.

Auf Salvador Allende und seine Regierung der Volkseinheit, der Unidad Popular, hatten nicht nur Chilenen, sondern auch Linke hier zu Lande ihre letzte Hoffnung gesetzt: Chile wurde Anfang der 70er Jahre Symbol für den friedlichen Wechsel in eine humane, sozialistische Gesellschaft. Das Land diente als Ausweg aus der Sackgasse, in die viele Linke geraten waren: Nach dem brutalen Ende des Prager Frühlings hieß ihre Antwort auf die Frage, welchen Sozialismus man denn noch wollen könnte: den chilenischen.

Auf den "Weg zum Sozialismus" hatten sich die Chilenen drei Jahre zuvor begeben. Am 4. September 1970 errang Allende den Sieg über seinen christdemokratischen Gegenkandidaten - massivsten Versuchen der Konservativen zum Trotz, diesen Triumph zu verhindern. In den folgenden drei Jahren gelang es ihm und den ihn unterstützenden Parteien, das Land grundlegend umzukrempeln: Die Regierung verstaatlichte Berg- und Stahlwerke, große Unternehmen und die Energieversorgung. Sie enteignete Latifundien und verteilte deren Böden an Bauernfamilien.

Dies war ein mühsamer, von Rückschlägen und scharfen Auseinandersetzungen mit der Opposition begleiteter Prozess in einer innenpolitischen Situation, die sich permanent zuspitzte. Aber Allende und seine Regierung hielten an dem Ziel fest, ihren Kurs durchzusetzen, ohne die Regeln der bürgerlich-parlamentarischen Demokratie zu verletzen.

Während die Menschen in den Länder der Südhalbkugel, die Vorgänge in dem Andenstaat genau und mit großem Interesse verfolgten, Widersprüche und auch (die zahlreichen) Fehler der Unidad Popular analysierten, stießen deren Erfolge und Misserfolge hier zu Lande kaum auf Interesse: Der chilenische Weg zum Sozialismus war deutschen Linken als Identifikationsmuster herzlich willkommen - von den Mühen und Rückschlägen auf den einzelnen Etappen aber wollte kaum jemand genaueres wissen. Die massenhafte Solidarität mit Allende und der Unidad Popular begann, als es zu spät war.

Bis zum 11. September 1973 galt Chile vielen als der Beweis, dass auch in bürgerlichen Demokratien der Weg zum Sozialismus gangbar ist. Danach belegte der Andenstaat, dass "die Bourgeoisie" oder "das Kapital" oder schlicht: die Mächtigen in den Demokratien keine gesellschaftliche Ordnung zulassen würden, die ihre Interessen gefährdet. Viele, die zuvor für die SPD und ihren Kanzlerkandidaten Willy Brandt "Willy-wählen"-Buttons verteilt hatten, radikalisierten sich: Sie verteilten jetzt Flugblätter marxistischer oder trotzkistischer Organisationen und forderten revolutionäre Strategien.

Obwohl das Engagement für Chile nach "dem 11." zur größten bis dahin in West-Deutschland bekannten Bewegung wuchs, setzten sich nur Wenige intensiv mit den Vorgängen dort auseinander - ähnlich wie vor dem Putsch. Deshalb dauerte es lange, bis die Bewegung bemerkte, dass die Militärs den Andenstaat in ein Testgebiet für neoliberale Wirtschaftsstrategien transformierten - mit tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen.

So war die chilenische Gesellschaft, die erst 1990 - und genau nach den Regeln einer von den Militärs ausgearbeiteten Verfassung - zur Demokratie zurückkehrte, eine ganz andere als jene, der 1973 die Demokratie brutal genommen worden war.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Deutschen das politische Interesse an dem Andenstaat längst verloren. Er war jetzt ein attraktives Urlaubsziel.

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