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Kinder an einer Berliner Grundschule: Wie viel Deutsch sollen sie schon vor dem ersten Schultag können?

Grundschulen

Linnemann räumt Fehler ein

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CDU-Politiker will künftig vorsichtiger mit Zahlen umgehen. Experten fordern derweil flächendeckend Sprachtests.

Carsten Linnemann hat auf Nachfrage Fehler im Umgang mit den Zahlen von Schülern ohne Deutschkenntnisse eingeräumt. Der Vize der CDU/CSU-Bundestagsfraktion schrieb in einer Erklärung an die FR: „In der Tat hatte ich die Daten einem Artikel vom 7.2.2019 auf ‚Welt Online‘ entnommen, ohne in die Quelle einzusehen. Das war ein Fehler.“

Im Kern geht es um die Frage, wie viele Kinder ohne grundlegende Kenntnisse in deutscher Sprache in Duisburg eingeschult werden. Linnemann sprach von 16 Prozent, faktisch sind es aber 7,8 Prozent der getesteten Kinder, die kein Deutsch sprechen. Die Daten ergeben sich aus einer Untersuchung „Gesundheit der Duisburger Einschulkinder“ aus dem Jahr 2018.

Linnemann hält „die Aussage in der Tendenz aufrecht“

Linnemann betonte jedoch: Er halte „die Aussage in der Tendenz aufrecht“, werde aber nicht mehr sagen können, dass 16 Prozent „kein Deutsch sprechen“. Auf die falsche Zahl hatte unter anderem Christopher Lauer auf dem Blog lauerundwehner.de hingewiesen.

Der deutsche Grundschulverband teilt die Auffassung, dass die Situation in zahlreichen Schulen in Hinblick auf fehlende Sprachkenntnisse vieler Kinder schwierig ist und besondere Hilfe rechtfertigt. Dennoch seien „die Vorschläge von Herrn Linnemann nicht zielführend“.

Der Politiker hatte sich auch auf eine Warnung des Deutschen Philologenverbandes bezogen. Demnach sinke ab einem Migrationsanteil von 30 bis 40 Prozent in einer Klasse das Leistungsniveau.

Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Philologenverband bestätigte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) diese Einschätzung. „Es gibt gravierende Defizite. Da hat Herr Linnemann vollkommen recht“, sagte Meidinger. „Wir schätzen, dass etwa jeder fünfte Erstklässler bei Einschulung wegen sprachlicher Defizite nicht in der Lage ist, dem Anfangsunterricht zu folgen.“

Maresi Lassek, Vorsitzende vom Grundschulverband, sieht dennoch kein Risiko für ein sinkendes Leistungsniveau der Kinder – wenn die Schulen entsprechend ausgestattet würden. „Wir müssen endlich wahrnehmen, dass die Zweisprachigkeit von Kindern aus zugewanderten Familien eine Ressource ist, die es zu fördern gilt, weil sie unserer Gesellschaft zugutekommt“, sagte sie auf Nachfrage.

Laut Lassek müsse sich die Größe der Schulklassen nach Anzahl der Kinder mit Sprachförderbedarf richten, um eine bestmögliche Förderung der Schüler zu garantieren. „Kinder, die mit einer nichtdeutschen Herkunftssprache in die Schule kommen, sind erfahrungsgemäß auf einem sehr unterschiedlichen Sprachstand und besitzen unterschiedliche Lernvoraussetzungen“, erläuterte Lassek.

Die von Linnemann vorgeschlagene Vorschulpflicht ist vielerorts schon Standard (siehe Bericht zu Hessen). Doch es gibt sie nicht in allen Bundesländern. Manche Länder haben eine flächendeckende „Sprachstandsfeststellung“, die häufig in den Kindertagesstätten erfolgt. Hierbei soll der Förderbedarf der Kinder ermittelt werden. Der Präsident des Philologenverbandes, Meidinger, warb ausdrücklich für solche Sprachtests.

Lesen Sie auch den Kommentar: Sie schaffen das, Herr Linnemann!

Der CDU-Politiker Carsten Linnemann fühlt sich in der Debatte um seine Äußerungen zur Einschulung von Kindern mit schlechten Deutschkenntnissen bewusst falsch interpretiert. Er wolle keine Kinder ausschließen, sondern ihnen im Gegenteil besondere Förderung zukommen lassen, sagte Linnemann am Mittwoch im Deutschlandfunk. Er wies in dem Interview darauf hin, dass er niemals den Begriff „Grundschulverbot“ verwendet habe, an dem sich eine heftige Debatte entzündet hatte.

Er erwarte von Medien, Politiker richtig zu zitieren, sagte Linnemann. „Ich habe nie damit gerechnet, dass das solche Wellen schlägt.“ Die Debatte war durch Äußerungen des CDU-Politikers in einem Interview mit der „Rheinischen Post“ angestoßen worden.

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak hatte die Debatte am Dienstagabend als „wichtiges Thema“ bezeichnet. Auf Twitter schrieb er weiter: „Damit alle Kinder in der Schule mitsprechen und gleichberechtigt teilhaben können, brauchen wir gezielte Sprachförderung im Kindergarten, überall verbindliche Sprachtests vor der Einschulung. Bei erkannten Defiziten verpflichtende Förderung und schulbegleitende Sprachprogramme.“

Nicht nur ausländische Kinder hätten Sprachprobleme. Ohne deutsche Sprache gebe es keine Chance auf gute Bildung. „Grundschullehrer lassen wir aber häufig alleine mit dieser Arbeit. Das ist schlecht für alle Kinder – mit oder ohne Sprachdefizite. Deshalb gut, dass wir über dieses wichtige Thema diskutieren“, so Ziemiak. (mit dpa)

Migrationshintergrund

Die Definition des Begriffs Migrationshintergrund ist durchaus umstritten, denn der Begriff bezieht sich nicht nur auf Menschen, die zugewandert sind. Aktuell fasst das statistische Bundesamt unter diesem Begriff alle Menschen zusammen, die entweder selbst zugewandert sind oder bei denen mindestens ein Elternteil zugewandert ist. 

Sinnvoll ist es durchaus zu wissen, wie viele Menschen in Deutschland eine Zuwanderungsgeschichte haben oder in welchen Stadtteilen und Regionen der Anteil an Kindern aus Zuwandererfamilien größer ist. Solche Informationen helfen bei Planungen in der Stadtentwicklung und im Bildungsbereich. Ergänzt man diese eine Information um sozioökonomische Werte wie Armutsquote, Einkommen, Alter oder erfasste Kriminalität, dann können sie für politische Zwecke genutzt werden – und zwar sowohl positiv wie negativ. So können bewusst Programme aufgelegt werden, die Menschen helfen oder aber die Informationen können für politische Stimmungsmache missbraucht werden. 

Menschen mit Zuwanderungsgeschichte verweisen jedoch auch darauf, dass der Begriff politisch bereits negativ aufgeladen ist. Wenn eine Schule einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund hat, dann wirkt das für Eltern oft abschreckend. Dabei sagt die Zahl allein nichts aus, denn viele Kinder können Nachkommen von Eltern sein, die selbst als Kinder nach Deutschland kamen und hier bestens integriert sind. 

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