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Öle, Shampoos, Cremes - es gibt kaum ein Kosmetikprodukt, dass man nicht mit Hanf versetzt anbieten könnte.
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Öle, Shampoos, Cremes - es gibt kaum ein Kosmetikprodukt, dass man nicht mit Hanf versetzt anbieten könnte.

Cannabis

CBD: Das Geschäft mit der angeblichen Entspannung

  • Nina Luttmer
    VonNina Luttmer
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CBD-Produkte sollen gegen Schlafstörungen, Angstzustände und Depressionen helfen. Unternehmen und Shops drängen auf den Markt – doch der könnte bald versiegen.

Frankfurt – Vor zwei Jahren kam Frederick Feldmann erstmals mit dem Begriff CBD – der Kurzform für Cannabidiol – in Kontakt. Damals litt ein Freund von ihm unter Depressionen und berichtete, dass ihm CBD, ein Wirkstoff aus der Hanfpflanze, sehr geholfen habe.

„Da habe ich es auch mal probiert und gemerkt, dass es mir innere Ruhe bringt, Stress nimmt“, sagt Feldmann. Heute ist der 27-Jährige Besitzer eines eigenen Geschäfts für Hanfprodukte, das er im Dezember 2020 mitten in der Frankfurter Innenstadt eröffnet hat. Er verkauft dort unter anderem Bodylotions, Handcremes, Anti-Aging-Cremes, Kapseln und Öle auf Hanfbasis, teils mit dem Wirkstoff CBD, teils ohne. Auch Hanf-Produkte für Haustiere hat er im Sortiment.

Mit der Geschäftsidee ist er nicht alleine. Überall in Deutschland eröffnen Hanfshops, die vor allem CBD-Produkte anbieten. Alleine auf der unteren Berger Straße in Frankfurt, einer beliebten Einkaufsstraße im Stadtteil Nordend, gibt es auf einer Strecke von etwa einem Kilometer inzwischen drei solcher Läden. CBD ist voll im Trend, so viel ist sicher.

CBD-Produkte: Allein 500 Hersteller in Deutschland

Der Wirkstoff soll angstmildernd wirken, entzündungshemmend, krampflösend, entspannend, schlaffördernd – aber anders als THC, der andere prominente Wirkstoff aus der Hanfpflanze, nicht berauschend. „Ich habe hier viele Kundinnen und Kunden mit Migräne, Schlafproblemen, Depressionen und Gelenkproblemen. Das Feedback, das ich bekomme ist, das ihnen CBD hilft“, sagt Feldmann.

Der größte Anbieter für CBD-Produkte in Deutschland ist die Sanity Group aus Berlin mit der Marke Vaay. Seit vergangenem Jahr ist Vaay am Markt, macht laut Firmengründer Finn Age Hänsel inzwischen einen zweistelligen Millionenumsatz. Hänsel vermutet, dass es etwa 500 Hersteller für CBD-Produkte in Deutschland gibt. Die Brightfield Group, ein auf den Hanfmarkt fokussiertes Analyseunternehmen, schätzte den CBD-Umsatz in Europa im Jahr 2019 auf etwa 343 Millionen Euro und exponentiell wachsend, auf Deutschland entfiel etwa ein Drittel des Volumens.

Im vergangenen Jahr erlebte der deutsche CBD-Markt jedoch durch den Marktstart von Vaay – das prominente Investoren wie die Fußballer Mario Götze und André Schürrle und die Schauspielerin Alyssa Milano hat – und die Eröffnung vieler CBD-Shops einen Boom. Brightfield prognostiziert, dass der europäische CBD-Markt bis 2025 ein Volumen von 1,4 Milliarden Euro haben wird.

CBD-Hauptkundschaft: „In Deutschland sind es zum einen die Millenials, also die heute 20- bis 40-Jährigen“

Hauptkundschaft für die Produkte: „In Deutschland sind es zum einen die Millenials, also die heute 20- bis 40-Jährigen“, sagt Vaay-Chef Hänsel. Die seien auch die Zielgruppe von Vaay – die Marke gilt als hip. „Der größere Markt in Deutschland sind allerdings Frauen über 50, sie sind für viele Anbieter das Kernsegment. Das ist eine Gruppe, die sehr offen für Homöopathie, für Naturprodukte, ist“, sagt Hänsel. Sie sind es vermutlich auch, die sich die sehr teuren CBD-Produkte überhaupt leisten können. Für 500 Milligramm CBD-Öl etwa – der Renner unter den CBD-Produkten – das man sich in den Mund träufelt, muss man mit 30 Euro und mehr rechnen. „Der Rohstoff ist einfach sehr teuer“, erklärt das Hänsel. Ein Kilogramm CBD koste 10 000 Euro.

Der Hanf müsse oft aus Frankreich importiert werden, da dort mehr angebaut werde. Und es gebe einen Mangel an Extraktionsanlagen. Das alles treibe den Preis. Vaay beziehe aber inzwischen auch Hanf von dem deutschen Unternehmer Fynn Kliemann und seiner Hanffarm „Kliemannsland“, zudem baut Vaay derzeit eine eigene große Extraktionsanlage nahe Frankfurt. Hänsel hofft, dass sein Unternehmen dadurch auch die Preise senken kann.

CBD gilt laut EuGH nicht als Suchtmittel

Erstaunlich ist das exorbitante Wachstum des deutschen CBD-Marktes deshalb, weil Hersteller und Vertreiber der Produkte ein hohes wirtschaftliches Risiko eingehen. Denn noch ist die rechtliche Lage, was den Wirkstoff CBD angeht, in Deutschland sehr unübersichtlich – um es mal gelinde auszudrücken. Das einfache zuerst: In Kosmetikartikeln ist CBD erlaubt, also etwa in Lotionen. CBD-Blüten sind dagegen illegal, sie fallen unter das Betäubungsmittelgesetz, da sie theoretisch einen Rauschzustand auslösen könnten, wenn man sie in großen Mengen zu sich nimmt. Auch wenn das nach Meinung von vielen Fachleuten eine unwahrscheinliche Annahme ist, da Konsument:innen für viele Blüten sehr viel Geld zahlen müssten – und andere Rauschmittel im Vergleich viel günstiger seien.

Dennoch bieten sehr viele Hanfläden und auch einfache Kioske in Deutschland CBD-Blüten an – teils sogar ganz offen im Schaufenster. „Käuferinnen und Käufer sollten sich dabei allerdings im Klaren sein, dass nicht nur der Händler, sondern auch sie selbst sich strafbar machen, wenn sie die Blüten kaufen“, sagt Anwältin Julia Seestädt, die sich mit ihrer „Cannabis-Kanzlei“ komplett auf den CBD-Markt spezialisiert hat.

Schwierigkeiten bei der Zulassung der CBD-Öle

Nun der komplizierte Teil: CBD-Öle und -Kapseln werden oral eingenommen. Damit gelten sie als Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel. Die EU-Kommission hat CBD als sogenanntes novel food – „neuartiges Lebensmittel“ – eingestuft. Dazu zählen alle Lebensmittel, die vor dem 15. Mai 1997 nicht in nennenswertem Umfang in der Europäischen Union für den menschlichen Verzehr verwendet wurden. Die Hersteller benötigen daher eine Zulassung der EU-Kommission beziehungsweise der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) für ihre Produkte. Diese Zulassungsverfahren laufen seit Jahren, wann ein Ergebnis vorliegen wird, ist offen.

Der Europäische Gerichtshof hat im vergangenen Jahr zumindest geurteilt, dass CBD kein Suchtmittel ist – und damit den Weg für eine mögliche Zulassung freigemacht. Auch die Weltgesundheitsorganisation hatte zuvor schon erklärt, dass CBD – anders als THC – kein Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial habe und dass CBD-Produkte meist gut vertragen würden und viele positive Effekte hätten.

Dennoch: so lange die EU-Kommission die CBD-Produkte nicht zugelassen hat, dürfen sie auch nicht als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden – zumindest nicht in Deutschland. Andere EU-Länder handhaben das teils viel laxer. Die hiesigen Hersteller deklarieren ihre Verkaufsschlager, die CBD-Öle, daher oft als „Aromaöle“ oder „Kosmetiköle“ und betonen, dass sie nicht zum Verzehr geeignet seien und ausgespuckt werden sollten – obgleich die Kundschaft die Öle am Ende wohl doch schluckt.

CBD: Längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Die Hersteller und Hanfläden bewahrt das häufig nicht vor dem Durchgreifen der Behörden. Viele Städte haben inzwischen Allgemeinverfügungen erlassen, die den Verkauf von CBD-Produkten als Lebensmittel ausdrücklich verbieten. Einige Behörden hinterfragen dabei Begriffe wie „Aroma-Öl“ und verhängen hohe Zwangsgelder gegen Anbieter. Polizei-Razzien in CBD-Läden samt Beschlagnahmung jeglicher Waren sind keine Seltenheit. Wobei sich bei normalen CBD-Produkten – anders als bei den Blüten – nie die Kundschaft, sondern nur die Anbieter möglicherweise strafbar machen.

„Mein Gefühl ist, dass die deutschen Behörden seit dem vergangenen Jahr deutlich strenger geworden sind“, bewertet Anwältin Seestädt die Lage. Das sieht auch Hänsel von Vaay so. „Die Schnur zieht sich enger“, sagt er. Dem Online-Händler Amazon etwa ist das ganze in Deutschland zu „heiß“: CBD-haltige Öle oder Kapseln sucht man auf der Plattform vergeblich.

Die Nachfrage ist groß, das Angebot noch klein. Das CBD-Öl sei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Hänsel ist auch Vorsitzender der Initiative Pro CBD, ein Zusammenschluss von in Deutschland und Europa ansässigen CBD-Herstellern, die sich unter anderem Aufklärungsarbeit und die Erzielung fairer Wettbewerbsregeln auf die Fahnen geschrieben hat. Ihn ärgert es, dass die Hersteller und Geschäfte in Deutschland je nach zuständiger Behörde so unterschiedlich behandeln werden.

Den jungen Händler Feldmann aus Frankfurt schreckt das alles nicht. Er möchte, dass das Thema Hanf aus der „Schmuddel- und Kifferecke in die Mitte der Gesellschaft rückt“. Die Lage seines Ladens, direkt neben der Kleinmarkthalle nahe der großen Einkaufsstraße Zeil, hat er gezielt gewählt. (Nina Luttmer)

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