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Chile: Enkelin von Salvador Allende wird Verteidigungsministerin

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Von: Klaus Ehringfeld

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Maya Fernández Allende ist eine der älteren und erfahrenen Politikerinnen im künftigen Kabinett Chiles. Foto: JAVIER TORRES / AFP.
Maya Fernández Allende ist eine der älteren und erfahrenen Politikerinnen im künftigen Kabinett Chiles. © AFP

Maya Fernández‘ Großvater wollte in Chile auf demokratischem Wege eine sozialistische Gesellschaft etablieren – fast fünzig Jahre später wird auch die Enkelin Teil einer progressivem Regierung.

Als Maya Fernández Allende Ende Januar zu Chiles künftiger Verteidigungsministerin ernannt worden war, dauerte es nicht lange, bis sich die Dämonen aus der Vergangenheit zu Wort meldeten.

Es war Jaime Manuel Ojeda Torrent, Ex-Oberst während der Pinochet-Diktatur (1973 bis 1990) und verurteilter Menschenrechtsverbrecher, der mit einem gespenstischen Kommentar aufhorchen ließ. Er forderte den gewählten Präsidenten Gabriel Boric in einem Brief auf, die Nominierung der Enkelin von Salvador Allende zurückzunehmen. Die Ernennung sei „ein Affront und eine Demütigung“ für die Streitkräfte Chiles und „ihre ehrwürdige Geschichte“.

Chile: Erinnerung an das schmerzvollste Kapitel seiner Geschichte

Für Ojeda Torrent stellt die Berufung der 50-Jährigen „eine heimliche Rache“ für den Tod ihres Großvaters dar, den ehemaligen Präsidenten Chiles, der am 11. September 1973 mit einem Staatsstreich gestürzt wurde und noch am selben Tag im Präsidentenpalast starb. Fernández Allende sei nur wegen „ihres Hasses“ auf die Streitkräfte nominiert worden.

Die Sätze des verwirrten Ex-Oberst zeigen zweierlei. Zum einen lassen sie erahnen, was auf Gabriel Boric im Allgemeinen und Maya Fernández im Besonderen zukommt, wenn sie am 11. März ihren Job antreten. Beide werden sich jener rechten und ultrarechten Kräfte erwehren müssen, die alles Linke und die Demokratie noch immer für einen Angriff auf die Sicherheit und Souveränität des kleinen südamerikanischen Landes halten.

Ein Bruch mit Chiles Erbe der Militärdiktatur

Aber Fernández Allende zu nominieren, ist vor allem eine historisch richtige und politisch kluge Entscheidung, um Chile mit dem schmerzvollsten Kapitel seiner Geschichte zu versöhnen. Allendes Enkelin stellt als Chefin der Streitkräfte einen Bruch mit dem Erbe der Militärdiktatur dar und das bietet die Chance, das Verhältnis zwischen den Bürger:innen und den Militärs neu zu definieren.

Die künftige chilenische Regierung ist die vielfältigste in der Geschichte des Landes. 14 der 24 Ressorts werden von Frauen geführt. Acht der Minister und Ministerinnen sind Unabhängige. Fernández Allende ist eine der älteren und erfahrenen Politikerinnen im künftigen Kabinett. Sie ist seit 2014 Abgeordnete und saß dem Unterhaus zwei Jahre als Vorsitzende vor. Sie ist Mitglied der Sozialistischen Partei (PS), der auch ihr Großvater angehörte. Im vergangenen Wahlkampf unterstützte die PS offiziell eine gemäßigtere Kandidatin als Boric. Aber Fernández bekannte sich vor der Stichwahl als eine der ersten öffentlich zu dem jungen Linken des Bündnisses „Frente Amplio“ und machte bei Reisen durchs ganze Land Werbung für ihn.

Allende ist die zweite Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums

Die Politikerin habe versucht, „die PS nach links zu rücken, um auf die Forderungen des sozialen Aufstands von 2019 zu reagieren“, sagt María Pía Martin, Politologin an der Universität von Chile. „Wie Boric hat sie eine große Nähe zu sozialen Organisationen und der Zivilgesellschaft.“ Dieser inhaltlichen Übereinstimmung und dem politischen Symbolismus hat die Politikerin mit dem berühmten Namen ihre Ernennung zu verdanken.

Fernández Allende ist die zweite Frau an der Spitze dieses gerade in Chile sehr herausfordernden Ministeriums. Von 2002 an war Michelle Bachelet Verteidigungsministerin und machte ihren Job so gut, dass sie 2006 sogar zur Präsidentin des südamerikanischen Landes aufstieg. Die Sozialistin war Tochter des Luftwaffengenerals Alberto Bachelet, der Allende 1973 treu blieb. Er starb ein halbes Jahr nach dem Staatsstreich an einem Herzinfarkt infolge der Misshandlungen durch die Folterknechte der Diktatur im Gefängnis.

Maya Fernández Allende steht aber vor ganz anderen Herausforderungen als damals Michelle Bachelet. Die künftige Ministerin wird sich mit einer neuen Position der Streitkräfte in der Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Die vielen Privilegien, die das Militär in der aus der Diktatur stammenden Verfassung genießt, dürften bald der Vergangenheit angehören. Die aktuelle Magna Charta widmet ihnen ein eigenes Kapitel, in dem weitgehende Sonderrechte bei Abgaben, Steuern, Gesundheit und Pension festgeschrieben sind. Für einige Analyst:innen liegt genau darin der Charakter der „Supermacht“, den die Streitkräfte in Chile haben und der ihre Überheblichkeit erklärt.

Chile: Die Militärs dürften ihre übermächtige Position verlieren

Aber der Verfassungskonvent, der bis Juli ein neues Grundgesetz für Chile erarbeiten muss, diskutiert gegenwärtig zehn verschiedene Vorschläge, wie der Status der Streitkräfte an ein demokratisches Chile angepasst werden kann. Klar ist aber, dass die Militärs ihre übermächtige Position verlieren werden. Sehr zu ihrem Ärger.

Schrecken kann das die künftige Ministerin aber kaum. Sie hat schon wesentlich Schlimmeres erlebt. Ihre Biografie ist gezeichnet von persönlichen Verlusten und viel Schmerz.

Sie hat ihren Großvater verloren, da war sie kaum zwei Jahre alt, dann floh sie mit ihrer Mutter Beatriz Allende und ihrem kubanischen Vater auf die kommunistische Insel und blieb dort 20 Jahre. Als sie sechs Jahre alt war, nahm sich ihre Mutter in Havanna das Leben.

Allende„Ich habe eine interessante, aber nicht immer leichte Geschichte“

1992 kehrte Maya Fernández nach Chile zurück, in ein für sie unbekanntes Land. Sie erlebte Ausgrenzung wegen ihres kubanischen Akzents, den sie sich in Windeseile abgewöhnte. „Ich habe eine interessante, aber nicht immer leichte Geschichte“, sagt Fernández Allende heute und untertreibt dabei sehr. Aber sie redet ohnehin nicht gerne über sich selbst, sondern lieber über ihre Politik.

In Chile studierte sie zunächst Biologie und Tiermedizin. „Das politische Virus hat mich erst spät gepackt“, sagte sie einmal. 2008 begann sie an der Basis als Stadtteilvertreterin, 2010 wurde sie ins Zentralkomitee der PS gewählt. Richtig Fahrt nahm Allendes Karriere aber erst im Zuge des Aufstands von 2019 auf.

Wenn sie sich bis September 2023 im Amt hält, wird die Enkelin des gestürzten Präsidenten vor einer heiklen Aufgabe stehen: der Organisation der Gedenkfeiern des Verteidigungsministeriums zum 50. Jahrestag des Putsches gegen Salvador Allende.

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