Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Bereitschaftspolizisten stehen bereit, um Demonstrierende in Almaty aufzuhalten. Foto: Vladimir Tretyakov/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
+
Bereitschaftspolizisten stehen bereit, um Demonstrierende in Almaty aufzuhalten.

Kasachstan

Chaos in Kasachstan: Lage in Almaty eskaliert – Schüsse und Fotos von Leichen

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
    schließen

In Kasachstan haben die Regierungskräfte derzeit die Oberhand. Aber Staatschef Tokajew sieht nur aus wie ein Sieger – manche sehen das Land auf dem Weg zum Vasallenstaat Moskaus.

Almaty – In Almaty wurde scharf geschossen. Videos zeigen wie Schützenketten, begleitet vom Geknatter automatischer Waffen im Stadtzentrum vorrücken. Und der Telegramkanal Kyragram liefert Aufnahmen von etwa 20 Körpern, die von weißen Tüchern oder schwarzen Säcken bedeckt in einem Korridor liegen, die Gesichter der Toten grausam entstellt. Nach Angaben der städtischen Behörden kamen dutzende Zivilpersonen um – und 13 Polizisten; zweien soll man die Köpfe abgeschnitten haben. Überprüfen lässt sich so eine Horrormeldung in diesen Stunden natürlich nicht.

Die Nacht auf Donnerstag scheint in Almaty die Lage eskaliert zu haben. Auch in anderen Landesteilen kämpften Oppositionelle gegen Regierungskräfte, nach Angaben des Staatsfernsehens mussten mehr als 400 Menschen im Krankenhaus, 62 davon auf die Intensivmedizin. Die Zahl der Toten ist ungewiss.

Kasachstan: Ausgebranntes Rathaus in Almaty wieder in Regierungshand

Am Donnerstagmorgen scheint es so, dass die Regierung die Initiative zurückgewonnen hat. Laut dem Portal Vlast sind allein in Almaty, mit 1,9 Millionen Menschen die größte Stadt Kasachstans, etwa 2000 festgesetzt. Auch das ausgebrannte Rathaus und der zwischenzeitlich besetzte Flughafen sind wieder in Regierungshand. Dort ist nach Angaben mehrerer Telegramkanäle bereits die erste Maschine mit russischen Fallschirmjägern gelandet. Sie gehören zu der „Friedenstruppe“, die die von Russland geführte „Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit“ (OVKS) nach Kasachstan in Marsch gesetzt hat.

Das ändert aber erstmal nichts am Widerstandsgeist in Kasachstan: Wieder gingen am Donnerstag in Almaty Hunderte auf die Straßen, bis zum Abend waren Schüsse da und dort zu hören. „Die nächsten zwei Tage werden entscheiden, ob Kasachstan wie das benachbarte Kirgisistan in ein Konglomerat sich bekriegender Regionalclans zerfällt“, schätzt der russische Politologe Juri Solosubow. „Oder ob die Proteste wie in Belarus so brutal unterdrückt werden, dass das Land danach international isoliert ist.“ Das Öl- und Uranland Kasachstan, das mit dem Westen gute Geschäfte macht, müsse das eine wie das andere vermeiden.

Proteste in Kasachstan: „Das ist eine Corona-Revolution“

Zwischenzeitlich schien es, als kollabiere vor allem in Süden und im Westen des 18,7-Millionen-Seelen-Landes die Staatsmacht so kläglich wie das Denkmal des Altpräsidenten Nursultan Nasarbajew, das Aufständische in der Stadt Taldykorgan am Mittwoch niederrissen. In mehreren Städten wurden Polizeiwachen gestürmt – Waffengeschäfte auch. In Almaty besetzten am Mittwoch kaum hundert nur zum Teil mit Knüppeln Bewaffnete den Flughafen. „30 trainierte Sicherheitsleute hätten ausgereicht, um sie aufzuhalten“, meint ein ausländischer Augenzeuge. „Aber die gesamte Staatsgewalt war verschwunden.“ Die Angreifer, meistens alte oder junge Männer, hätten „Disziplin gezeigt“ und „zunächst keine Duty-Free-Läden geplündert“.

In ganz Kasachstan eskalieren Protesten gegen die steigenden Kraftstoffpreise.

„Das ist eine Corona-Revolution. Die Pandemie hat viele Familienväter an den Rand des Ruins gedrängt. Sie fahren Taxi, um ihre Kredite bezahlen zu können, und da verdoppelt der Staat die Preise für das Flüssiggas, mit dem sie ihre Autos betanken.“ Laut Solosubow litten vor allem kleine und mittlere Betriebe unter Lockdowns, aber auch unter der Kommerzialisierung von Staatsorganen. Die agierten inzwischen wie Aktienfonds und hätten deshalb den Gaspreis hochgetrieben.

Während das kasachische Durchschnittseinkommen seit 2013 von 890 auf 580 Dollar gesunken ist, sollen die Schwiegersöhne Nasarbajews jährlich etwa 850 Millionen Dollar Schmiergeld bei Gas- und Ölexporten kassieren. Mit Stangen bewaffnete Aufständische diktierten in Almaty russischen Reportern ihre Hauptforderungen: Wechsel der Staatsmacht und totale Kreditamnestie.

Kasachstan: Staatschef lässt Gaspreise senken

Staatschef Kassym-Schomart Tokajew entließ am Mittwoch die Regierung, die Flüssiggaspreise wurden wieder gesenkt, die Preise für Benzin und die Wohnnebenkosten eingefroren. Tokajew versprach auch politische Reformen. Und vor allem übernahm er den Vorsitz im nationalen Sicherheitsrat, den eigentlich sein 81-jähriger Vorgänger Nasarbajew lebenslang innehat.

Kassym-Jomart Tokajew, Präsident von Kasachstan, kündigt in einer im Fernsehen übertragenen Ansprache an mit maximaler Strenge gegen Gesetzesbrecher vorzugehen.

Tokajew scheint zu siegen, doch nach mancherlei Ansicht ist er nur hilflos. Gegenüber der OVKS erklärte er, die Proteste einen „Akt äußerer Aggression“, im Ausland ausgebildete Terrorbanden gefährdeten die Souveränität Kasachstans.

Die Stärke der OVKS-“Friedenstruppe“ ist noch nicht offiziell, Politologe Solosubow spricht von 1800 Mann, einige Hundert Belarussen, Kirgisen, Tadschiken und Armenier, zum Großteil aber Russen. „Alle verstehen, dass die OVKS vor allem Russland ist“, sagt der kasachische Politologe Dossym Satpajew. „Mit seiner Bitte hat Tokajew nicht nur die ganze Schwäche seiner Staatsmacht gezeigt, er wird auch noch zum Schuldner Russlands.“ Tokajew habe den ersten Schritt zum Verlust der staatlichen Souveränität Kasachstans getan. Das Portal Gulagu.net schrieb bereits am Mittwoch, eine Gruppe Moskauer Staatssicherheitler sei in Kasachstan. Kurz darauf wurde landesweit das Internet ausgeschaltet. (Stefan Scholl)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare