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Nach Terroranschlag

Charlie Hebdo: Satirezeitung zeigt umstrittene Mohammed-Karikaturen erneut 

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
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In Paris beginnt der Prozess der Charlie-Hebdo-Anschläge von 2015. Vor Gericht stehen ein Komplize und 13 Mitläufer.

  • Anschlag auf „Charlie Hebdo“: In Paris beginnt das Strafverfahren gegen mutmaßliche Helfer der Attentäter
  • Die Verdächtigen müssen sich wegen „Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe“ verantworten
  • Die Anschläge stehen symbolisch für den Auftakt einer islamistischen Terrorserie in Frankreich

Es waren dramatische Tage, die bereits in die Geschichtsbücher eingegangen sind. Am 7. Januar 2015 platzten zwei schwarz gekleidete Attentäter – heute als die „Kouachi-Brüder“ bekannt – in die wöchentliche Redaktionssitzung des Pariser Satiremagazins „Charlie Hebdo“. Mit ihren Kalaschnikows erschossen sie zwölf Anwesende, darunter mehrere landesweit bekannte Zeichner, die immer wieder Mohammed-Karikaturen gebracht hatten.

Im allgemeinen Tumult ging fast unter, dass ein dritter Terrorist, Amédy Coulibaly, einen Tag später im Vorort Montrouge einen Polizisten ermordete. Nochmal einen Tag später nahm er im Supermarkt „Hyper Cacher“ Geiseln und erschoss vier jüdische Kunden, bevor er von Elitepolizisten selbst erschossen wurde. Fast zur gleichen Stunde streckte die Polizei Saïd und Chérif Kouachi in einem Firmengebäude im Osten von Paris nieder.

Terrorattacke auf „Charlie Hebdo“: Frankreich unter Schock

Frankreich stand unter Schock. Am 11. Januar folgten auf der Straße fast vier Millionen Menschen dem Slogan „Je suis Charlie“. Denn mit dem politisch unkorrekten Satiremagazin war das ganze Freiheits- und Laizismuskonzept der französischen Republik getroffen. Auch wirkte der Anschlag wie ein Auslöser für weitere, noch mörderische Anschläge, darunter auf das Pariser Konzertlokal Bataclan oder die Promenade des Anglais in Nizza.

Straßenmaler Christian Guemy ehrt in Paris die Opfer der islamistischen Attentate von 2015.

Jetzt wird das Trauma von Januar 2015 erstmals aufgearbeitet. Die Justiz hat sehr lange ermittelt und bringt vierzehn Männer in dem schwer gesicherten Schwurgericht auf die plexiglasgeschützte Anklagebank. Es sind Hintermänner. Die drei Hauptattentäter sind tot. Coulibalys Braut Hayet Boumedienne wurde 2019 in Syrien gesichtet, zwei weitere Mithelfer sollen dort umgekommen sein. Von den Angeklagten muss sich einer wegen direkter Komplizenschaft verantworten, die übrigen sollen logistische Hilfe geleistet haben.

Attacke auf „Charlie Hebdo“: Öffentlichkeit hat sich an Terrordrohung fast gewöhnt

Die bis in den November dauernden, für die Nachwelt gefilmten und in vier Säle übertragenen Verhandlungen dürften sich um eine Frage drehen: Setzt der Tatbestand der „Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung“ voraus, dass die Täter über die geplanten Morde im Bilde waren, wenn sie Autos oder Waffen beibrachten? Denn natürlich bestreiten alle der Angeklagten, von den Terrorplänen auch nur gewusst zu haben. Sofern sie überhaupt ihr Schweigen brechen werden.

Diese Frage wird das Schwurgericht, Dutzende von Anwälten und 200 Zivilklägerinnen und Zivilkläger beschäftigen. Weniger die breite Öffentlichkeit, die sich an die Terrordrohung fast gewöhnt hat. Die im Januar 2015 ausgelösten Terrorwelle ist inzwischen verebbt – sicherlich auch, weil im Zuge von „Charlie Hebdo“ und der folgenden Anschläge Tausende neue Ermittler, darunter immer mehr Informatiker, angeheuert wurden. Sie überwachen knapp 10.000 französische Salafisten und andere Radikalisierte.

Zwischen 2020 und 2022 kommen zudem 150 wegen Terrorumtriebe verurteilte Häftlinge auf freien Fuß. Diese „sortants“ (Freikommende) stellen laut Jean-Charles Brisard vom Zentrum für Terroranalysen eine akute Bedrohung dar. Antiterror-Staatsanwalt Jean-François Ricard machte am Montag zudem publik, dass in Frankreich in den vergangenen Monaten „mindestens ein halbes Dutzend Anschläge vereitelt“ worden seien. Allerdings sieht der Islamexperte Gilles Kepel die Gefahr eher in französischen Übersee- oder Interessengebieten wie dem Sahel.

„Charlie Hebdo“ provoziert tapfer weiter

Solche Aussagen bewirken in der Bevölkerung derzeit kaum mehr als Schulterzucken. Frankreich ist zu sehr mit der Corona-Pandemie und der Wirtschaftskrise beschäftigt. Als ein Alleintäter im April in Romans-sur-Isère zwei Passanten erstach und die Staatsanwaltschaft von einem „religiösen“ Motiv ausging, sorgte das kaum für Schlagzeilen.

Dasselbe gilt auch für „Charlie Hebdo“ selbst. Das Satiremagazin macht und provoziert tapfer weiter. Doch die Auflage sank wieder auf 50.000, nachdem sie nach Januar 2015 von gerade noch 20.000 auf 180.000 hochgeschnellt war. Eine Ausgabe auf Deutsch ist mittlerweile eingestellt worden.

„Charlie Hebdo“ hat Trauma bis heute nicht überwunden

„Der Geist von Charlie hat sich verflüchtigt“, urteilt die ihm früher gewogene Zeitschrift „Marianne“. Das konservative „Pendant le point“ schätzt, dass nicht nur „Charlie Hebdo“, sondern der gesamte öffentliche Diskurs in Frankreich „unfreier“ geworden sei und „unter Überwachung“ stehe. Das Satiremagazin zeichne sich durch „fünf Jahre Kapitulation“ aus, da es keine Mohammed-Karikaturen mehr bringe.

Diese Urteile klingen sehr hart für eine Redaktion, die fast völlig ausgelöscht worden war. „Charlie Hebdo“ hat sein eigenes Trauma bis heute nicht überwunden. Aber Chefredakteur Laurent Sourisseau, der den Anschlag mit einem Schuss in die rechte Schulter überlebt hat, lässt nicht locker. In seiner neuen Ausgabe bringt „Riss“, wie er nur genannt wird, die früheren Mohammed-Zeichnungen von neuem. Es sind zwar keine neuen Karikaturen darunter. Der Hinweis dazu ist aber klar: „Wir geben nie auf.“ (Stefan Brändle)

Rubriklistenbild: © AFP

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