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Charlotte Wiedemann: „Von einem Erinnern ohne Hierarchie sind wir sehr weit entfernt“

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Von: Sabine Hamacher

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In Bristol wird im Sommer 2020 das Denkmal eines Sklavenhändlers gestürzt. Durch konkrete Aktionen entwickelt sich das Erinnern über nationale und kulturelle Grenzen hinweg, sagt Charlotte Wiedemann.
In Bristol wird im Sommer 2020 das Denkmal eines Sklavenhändlers gestürzt. Durch konkrete Aktionen entwickelt sich das Erinnern über nationale und kulturelle Grenzen hinweg, sagt Charlotte Wiedemann. © dpa

FR-Event Wie kann die Menschheit lernen, der Opfer von Massenverbrechen zu gedenken - ohne die Gräueltaten gegeneinander aufzuwiegen? Die Publizistin Charlotte Wiedemann über Perspektivwechsel, ihre Vorstellungen von einem Weltgedächtnis und eine gecancelte Podiumsdiskussion in Israel

Frau Wiedemann, in Ihrem Buch „Den Schmerz der Anderen begreifen“ werben Sie für eine neue Erinnerungskultur, für die Utopie eines Weltgedächtnisses. Wie muss ich mir ein solches Weltgedächtnis vorstellen?

Ich unterscheide den Begriff Weltgedächtnis von etwas, das andere als „globale Erinnerung“ bezeichnen. „Global“ klingt mir zu sehr nach Vereinheitlichung, nach Einebnen. Das Weltgedächtnis ist gegenwärtig eine sehr zerklüftete Landschaft, von der wir kein komplettes Bild haben können, denn es gibt keinen unvoreingenommenen, neutralen Blick darauf, wie in unterschiedlichen Teilen der Welt erinnert wird. Ich wünsche mir, dass wir neue Wege durch diese Landschaft finden und sie irgendwann etwas weniger schroff zerklüftet ist.

Warum brauchen wir das?

Es geht um mehr Wertschätzung für die landschaftlichen Eigenheiten anderer, um im Bild zu bleiben. Ziel wäre – ganz vorsichtig formuliert – ein gerechterer Umgang mit den jeweiligen Erinnerungen der Menschheit an Opfer, großes Leid und Massenverbrechen.

Wie könnten Wege dahin aussehen?

Betrachten wir beispielsweise, welche weltweiten Auswirkungen die Proteste gegen den Polizeimord an George Floyd in den USA im Mai 2020 hatten. Wenig später kam es zum legendären Sturz des Denkmals eines Sklavenhändlers in Bristol, und vor kurzem hat sich in den Niederlanden der Regierungschef für die Versklavung von Menschen in der Geschichte seines Landes entschuldigt. Letzteres ist direkt auf den Druck zurückzuführen, der in den Niederlanden im Zuge der George-Floyd-Proteste entstanden ist. Über einen Zeitraum von zwei Jahren hat sich zwischen den USA und Europa ein Netzwerk von Geschehnissen gebildet. Daraus leite ich die These ab, dass sich Erinnern über nationale und kulturelle Grenzen hinweg eher durch konkrete Aktionen entwickelt und weniger dadurch, dass man an Universitäten Konzepte dafür schreibt.

Im Grunde ist der Fall George Floyd schon Teil eines Weltgedächtnisses?

Das Weltgedächtnis ist meines Erachtens ohnehin da. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. In diesen Tagen bin ich manchmal geneigt, Vergleiche zur Klimakrise zu ziehen. Durch diese Krise lernen wir allmählich, dass alle Menschen auf der Welt das gleiche Recht auf Unversehrtheit und auf ein Leben in Sicherheit haben. Aber es fällt uns sehr schwer, menschliche Gleichheit konkret zu denken. Es ist etwas anderes, ob man dem Postulat von Gleichheit allgemein zustimmt, oder ob man wirklich allen das gleiche Recht auf Geschichtlichkeit zuerkennt. Und es gibt nicht nur Hierarchien bei der Anerkennung vergangenen Leids, sondern auch Hierarchien der Anerkennung eines Rechts auf Nicht-Leiden.

Das klingt abstrakt.

Ein Beispiel: Wir sorgen uns, ob wir in diesem Winter wegen Energiemangels Kälte leiden müssen, wir sehen Hunger und anderes Ungemach in der Sahelzone aber als Teil der landschaftlichen Gegebenheiten an. Es gibt nicht nur Hierarchien in der Anerkennung von vergangenem Leid – siehe die nur sehr zögerliche Anerkennung von Kolonialverbrechen – sondern es gibt auch, direkt damit verknüpft, eine Hierarchie der Anerkennung des Rechts eines jeden Menschen auf Nicht-Leiden. Dieser Gedanke beschäftigt mich gerade sehr, weil wir hier sehen, dass es eine Verbindung gibt zwischen dem Blick auf die Vergangenheit und aktuellen Fragen von Gerechtigkeit.

Charlotte Wiedemann , geboren 1954, ist Publizistin und Auslandsreporterin. Sie gehört dem Wissenschaftlichen Beirat des Zentrums Moderner Orient an, hält Vorträge zur Erinnerungskultur, ist Kolumnistin der „taz“ und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht.
Charlotte Wiedemann , geboren 1954, ist Publizistin und Auslandsreporterin. Sie gehört dem Wissenschaftlichen Beirat des Zentrums Moderner Orient an, hält Vorträge zur Erinnerungskultur, ist Kolumnistin der „taz“ und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. © Anette Daugardt

Nehmen wir Bezug auf die aktuelle Weltlage: Was bedeutet die Frage nach der Hierarchie von Leiderfahrung mit Blick auf den Krieg in der Ukraine?

Die Redewendung „Den Schmerz der Anderen begreifen“ ist nicht einfach eine Zuteilung von Gefühl, sondern eher der Appell, sich verstandesmäßig und rational für einen Moment in die Lage einer anderen Seite zu versetzen – kulturell, geschichtlich, wie auch immer – und von dort aus deren Perspektive einzunehmen. Was den aktuellen Konflikt angeht, habe ich beobachtet, wie sich unser Blick auf die Ukrainerinnen und Ukrainer verändert hat. Vor dem Krieg waren sie die billigen Arbeitskräfte in den Alten- und Pflegeheimen oder der privaten Altenversorgung und hatten eigentlich gar keine Stimme – arme Werktätige in ungesicherten Verhältnissen aus dem Osten. Ab dem Tag des russischen Angriffs waren die Ukrainerinnen und Ukrainer diejenigen, die „unsere Werte“, also die Werte des Westens, verteidigen. Hier sieht man, wie sich die Empathievergabe und auch die Fähigkeit, den Schmerz Anderer zu begreifen, kurzfristig durch politische Zuschreibungen verändert hat.

Sie schreiben, Mitgefühl und das Empfinden von Nähe seien kulturell eingeübt.

Wobei ich Empathie und Mitgefühl gerne trennen möchte; diese Begriffe werden irrtümlicherweise gleichgesetzt. Empathie ist vor allem ein intellektueller Vorgang. Aber natürlich ist es so, dass Mitgefühl – im Sinne des schlichten alltäglichen Moments, in dem ich etwas sehe und dann entweder mitfühle oder mich kalt abwende – nicht nur kulturell eingeübt ist, sondern auch wieder von den politischen Vorgaben abhängt. Das sieht man sehr gut an der Haltung gegenüber Flüchtlingen: Zumindest in der Anfangszeit des Krieges hat es großes Mitgefühl mit den geflüchteten Ukrainer:innen gegeben, während zur selben Zeit an den Ostgrenzen der EU weiterhin Menschen unter furchtbaren Umständen an Zäunen ausharrten.

Die Situation hat sich nicht verändert.

Die Situation hat sich nicht verändert, aber interessanterweise ist in Teilen der Gesellschaft die Empathie gegenüber den ukrainischen Geflüchteten schon wieder etwas umgekippt zugunsten einer allgemeinen Abwehr. Wir sehen: Die Empathievergabe kann sich sowohl längerfristig – etwa vom Kolonialismus bis heute – als auch kurzfristig ändern, immer gemäß politischen Zuschreibungen und auch gemäß dem Menschenbild, das wir von den einstigen oder eben den heutigen Opfern haben.

Wie kann denn ein Erinnern ohne Hierarchie gelingen?

Von einem Erinnern ohne Hierarchie sind wir sehr weit entfernt. Ich glaube generell, dass es uns noch ungeheuer schwerfällt, die Fantasie dafür zu entwickeln, wie ein nicht von Hierarchie, Ungerechtigkeit oder auch den Auswirkungen des Kolonialismus gezeichnetes Weltgedächtnis aussehen kann. Letztendlich ist Kolonialismus nichts anderes als die Verweigerung von Gleichheit. Wir sind alle davon geprägt – sowohl die Nachkommen der kolonialisierenden Kräfte als auch die Nachkommen der Kolonialisierten. Wir müssen ganz neue Potenziale für ein utopisches Denken entwickeln.

Der Utopische Raum

Live erleben können Sie Publizistin Charlotte Wiedemann am Mittwoch, 25. Januar, im Frankfurter Medico-Haus. In der Reihe „Der utopische Raum im globalen Frankfurt“ spricht sie über die Frage, wie aus unterschiedlichen historischen Erinnerungen an Kriege, Verbrechen und Konflikte ein Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in der Zukunft werden kann: ein „Weltgedächtnis“, so Wiedemann im Untertitel ihres Buches „Den Schmerz der Anderen begreifen – Holocaust und Weltgedächtnis“.

Wiedemann plädiert dafür , der Erinnerung an die Shoah und dem Gedenken an die Gewalttaten etwa von Kolonialmächten gemeinsam Raum zu geben, statt sie gegeneinander auszuspielen. Nach dem Vortrag folgt eine Diskussion mit der Augsburger Soziologin Dr. Annette Knaut und dem Publikum. Knaut forscht unter anderem über „transkulturelle Diskursräume“. Es geht unter anderem um die Frage, wie ein globales öffentliches Gespräch zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sprache aussehen könnte, das im Idealfall zu einem gemeinsamen „Weltgedächtnis“ führt.

Die Veranstaltung , deren Moderation FR-Autor Stephan Hebel übernimmt, beginnt am Mittwoch, 25. Januar, um 19 Uhr im Medico-Haus, Lindleystraße 15, Frankfurt. Im Livestream kann sie auf dem Youtube-Kanal von Medico international verfolgt werden. „Der Utopische Raum“ ist eine Kooperation von Medico international, dem Institut für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau. Sie dient in diesem Jahr auch der Vorbereitung der „Globalen Versammlung“, die vom 14. bis 17. Mai aus Anlass des 175. Jahrestages der Nationalversammlung von 1848 in der Paulskirche stattfinden wird.

In anderer Form als im „utopischen Raum“ wird Charlotte Wiedemann einen Tag später noch einmal in Frankfurt zu erleben sein: Auf Einladung des Geschichtsorts Adlerwerke und des Vereins „Leben und Arbeiten im Gallus und Gutleut“ findet am Donnerstag, 26. Januar, um 19 Uhr im Gallus Theater (Adlerwerke, Kleyerstraße 15) eine Lesung aus „Den Schmerz der Anderen begreifen“ statt. Der Eintritt ist an beiden Abenden frei. FR

Zu einem anderen Aspekt: „Wer die Shoah benutzt, um anderes Leid zu degradieren, hat ihre wichtigste Lehre nicht verstanden“, schreiben Sie. Wo verorten Sie sich im Konflikt rund um die Documenta?

Es war richtig und notwendig, die antisemitische Darstellung auf einem der Bilder des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi zu verurteilen. Aber alles andere war für mich eine dramatisch verpasste Chance. Als Reporterin, die viel in Indonesien war, bin ich vertraut mit dem, was die Bilder anklagten: der westlichen Unterstützung – etwa in Gestalt des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl – für den indonesischen Diktator Suharto, der für die Ermordung einer halben Million Menschen verantwortlich war. Mit Ausnahme von Hans Eichel, der eine Entschuldigung vorschlug, hat es kaum Zeichen gegeben, dass die künstlerische Anklage verstanden worden ist. Ich bedaure, dass es nicht so etwas wie eine Begegnung von Gedächtnissen gegeben hat.

Was meinen Sie damit?

In Deutschland, dem Land der Shoah, wird richtigerweise Antisemitismus und der Kampf dagegen besonders wichtig genommen. Aber nun wurden Künstler, die eigentlich als Botschafter von Opfern zur Documenta gekommen waren, mit ihren Erinnerungen an ein anderes großes Verbrechen des 20. Jahrhunderts, bei uns quasi zu Tätern – wegen dieses einen Bildes oder meinetwegen auch zweien, da streiten sich die Experten. Unsere Gäste waren die Täter, und wir, die Deutschen, die Richter.

Ortswechsel: Am 9. November waren Sie in Tel Aviv im Goethe-Institut zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, bei der es – auf der Grundlage Ihres Buches – um die deutsche Erinnerungskultur in Bezug auf den Holocaust und die Nakba gehen sollte, also um Vertreibung und Entrechtung der Palästinenser:innen im Zuge der Staatsgründung Israels 1948. Es gab lautstarke Kritik, unter anderem von der israelischen Regierung: Die Nakba am Jahrestag der Novemberpogrome zu thematisieren, sei eine Verharmlosung des Holocaust, hieß es. Schließlich sagten die Veranstalter die Diskussion ab. Wie sehr hat Sie dieser Vorfall überrascht?

Die Vehemenz hat mich schon überrascht. In Israel bezog sich die Kritik fast ausschließlich darauf, dass wir über die Nakba reden wollten, und nicht auf das Datum; der 9. November ist dort weit weniger herausgehoben als in Deutschland. Das Stichwort Nakba ist mittlerweile in der israelischen Gesellschaft sehr bekannt; die Verbrechen, die damals geschehen sind – Massaker und Vertreibungen – sind kein Geheimnis. Meines Wissens fehlt es dort aber weitgehend an Empathie. Es ist kein schönes Erlebnis, wenn eine Veranstaltung gecancelt wird, die unter dem Titel meines Buches stand. Ich hatte allerdings auch einige Kritik am Verhalten der deutschen Institutionen. Mit etwas mehr Rückgrat gegenüber den Vorwürfen hätte man ein sinnvolleres Vorgehen finden können.

Interview: Sabine Hamacher

Charlotte Wiedemann: Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis.
Charlotte Wiedemann: Den Schmerz der Anderen begreifen. Holocaust und Weltgedächtnis. © Propyläen Verlag

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