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Bei einer Demo für die Rechte Indigener am Wochenende in Santiago de Chile starb eine Mapuche-Aktivistin.
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Bei einer Demo für die Rechte Indigener am Wochenende in Santiago de Chile starb eine Mapuche-Aktivistin.

Chile

Chile: Militär gegen Mapuche

  • Klaus Ehringfeld
    VonKlaus Ehringfeld
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Chiles Präsident ruft im Süden des Landes den Notstand aus und setzt die Armee gegen aufbegehrende Indigene ein. Gleichzeitig ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Präsidenten.

Chiles Präsident Sebastián Piñera führt Krieg an zwei Fronten. An der juristischen erwehrt er sich der Ermittlungen wegen der „Pandora Papers“. An der militärischen kämpft er gegen das eigene Volk, genauer gesagt gegen die rebellischen Mapuche.

Der rechte Staatschef verhängte jetzt den Ausnahmezustand über die Regionen Biobío und La Araucanía im Süden des Landes, rund 600 Kilometer von der Hauptstadt Santiago entfernt, und entsandte für mindestens zwei Wochen die Armee dorthin. In vier Provinzen der seit Jahrzehnten konfliktiven Region kommt es seit Monaten vermehrt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Indigenen und der Staatsmacht sowie Unternehmern. Immer wieder brennen Kirchen und Häuser, werden Lkw-Fahrer angegriffen, und es sterben Mapuche ebenso wie Bäuer:innen und Polizist:innen. Am vergangenen Wochenende starb eine Studentin in der Hauptstadt Santiago, als die Polizei gegen eine Demonstration der Mapuche vorging.

Starker Anstieg der Gewalt im Süden Chiles

Laut Regierungsangaben gab es in diesem Jahr bisher 1475 Gewalttaten in den südlichen, von vielen Mapuche bewohnten Regionen – das sind 46 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Auch die Zahl der Festgenommenen stieg stark an. Die Gewalttaten stünden „im Zusammenhang mit Drogenhandel, Terrorismus und organisierter Kriminalität“, behauptete Präsident Piñera und begründete so die Entsendung der Militärs. Der Mapuche-Führer Aucan Huilcamán kritisierte, dass der Ausnahmezustand in eine Sackgasse führe, weil „weder Militär noch Polizei in irgendeinem Teil der Welt je Frieden hergestellt haben“.

Die Entsendung der Streitkräfte ist eine weitere Volte in einer Auseinandersetzung, die älter als der chilenische Staat selbst ist. Und die Militarisierung kommt zu einem politisch besonders heiklen Zeitpunkt. Denn gerade beraten Verfassungsmütter und -väter über eine neue Magna Charta für Chile, die gerade auch den Mapuche mehr Rechte zugestehen soll. Die zwei Millionen Mapuche sind die größte Indigenen-Gemeinschaft Chiles und machen 13 Prozent der Bevölkerung aus. Unter ihnen ist die Armut dreimal höher als im nicht-indigenen Teil der Bevölkerung.

Mapuche in Chile: Eine Geschichte der Ausbeutung

Denn die widerständigen Indigenen wurden erst von den Kolonisatoren und später dem chilenischen Staat systematisch und strukturell ausgegrenzt und ihre angestammten Gebiete ausgebeutet. In der grünen und an Rohstoffen reichen Region Araucanía geben die Nachfahren deutscher und schweizerischer Einwanderinnen und Einwanderer den Ton an. Sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts gezielt angeworben, um die Region zu besiedeln. Dafür erhielten sie vom chilenischen Staat Landtitel. Oft waren die Territorien aber Gebiete, von denen die Mapuche vertrieben worden waren. Den Nachfahren der Eingewanderten gehören noch heute die meisten Unternehmen, Ländereien sowie Eukalyptus- und Kiefernplantagen. In ihrem Kernland verfügen die Mapuche lediglich über 15 Prozent der Ländereien. Doch seit einigen Jahren setzen sie sich vehement für ihre Rechte ein, fordern die Rückgabe von Territorien und wollen Selbstbestimmung. Ein explosives Gemisch.

Wie sehr die Mapuche ignoriert werden, zeigt die Tatsache, dass in Chile anders als etwa in Argentinien oder Peru die Existenz der indigenen Völker in der Verfassung nicht anerkannt wird. Gerade deshalb war bei den massiven Sozialprotesten 2018 auch die Mapuche-Fahne eine Art Banner der Protestierenden. Und die Mapuche sind in der Mitte Mai gewählten Verfassunggebenden Versammlung besonders repräsentiert: 17 Sitze in der „Constituyente“ sind für die indigenen Gemeinschaften Chiles reserviert. Einen Sitz hat die Linguistik-Professorin und Mapuche Elisa Loncón inne, die gleichzeitig dem Gremium vorsitzt. Sie kritisierte die Ausrufung des Ausnahmezustands als „besorgniserregend“ und forderte „politische Lösungen“, die es erlaubten, „die Kultur der Mapuche zu respektieren und ihre Armut zu überwinden“.

Chiles Präsident Piñera hat einen Haufen Probleme

Für Piñera, der kaum mehr als 20 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung hat, ist der Konflikt fünf Monate vor dem Ende seiner Amtszeit nur eine von vielen Baustellen. Gerade erst hat das Parlament ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn wegen der Enthüllungen eines Recherchenetzwerkes im Rahmen der „Pandora Papers“ eingeleitet.

Hintergrund ist der Verkauf einer Bergbaufirma an einen Geschäftsmann und Freund Piñeras, während dessen erster Amtszeit. Der Verkauf über 152 Millionen Dollar wurde demnach über eine Steueroase abgewickelt. Vor wenigen Tagen hat die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren aufgrund eines Anfangsverdachts wegen Korruption und Steuervergehen gegen Piñera eingeleitet. Das chilenische Recht kennt keine Immunität für Staatschefs.

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