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Charlotte Knobloch: „Meine Koffer sind ausgepackt“

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Von: Patrick Guyton

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Charlotte Knobloch engagiert sich seit Jahrzehnten für das jüdische Leben in Deutschland.
Charlotte Knobloch engagiert sich seit Jahrzehnten für das jüdische Leben in Deutschland. © dpa

Über Jahrzehnte haderte Charlotte Knobloch damit, im Land des Holocausts zu leben. Nun wird sie 90 Jahre alt – und fühlt sich in München endlich zuhause.

Das große Besprechungszimmer der jüdischen Gemeinde liegt im obersten fünften Stock des Gebäudes und bietet einen Traumblick auf die Silhouette Münchens: Frauenkirche, der Turm des Rathauses am Marienplatz, der Alte Peter. Man kann rausgehen auf den Dachgarten, dort war auch schon Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel, gemeinsam mit der Dame des Hauses.

Charlotte Knobloch kommt allein ins Zimmer, die zwei Leute vom Polizeischutz bleiben dezent vor der Tür. Sie geht sicher, nur ein wenig vornüber gebeugt. Wie immer ist sie recht edel gekleidet, viel Schmuck, Schminke, die Fingernägel dunkel lackiert. Gegen Ende des Gespräches wird sie aus dem hohen Fenster schauen, auf die Türme und die Synagoge direkt unten am Jakobsplatz, und sagen: „Das ist meine Heimat, ich liebe diese Stadt.“

Charlotte Knobloch: Zeitzeugin des Holocaust und Mahnerin gegen den Antisemitismus

Dieser Satz ist keineswegs selbstverständlich. An diesem Samstag, 29. Oktober, wird Charlotte Knobloch 90 Jahre alt. Ein großes Leben liegt hinter ihr, und sie macht weiter – als Jüdin und als Deutsche. Als Opfer des Nationalsozialismus und wesentliche Kraft beim Wiederaufbau des Judentums in Deutschland. Als Zeitzeugin und Mahnerin gegen den Antisemitismus. Menschen von diesem Format sind nicht mehr viele am Leben.

Wenn man sie fragt, wie sie täglich ihr – ehrenamtliches – Arbeitspensum bewältigt, dann lacht sie und sagt in ihrem schönen, weichen Münchnerisch: „Man hat mich gewählt und mir eine Verantwortung übertragen, die ich gerne erfülle. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich hierher komme und sehe, wie das jüdische Leben sich entwickelt.“ Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), so die offizielle Bezeichnung. Zwischen 2006 und 2010 war sie auch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland und damit höchste Vertreterin des Judentums.

Knobloch als Kind vor den Nazis bewahrt

Nicht ganz zehn Jahre alt war sie, als sie München verlassen musste, im Sommer 1942, damals hieß sie noch Charlotte Neuland. Ihr Vater Fritz, ein angesehener Rechtsanwalt, wusste, was auf das Mädchen zukommen würde: Deportation, Lager, der Tod. Doch es fand sich ihre „Retterin“, wie Knobloch die damals 35-jährige Kreszentia Hummel bezeichnet.

„Zenzi“ wurde sie gerufen, die streng katholische und ledige Frau. Sie lebte und arbeitete bei den Eltern auf dem Bauernhof in Mittelfranken in dem kleinen Markt Arberg. Zenzi hatte das Mädchen kennengelernt, als sie noch Hausbedienstete in Nürnberg war, bei Charlotte Knoblochs Onkel. Sie hatten sich gemocht, viel gescherzt und gespielt.

Charlotte Knobloch: Auf dem Bauernhof vor den Nazis versteckt

Als es um Charlottes Leben ging, nahm Kreszentia Hummel das Mädchen auf den Hof auf – und gab es als ihr eigenes, uneheliches Kind aus, Lotte Hummel. Einzig ihre Eltern und der Pfarrer waren eingeweiht. Im Ort galt sie als blamiert bis auf die Knochen – ausgerechnet die Frau mit der großen Frömmigkeit kam mit einem unehelichen Kind daher. Tatsächlich war diese Aufnahme des eigentlich jüdischen Kindes Charlotte aber für Hummel und deren Eltern lebensgefährlich. Wäre es herausgekommen, hätten NS-Schergen sie hingerichtet.

Vater Fritz Neuland holte seine Tochter nach dem Sieg über Nazi-Deutschland von Arberg nach München ab. Er hatte als Zwangsarbeiter überlebt, seine Ehefrau und Mutter von Charlotte war eine konvertierte Jüdin und hatte die Familie bereits 1936 verlassen. Charlotte Knobloch, so berichtet ihr Biograf, der Journalist Michael Schleicher, besuchte die Handelsschule und arbeitete in der wiedereröffneten Kanzlei des Vaters. Sie lernte Samuel Knobloch kennen, einen jungen Mann, der das KZ Buchenwald überlebt hatte, 1951 heirateten sie.

Jüdisches Leben im Land des Holocausts

War das die Zeit, als die zurückgekehrten Jüdinnen und Juden voller Kraft ihre Gemeinden wieder aufbauten? „Nein, viele Überlebende haben Deutschland nur als Durchgangsland angesehen“, erinnert sich Knobloch. „Sie wollten in andere Länder – die Vereinigten Staaten, Australien und auch Palästina beziehungsweise später Israel.“ Das strebten auch sie und ihr Mann an: „Ich wollte nicht in dem Land leben, das mir das angetan hat, was ich erlebt habe. Mein Gedanke war: weg von diesem Land.“ Das Paar hatte St. Louis im US-Staat Missouri als Ziel. Aber: „Wir hatten dann Kinder bekommen, sie haben uns sozusagen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Letztlich wollten wir die Kinder nicht rausreißen.“ Die Koffer aber blieben gepackt.

Samuel Knobloch arbeitete als Kaufmann, sie kümmerte sich um die drei Kinder und engagierte sich mehr und mehr in der noch kleinen jüdischen Gemeinde Münchens, mit Sitz in der Synagoge in der Reichenbachstraße. „Die Opfergruppe hat für sich gelebt, die Tätergruppe hat für sich gelebt“, beschreibt Knobloch diese Zeit, „es gab eine starke Trennung.“ Und: „Es wurde den Juden in Deutschland nicht verziehen, dass sie überlebt hatten.“ Bis 1933 hatte die jüdische Gemeinde 13 000 Mitglieder, nach dem Zweiten Weltkrieg waren es 2700. Seitdem ist die Zahl auf 9500 gestiegen, Zuwachs kam vor allem durch die eingewanderten Jüdinnen und Juden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Das Jüdische Zentrum im Herzen von München betrachtet Charlotte Knobloch als ihr Lebenswerk.
Das Jüdische Zentrum im Herzen von München betrachtet Charlotte Knobloch als ihr Lebenswerk. © Imago / imagebroker

Die Gebäude auf dem Jakobsplatz – um die Ecke der Viktualienmarkt – sieht Charlotte Knobloch als wichtigstes Lebenswerk an. Am 9. November 2006 wurde die Ohel-Jakob-Synagoge eingeweiht, das fand weltweit Beachtung. Gegenüber entstand das Gemeindezentrum, daneben das Jüdische Museum, betrieben von der Stadt. Heute wird das Ensemble, so schreibt Michael Schleicher, auch „Charlottenburg“ genannt. Im Gemeindezentrum gibt es einen Kindergarten und eine Ganztags-Grundschule für jüdische und nicht-jüdische Kinder. Ein jüdisches Gymnasium wird von hier aus organisiert, ebenso ein Altenheim. Ein Haus voller Leben, so wollte es Charlotte Knobloch.

Doch die Gebäude auf dem Jakobsplatz müssen bewacht und beschützt werden. Antisemitische Attentate sind immer möglich, das zeigte zuletzt der Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 mit zwei Morden in der Folge. Panzerglas ist eingebaut in München, an Ein- und Ausgang befinden sich Sicherheitsschleusen. Beschäftigte sagen: „Wir sind das nicht anders gewohnt.“ Auch Knobloch berichtete selbst unlängst dem Magazin „Stern“, sie bekomme fast täglich Morddrohungen. Anzeige erstatte sie schon gar nicht mehr, ihrer Erfahrung nach nütze das überhaupt nichts. Von der deutschen Justiz fühlt sie sich „verlassen“.

Knobloch: Die AfD will „die Demokratie zerstören“ und betreibe „Hass gegen Juden“

Mahnen, erinnern, vor dem immer wieder neu aufflammenden Antisemitismus warnen – das ist ein Job von Charlotte Knobloch. Über die AfD meint sie: „Diese Partei will die Demokratie zerstören, sie betreibt Hass gegen Juden.“ Und wie kann man den Antisemitismus vertreiben? „Das können wir Juden nicht alleine. Wir brauchen die große Unterstützung der Politik, die sich geeint zeigt und sich klar und öffentlich gegen diese Haltung stellt.“

Charlotte Knobloch ist ein Familienmensch, doch ihr Mann verstarb 1990. Ihre drei Kinder, die Enkel und Urenkel leben im Ausland. Sie hält regelmäßig Kontakt zu ihnen, besucht sie immer wieder. Knobloch meint: „Ich lebe alleine hier und habe deshalb mehr Zeit. Ich freue mich immer, wenn ich etwas tun kann.“ Und wenn sie mal Freizeit hat, schaut sie gern Fußball. Knobloch kennt sich da sehr gut aus und ist ein eingefleischter Fan des FC Bayern München.

Knobloch-Retterin Hummel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt

Erst im Juli dieses Jahres ist sie nach Arberg gefahren ans Grab von Zenzi Hummel, ihrer Retterin. Diese ist 2002 im Alter von 95 Jahren gestorben. Im Ort steht nun eine Bronzeskulptur, die Hummel und das damalige Mädchen Charlotte Neuland zeigt. 2017 wurde Hummel posthum von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Diese Auszeichnung erhalten Nichtjüdinnen und Nichtjuden , die Jüdinnen und Juden vor der Ermordung gerettet haben.

Vor allem das Jüdische Zentrum ist Knobloch zur Heimat geworden. Genau dort, sagt sie, müsse jüdisches Leben gelebt werden, mitten in der Stadt. Nach der Eröffnung habe sie gesehen, „dass das von der Bevölkerung sehr positiv aufgenommen wird“. Erst da, 2006, hat sie beschlossen: „Meine Koffer sind ausgepackt, ich bin da. Das hat mein Leben leichter gemacht.“

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