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Ukrainische Schützenpanzer und Infanterie bei Krasmatorsk.
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Ukrainische Schützenpanzer und Infanterie bei Krasmatorsk.

Ukraine

Chaos im Osten der Ukraine

  • Christian Esch
    VonChristian Esch
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Die ukrainische Regierung scheint ihren Einfluss im Osten des Landes weiter zu verlieren. Auf die Armee ist auch kein Verlass, Banden nutzen das Chaos aus.

In der Ostukraine wird gerade eine neue Grenze gezogen, die das Land in zwei Teile spalten wird. Aber wo sie genau verlaufen wird, das ist noch ungewiss. Am Dienstagmittag verläuft die Front gleich hinter dem Städtchen Isjum, was zu deutsch „Rosine“ heißt. Isjum liegt im Osten der Region Charkow. Wer von der Gebietshauptstadt dorthin fährt, durchquert endlos weite, leicht gewellte Felder.

Hinter Isjum beginnt dann das Donbass, das ukrainische Industriegebiet mit seinen Abraumhalden. Das Charkower Gebiet steht noch unter Kiewer Kontrolle. Für das Donbass gilt das offenbar nicht mehr. Jedenfalls zeigt die Kiewer Führung an der Ausfahrt von Isjum nach Osten ein letztes Mal Flagge.

Am Dienstagmittag stehen rechts der Straße Schützenpanzerwagen mit an den Antennen aufgezogenen blau-gelben Fahnen, davor sieht man Truppen in Tarnanzügen und Männer in den dunklen Uniformen des Innenministeriums. Ein Dutzend Busse sind auch da und ein Transporthelikopter. Der Reisebus, der von Charkow aus gekommen ist und weiter nach Osten fährt, wird flüchtig inspiziert: „Drogen, Waffen?“, fragt ein Polizist fast schüchtern, dann verlässt er den Bus wieder.

Dahinter beginnt ein Niemandsland, und dann kommt die neue Hochburg des ostukrainischen Separatismus. Seit Bewaffnete am Wochenende die Slawjansker Polizeiwache und die Vertretung des Geheimdienstes SBU stürmten, ist die Stadt zum Vorposten der „Volksrepublik Donezk“ geworden. Lange zerbricht sich der Taxifahrer den Kopf, wie er einen von der Bushaltestelle am besten in die Innenstadt bringen kann, so viele Barrikaden sind in den letzten Tagen errichtet worden. Er hat offenkundig Angst, einen Fremden zu transportieren. Am Ende entfernt er sogar das Taxischild von seinem Dach. „Und wenn sie uns anhalten, sagen wir, ich hab Dich einfach so mitgenommen.“

Fünf Straßensperren müssen wir passieren. „Minen“ hat jemand auf ein Schild geschrieben, die Warnung klingt wenig überzeugend. „Wir sind gegen Amerika und Europa“ steht auf Englisch an der nächsten Barrikade, auf der Rückseite des Schildes: „Wir sind gegen einen Genozid des Volkes.“ Die Kiewer Regierung gilt hier als faschistische Junta, da ist der Vorwurf des Völkermords auch gleich bei der Hand.

Die Stimmung in Slawjansk ist angespannt, aufgeheizt, unübersichtlich. Auf dem Hauptplatz mit der Leninstatue flanieren Einwohner in der Nachmittagssonne. Aber es liegen Sandsäcke im Eingang des Rathauses, und ein Schwerbewaffneter versperrt den Zutritt. Er trägt Tarnuniform ohne Abzeichen und neue Ausrüstung und wirkt überhaupt nicht wie der Vertreter einer Bürgerwehr. Oben auf dem Dach weht die russische Flagge. Eine Straße weiter ist das besetzte Hauptquartier der Polizei. Wer darin ist, das lässt sich nicht sehen. Die Barrikade davor ist von jungen Männern mit Schilden und Knüppeln bemannt. Auf dem Dach eines Nachbarhauses liegt ein Mann mit Fernrohr.

Die Ruhe trügt. Sogar die flugs aufgebauten Barrikaden trügen, denn offenbar wird Slawjansk nicht von einer aufgebrachten Bürgerwehr kontrolliert, sondern von hochprofessionellen Kämpfern. Am Sonntag kam es am Stadtrand zu einem Gefecht. Ein Konvoi mit mehreren hohen Offizieren des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU geriet in einen Hinterhalt, einer starb dabei. Die prorussischen Schützen standen unter Leitung eines Offiziers der GRU, also des russischen militärischen Sicherheitsdienstes. Das behauptet jedenfalls der SBU. Er veröffentlichte ein abgehörtes Telefongespräch, in dem der Offizier sich mit einem Koordinator in Moskau über den Vorfall unterhält. „Wen haben wir denn eigentlich zu Kleinholz gemacht? Muss eine sehr wichtige Gruppe gewesen sein“, fragt ein Mann am Telefon. Die Stimme soll einem Igor Strelkow gehören, der schon Anfang März auf der Krim Einsätze leitete. Sein Gesprächspartner ist ein Moskauer Polit-Berater und Spin-Doktor.

Aber die Einwohner von Slawjansk – jedenfalls die, die sich derzeit auf die Straße trauen – scheinen vor den fremden Uniformträgern keine Angst zu haben, und woher die kommen, ist ihnen ziemlich egal. Mehr Angst haben sie vor der Antiterroroperation, die der Kiewer Übergangspräsident am Montag angeordnet hat, und zu deren Durchführung die Truppen vor Isjum zusammengezogen wurden. Bisher hat Kiew seine Drohungen freilich nie wahrgemacht.

Wie der Bedrohung aus Kiew zu begegnen ist, das soll am Abend um sechs Uhr auf dem Hauptplatz besprochen werden. Nur 200 Einwohner haben sich versammelt. Sie hören stoisch den Rednern zu, die neben dem Lenindenkmal auftreten. „Glaubt den Gerüchten nicht! Hier gibt es keinen ‚Rechten Sektor‘ und keine Panzer“, ruft ein Mann im Tarnanzug; „Rechter Sektor“, das sind die Ultranationalisten aus Kiew und dem Westen der Ukraine. Dann bittet er, nicht so viel zu trinken, „das betrifft jetzt die Männer. Ihr seid doch Menschen und keine Tiere!“ Da gibt es regen Applaus der Frauen.

Es folgt der Aufruf, zur Sicherheit das örtliche Flugfeld zu besetzen. Dort sollen Militärhubschrauber gelandet sein. Eine Kolonne setzt sich in Marsch, angeführt von Anatoli Chmelewoj. Er ist der Erste Sekretär der örtlichen Kommunisten und saß für Slawjansk lange im Kiewer Parlament, jetzt gehört er offenbar zur neuen Führung der Stadt.

 „Wir wollen ein Referendum über den Status des Donezker Gebiets, und zwar noch vor den Präsidentschaftswahlen, schon am 11. Mai“, sagt Chmelewoj. Ständig klingelt sein Telefon. Er soll nach Moskau, morgen schon, für einen Fernsehauftritt, sagen sie. Und dass es die Hubschrauber auf dem Flugfeld nicht mehr gibt, oder gar nicht gegeben hat – aber er lässt die Kolonne erst einmal weitermarschieren.

Die Leute beruhigen

Dafür gibt es sehr wohl Hubschrauber auf dem benachbarten Flugfeld, im 20 Autominuten entfernten Kramatorsk. Dort hat sich am Abend eine Menge von einigen Hundert Menschen versammelt. Es ist geschossen worden, erzählen sie, aber es ist schwer, Genaueres zu erfahren. Zu gern ziehen die Menschen über die Kiewer Regierung und die Westukrainer her, als dass noch viel Energie für das Feststellen von Tatsachen bliebe. Klar ist: Es gibt regen Flugverkehr. Militärhubschrauber haben mittags Truppen in Kramatorsk abgesetzt, obwohl das Flugfeld seit vielen Jahren kaum noch benutzt wird, nur eine kleine Einheit bewacht es. Andererseits stehen seit vier Tagen prorussische Protestierer vor dem Eingangstor. „Und dann haben die Soldaten auf uns geschossen, als wir zu Verhandlungen hineingehen wollten zu ihnen“, sagt Wladimir, einer der Protestierer. Er trägt einen Kapuzenpulli und eine Atemmaske und zeigt mit fahrigen Bewegungen, wo geschossen wurde. Ein Protestierer wurde verletzt, sagt er.

„Zu Verhandlungen hineingehen“, das klingt harmlos. Es könnte aber auch so sein, dass das Hineingehen auf die Soldaten überhaupt nicht harmlos wirkte und sie deshalb schossen – das ist die Erklärung der Behörden. Am Nachmittag ist der Anführer der Antiterroroperation, General Wassili Krutow, höchstpersönlich nach Kramatorsk gekommen und allein vor das Tor des Flugfelds getreten. Er wollte die Leute beruhigen. Es war eine tapfere Tat, und geradezu einzigartig für ein Land, in dem die Regierungsvertreter sich ja schon seit Monaten nicht trauen, von gleich zu gleich mit den eigenen Bürgern im Osten zu sprechen. Aber in Kramatorsk haben die Bürger den General nicht reden lassen, ihn herumgestoßen und geschlagen, er musste sich schnell zu seinen Truppen retten.

So stehen am Abend weiterhin Hunderte erregte Einwohner vor dem Flugfeld, schauen dem aufgehenden Mond zu und dem großen Feuer, das entfacht wurde, und ab und zu schreien Besoffene Schimpfwörter hinein in die Dunkelheit, wo die Soldaten stehen. Man richtet sich auf eine Nacht des Protests ein. Ein paar Männer versuchen, einen der Alleebäume zu fällen, für das Brennholz. Aber der Baum ist stärker als die Motorsäge. Als der Reporter des Kreml-Senders „Russia Today“ vor die Kamera tritt, brechen alle für eine Minute in heftige „Russland“-Rufe aus, dann ist die Kamera aus, und es wird ruhig. In der Dunkelheit sieht man die Lichter heranfliegender Militärhubschrauber. Die Truppenbewegungen gehen weiter.

Es zeigt sich jetzt, dass der Kiewer Führung die Mittel fehlen, sich durchzusetzen. Auf die Polizei ist in der Ostukraine ohnehin kein Verlass, das hat sich auch in Slawjansk gezeigt. Aber für die Truppen des Innenministeriums gilt dasselbe. Sie waren es ja, die auf dem Kiewer Maidan monatelang Hass und Prügel bezogen, ohne dass sie jemand in Schutz nahm. Bleibt nur noch die Armee. Aber die ist für das Vorgehen gegen Bürger nicht ausgebildet, und offenbar auch nicht dazu gewillt.

Das sieht man am Mittwochmorgen, als sechs Schützenpanzer der ukrainischen Armee in Kramatorsk steckenbleiben, in einer Menschenmenge. Wenig später fahren die selben Fahrzeuge schon mit einer russischen Fahne nach Norden, nach Slawjansk, gefolgt von einem Pulk hupender Autos. Es handelt sich um Soldaten der 25. Luftlandebrigade in Dnjepropetrowsk. Aber es ist offenkundig, dass sie von anderen Bewaffneten begleitet werden. Autos voller Maskierter und ohne Nummernschilder bilden die Kolonne, und wer sie überholen will, der wird mit Pistolenschüssen aus einem silbernen Ford zurückgehalten.

Der Kiewer Führung fehlen die Mittel, sich durchzusetzen

In Slawjansk dann werden die ukrainischen Soldaten sogleich von maskierten Männern in Tarnuniform abgeschirmt. Man kann sie deshalb auch nicht fragen, ob sie denn wirklich übergelaufen sind. Zwischen den Bewaffneten läuft derweil ein Mann mit schwarzer Baseballkappe herum, das ist Wjatscheslaw Ponomarjow. Er hat irgendwann verkündet, er sei der neue Bürgermeister von Slawjansk. Seine Vorgängerin ist untergetaucht. Es ist nicht klar, wie sie zu der Besetzung und ihrer Absetzung steht. Sie war erst dafür, aber dann hat sie offenbar die Seite gewechselt.

Eine kleine Menge bildet sich. „Schau mal, typisch ukrainische Panzer, ganz dreckig und die Scheinwerfer fehlen“, sagt einer. „Woher kommt Ihr? Wir brauchen Euch nicht. Wer hat Euch gerufen?“, fragt eine Frau einen der Maskierten, die den Schauplatz absperren. „Wir sind Slawen“, antwortet er. „Fein, wenn Du Slawe bist, solltest Du hier nicht mit Waffen herumlaufen.“ Und ihr Begleiter sagt: „Ich möchte nicht befreit werden. Ich möchte mich selbst befreien.“ Aber dann zischelt  jemand in der Menge: „Verräter!“ Derweil donnert ein Jagdflugzeug der ukrainischen Luftwaffe zweimal über die Leute hinweg. Kiew zeigt, dass es immerhin noch die Lufthoheit hat.

Schwer zu sagen, ob auch andere Slawjansker sich lieber selbst befreien würden. Klar ist: Die Feindschaft gegen die neue Kiewer Führung ist hier wie anderswo in der Ostukraine viel zu groß, als dass jemand einen Grund sähe, sie zu verteidigen. Und ebenso ist die Bereitschaft, die unwahrscheinlichsten Gerüchte über Bedrohungen und Missetaten der Kiewer zu glauben. Andererseits kann niemand sagen, wie denn die Föderalisierung der Ukraine, die hier gefordert wird, funktionieren soll.

Derweil versucht man, einen schwierigen Alltag zu meistern. Die Schulen in Slawjansk sind am Montag geschlossen worden, und auf der Straße ist es unsicher. Neulich gab es eine Schießerei mitten in der Innenstadt, mit einem Toten – vermutlich ein Bandenkrieg. Auch ein Passant wurde verletzt. Und der Taxifahrer Iwan erzählt, wie er an zwei Tagen hintereinander erst die Heck- und dann die Frontscheibe verloren hat. Erst haben sie ihm in Isjum an einer Straßensperre das Heck zerschlagen, das waren Anhänger Kiews, vermutet er. Und dann haben ihn andere Maskierte auf dem Weg nach Slawjansk regelrecht gejagt, mit zwei Autos, bis er in einen gefällten Baum fuhr.

Sie haben ihn ausgeraubt, und jetzt sieht er die Welt nur noch durch eine zersplitterte Windschutzscheibe. Auch sein altes Leben, in Armut und relativem Frieden, ist dahin. Iwan kann sich nicht freuen über die Besetzung der Gebäude in Slawjansk, und der Jubel am Straßenrand über die Schützenpanzer wundert ihn. „Was glotzen die? Haben die noch nie einen Panzer gesehen?“

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