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War früher „total links“: Carsten Meyer-Heder (r), Spitzenkandidat der Bremer CDU. Daneben SPD-Bürgermeister Carsten Sieling.

Carsten Meyer-Heder

Der Paradiesvogel

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Wie ein CDU-Neuling aus der Wirtschaft die Bremer SPD nach 74 Jahren aus dem Rathaus verdrängen will.

Es gab mal Zeiten, da warb die SPD mit roten Plakaten um die Wählergunst. Inzwischen verwendet sie als Grundton gerne neutrales Weiß. Dafür hat jetzt die CDU die Signalfarbe für sich vereinnahmt – jedenfalls in Bremen. Rot signalisiert Angriffslust: Auf in den Kampf – wir vertreiben die Sozis aus dem Rathaus, also aus der Regierungszentrale des kleinsten Bundeslandes. Die Chance dazu kommt am 26. Mai: Am Tag der Europawahl wird in Bremen und Bremerhaven auch das Landesparlament des Zwei-Städte-Staates gewählt, die Bürgerschaft schräg gegenüber vom Rathaus. Und dann könnte tatsächlich das bisher Undenkbare geschehen: dass erstmals seit 1945 womöglich kein Sozialdemokrat mehr im Bürgermeister-Zimmer sitzt. Denn bei Wahlumfragen liegt die CDU neuerdings gleichauf oder sogar leicht vor der SPD. Ein Zusammenbruch der letzten verlässlichen SPD-Hochburg – für die angezählte Parteichefin Andrea Nahles wäre das ein zusätzlicher Tiefschlag.

Zum Angriff aufs Rathaus bläst ein Mann, der gleichzeitig David und Goliath ist. Rein optisch wirkt CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder (58) wie ein Goliath: Der kräftige Zwei-Meter-Mann ist einen halben Glatzkopf größer als der schmächtige Bürgermeister Carsten Sieling (60). Gemessen an politischer Erfahrung erscheint der Herausforderer dagegen als kleiner David. Denn Amtsinhaber Sieling tummelt sich seit 1995 in der Politik, mal als Chef der Bremer SPD oder ihrer Bürgerschaftsfraktion, zwischendurch als Anführer der SPD-Linken im Bundestag und seit 2015 als Nachfolger des zurückgetretenen Bürgermeisters Jens Böhrnsen.

Ganz anders Meyer-Heder: ein absoluter Politikneuling, ein Seiteneinsteiger, der erst 2018 in die CDU eingetreten ist und sich als Mehrheitsgesellschafter einer großen Softwarefirma ungefähr so gut mit Regierungshandeln und -händeln auskennt wie Sieling mit Programmieren und 3-D-Animationen. Aber der Carsten von der CDU hat etwas, das dem SPD-Carsten abgeht: Meyer-Heder wirkt wie ein Macher, der Lust aufs Anpacken und Erneuern hat, während dem aufrechten und freundlichen Sieling das Energische, das Mitreißende fehlt.

„Ich bin kein gelernter Politiker, aber Problemlöser“, heißt es auf einem der roten Wahlplakate. Einfach mal was machen und sogar Scheitern riskieren, statt aus Angst vor Fehlern gar nichts zu wagen oder alles kaputtzureden – das ist die Devise des Neulings.

Interessen abwiegen und Mehrheiten suchen

In der Wirtschaft mag das ja klappen, aber in der Politik? Sieling hat da seine Erfahrungen: „einfach“ und „machen“ – das passe in einer Demokratie nicht gut zusammen, sagt er. Denn da müssten Interessen abgewogen und Mehrheiten gesucht werden. Auch Meyer-Heder hat schon erlebt, dass bloßes Machen ohne genaues Planen schiefgehen kann: Zusammen mit anderen Unternehmern hat er 2018 versuchsweise eine Weser-Fährlinie eingerichtet. Doch das Schiff fuhr zu langsam, lief zu wenige Stationen an und eignete sich schlecht fürs Mitnehmen von Fahrrädern. Kaum einer wollte an Bord – Experiment gescheitert.

Dabei gäbe es an der Weser noch viel zu tun. Auch wenn Sielings rot-grüne Koalition die extreme Finanznot Bremens in den Griff bekommen hat und auf florierende Branchen wie Autobau oder Raumfahrtindustrie verweisen kann, bleiben noch genug Probleme übrig: zum Beispiel die höchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer (9,8 Prozent), die große Kinderarmut bei gleichzeitig hoher Millionärsdichte, die rote Laterne bei Schulvergleichstests, der Investitionsstau bei Schulen und Straßen.

Der zentrale CDU-Slogan heißt denn auch: „Unser Bremen kann mehr“. Meyer-Heder drückt es so aus: Seine Heimatstadt solle zum „Start-Up unter den Bundesländern“ werden, so innovativ, dass sogar die Bayern neidisch werden. „Ich möchte, dass ein Ruck durch unser tolles Bundesland geht“. Aber was genau er anpacken will, das bleibt eher vage oder klingt nicht nach großem Wurf. Zum Beispiel: das dritte Kita-Jahr zur Pflicht machen; ab der dritten Klasse wieder Zensuren einführen; ein eigenes Senatsressort für Digitalisierung schaffen; Polizisten mit Tablet-Computern ausstatten, damit das Protokollieren schneller geht; eine Seilbahn in das boomende Quartier „Überseestadt“ bauen, um über die Staus auf der Straße hinwegschweben zu können.

Wenn aus diesen Ideen etwas werden soll, müsste die CDU nicht nur die SPD überflügeln, sondern auch die Grünen dazu bringen, sich nach zwölf Jahren Rot-Grün auf eine Jamaica-Koalition mit Christ- und Freidemokraten einzulassen.

Menschlich kämen die Ökos bestimmt gut mit Meyer-Heder klar, denn er teilt mit ihnen einige Jugenderfahrungen und hat früher sogar Grün gewählt. In jungen Jahren, so erzählt der Sohn eines Bestattungsunternehmers, „war ich total links“. Und ein langhaariger Hippie. Als Kapitalismus-Gegner protestierte er vor vier Jahrzehnten gegen die Ansiedlung eines Mercedes-Werks in Bremen („Heute bin ich froh, dass ich damit keinen Erfolg hatte“). Er verweigerte den Kriegsdienst, lebte in einer Zehner-Wohngemeinschaft im alternativen Ostertorviertel, brach sein Wirtschaftsstudium ab, verdiente sein Geld als Schlagzeuger, trat aus der evangelischen Kirche aus. Aus seiner „wilden Phase“, wie er sie nennt, stammt vermutlich auch seine Krawattten-Allergie. Inzwischen hat er drei Kinder von zwei Frauen. Und wenn sich der Hüne auf sein Motorrad schwingt, könnte man ihn fast für einen Rocker halten.

Fast einstimmig zum CDU-Spitzenkandidaten gekürt

Erstaunlich, dass so jemand ausgerechnet von der CDU zum Spitzenkandidaten gekürt wurde, fast einstimmig sogar. Meyer-Heder, der Mann mit dem offenen Hemdkragen und der weltoffenen Grundhaltung, wirkt ein bisschen wie ein Paradiesvogel, der sich verflogen hat und im falschen Stall gelandet ist.

Immerhin verbindet ihn mit seiner Partei die Nähe zur Wirtschaft. Nach einer Krebserkrankung hatte er sich mit Anfang 30 zum „Anwendungsentwickler“ umschulen lassen, und bald danach stieg er 1992 bei einer Softwarefirma ein, die er zur Firmengruppe „team neusta“ ausbaute – heute eines der führenden IT-Unternehmen Deutschlands mit 1200 Beschäftigten. 2014 durfte er sich sogar „Bremer Unternehmer des Jahres“ nennen. Er sei „kein böser Kapitalist“, sagt er, sondern ein „Teamplayer“. Einen Betriebsrat sucht man bei ihm allerdings vergeblich.

Als Meyer-Heder vor zwei Jahren auf die CDU zuging, um seine Mitarbeit anzubieten, muss er der Parteispitze wie ein Erlöser vorgekommen sein. Denn ihr eigenes Personal war wenig vorzeigbar. Die schwierige Herausforderung seitdem: Wie macht man einen Mann bekannt, bei dem jeder zunächst fragt: „Meyer wer?“ Indem man zunächst Plakate druckt mit rätselhaften Sprüchen wie „Einfach machen kann alles einfach machen“ oder „Der Bauch muss dem Kopf öfter in den Arsch treten“. Und darunter die Twitter-Adresse „CarstenMeyerWer?“ Sonst nichts, auch kein Hinweis auf die CDU. Erst in einer späteren Plakatserie bekannte sich die Partei zu ihrem Namen und dem ihres Kandidaten.

Der selbstironische Politikneuling tut sich noch schwer mit öffentlichen Auftritten, liegt nicht immer genau auf Parteilinie und ist manchmal nicht auf der Höhe der Fakten. „Herr Meyer-Heder, da muss ich Sie leider korrigieren“, sagt dann Sieling, wenn sie gemeinsamen bei einem Kandidatenduell der Medien auftreten.

„Natürlich habe ich permanent Sorge, etwas falsch zu machen“, räumt Meyer-Heder ein. In seiner leichten Unbeholfenheit wirkt er aber authentisch, und das könnte ihm dabei helfen, den anderen, etablierten Carsten tatsächlich aus dem Rathaus zu vertreiben.

Ein standesgemäßes Auto zum Vorfahren hätte der Oldtimer-Fan bereits: Er hat sich einen alten Mercedes gekauft, einen ganz speziellen – den letzten Dienstwagen von Sielings Vor-Vor-Vor-Vorgänger Hans Koschnick. Und wenn seine Regierung nicht besser sein sollte als die alte, dann will er nach der ersten Amtsperiode freiwillig abtreten. Aber versuchen will er sein Glück jedenfalls. „Statt nur zu nörgeln, will ich etwas ändern.“ Oder wie es auf einem der hellroten Plakate heißt: „Bessermeckern geht nicht. Bessermachen schon.“

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