Arbeitslose in Spanien

Auf die Calle de Roquetas gesetzt

Im Krisenland Spanien werden pro Tag bis zu 180 Wohnungen zwangsgeräumt. Viele Arbeitslose können Kredite nicht mehr abzahlen.

Von Jenni Roth

In Manoteras, einem Stadtteil im Norden Madrids, leben viele Menschen hinter Gittern. Das Metall vor den Fenstern soll sie vor Einbrechern schützen. Denn hier, im Arbeiterviertel, sind Einbrüche ein großes Problem. Arme rauben Arme aus – weil die meist wenig Mittel haben, um sich dagegen zu wehren.

Vor Azucenas Fenstern gibt es keine Metallgitter. Die würden sie auch nicht schützen, heute, an dem Tag, an dem „mein ganzes Zuhause geraubt“ wird, wie Azucena, eine Mutter von drei Kindern, es ausdrückt. Ein, zwei und drei Jahre sind die Kinder alt. Mit ihnen, ihrem Mann, ihrer Mutter und der 87-jährigen kranken Großmutter teilt sich die junge Frau eine Dreizimmerwohnung in der Calle de Roquetas Nummer 19.

Um halb elf werden sie kommen, die Gerichtsvollzieher und die Verwalterin, um die Familie aus der Wohnung zu holen, in der sie seit 20 Jahren lebt. Noch bleiben drei Stunden. Die ersten Demonstranten haben sich vor dem Backsteinbau versammelt, auch Azucena steht auf der Straße. Ihr Gesicht unter den blond gefärbten Haaren ist wachsbleich, von schlaflosen Nächten und zu vielen Zigaretten. Aus den Fenstern des Wohnblocks hängen Transparente: „Häuser ohne Menschen, Menschen ohne Häuser“, steht darauf. Erste Sprechchöre durchschneiden die morgendliche Stille: „Sie nennen es Demokratie, aber das hier ist keine Demokratie!“. Eine alte Frau lehnt sich aus einem der Fenster und trommelt auf einem Kochtopf dazu.

399 Euro Arbeitslosengeld

Viele der Demonstranten sind Nachbarn. Die anderen gehören zur PAH, der Plattform „Afectados por la Hipoteca“, die sich sich mit den Opfern von Hypothekengeschäften, Immobilienspekulationen und der Wirtschaftskrise solidarisiert. Die Protestbewegung versucht im ganzen Land mit Aktionen Zwangsräumungen zu verhindern. Bis zu 180 Zwangsräumungen gebe es in Spanien täglich, allein in Madrid 100 pro Woche, sagt José Maria Ruiz, Sprecher der PAH.

Die spanische Verfassung garantiert zwar ein Recht auf würdiges Wohnen. Doch diesem steht das Recht auf Eigentum entgegen. In Azucenas Fall ist der Eigentümer die Stadt. Vor ein paar Jahren hat Azucena die Sozialwohnung für 30.000 Euro gekauft, die Familie begann die Schulden abzuzahlen. Doch 2009 verlor Azucena ihren Job in einem Callcenter. Seither ist sie arbeitslos. Ihr Mann kann die Familie kaum mehr mit Gelegenheitsjobs ernähren. So geht es vielen Spaniern. Mittlerweile gibt es in 1,2 Millionen Familien keinen mehr, der ein festes Einkommen hat. Die Arbeitslosenquote liegt bei rund 22 Prozent. Bei den Jugendlichen sind sogar 48 Prozent ohne Job – die mit Abstand höchste Quote europaweit. Und viele Spanier, die während des Immobilienbooms vor 2008 Wohnungen kauften, können die Raten nicht mehr abstottern.

Vom Staat bekommt Azucena 399 Euro Arbeitslosengeld. Da bleibt kaum etwas für die monatlichen 350 Euro für die Wohnung – und erst recht nicht für einen Anwalt. Die junge Frau schuldet der Empresa Municipal de Viviendas, der städtischen Hausverwaltungsgesellschaft EMV, viel Geld. Deshalb hat die Stadt beschlossen, sie aus ihrer Wohnung zu holen.

Ganz einfach ist das nicht. Die Gruppe von Demonstranten wird immer größer, gegen neun Uhr stehen rund 50 Polizisten etwa 70 empörte Bürger gegenüber. Sie rufen den Uniformierten zu: „Schämt euch! Was werdet ihr heute Abend euren Kindern erzählen, was ihr getan habt? Seid ihr stolz darauf, eine Familie auf die Straße zu setzen?“

Dass Azucena und ihre Familie in dieser Nacht auf der Straße übernachten müssen, ist durchaus denkbar. Sie haben keine andere Unterkunft. „Im Vergleich zu Spanien ist das Sozialsystem der USA ja paradiesisch“, sagt PAH-Sprecher Ruiz. Dort würden die Leute wenigstens nicht mitten im Winter auf die Straße gesetzt.

„Die Polizei gibt uns noch fünf Minuten“, erklärt er den Demonstranten, „dann werden sie uns hier mit Gewalt wegbringen.“ Die Menge weiß schon, was nun kommt. Die Leute setzen sich vor die Haustür und haken sich unter. Nach einigen Minuten rücken die Einsatzkräfte an. Zu zweit oder dritt schleifen sie die Demonstranten weg. Die verziehen keine Miene.

José Maria Ruiz kennt das Prozedere nur zu gut. Bei zwei bis drei Zwangsräumungen pro Woche sind seine Leute mit vor Ort. Immer wieder können sie erreichen, dass die Richter einen Aufschub gewähren, wenigstens einige Wochen, um den Betroffenen Zeit für die Suche nach einer anderen Bleibe zu geben. Immerhin stehen in Spanien laut Statistischem Institut mehr als 3,4 Millionen Wohnungen leer.

„Wenn sie uns hier wirklich rausholen, besetzen wir ein anderes Haus“, sagt Azucena. „Wir wollen ja gar nicht, dass die Stadt uns etwas schenkt“, beteuert ihr Mann Ovid, „wir wollen doch nur mehr Zeit!“ Es könne doch nicht sein, dass sie ihnen einfach die Schlüssel wegnehmen und die Wohnung versiegeln.

Zwei Wochen lang Gratis-Depot

Darauf zielen auch die Aktionen der PAH. Die Protestbewegung fordert zudem, dass Betroffene nach einer Zwangsräumung nicht wie bisher die Hypotheken weiter abbezahlen müssen – auch wenn sie auf der Straße sitzen. Sie kämpft für eine Gesetzesänderung, damit künftig Schuldner ihre Wohnung an die Bank zurückgeben können, um die Schulden loszuwerden.

Es ist zehn Uhr. Ein Taxi hält neben der Polizeiabsperrung. Die Rufe der Demonstranten werden wieder lauter, während Polizisten zwei Gerichtsvollzieher zum Haus begleiten. Im Eingang diskutieren Azucena, ihr Mann und Ruiz mit den Beamten. Zwischendurch tritt Azucena nach draußen, schüttelt den Kopf. Ihre Augenringe scheinen noch dunkler. Wenig später fährt ein zweites Taxi vor. Die Hausverwalterin der EMV steigt aus. Ungerührt läuft die Frau unter „Schäm dich“-Rufen auf den Hauseingang zu, in dem mittlerweile ein Dutzend Polizisten verschwunden sind, die Vorhut des Räumungskommandos. Azucena und Ruiz diskutieren abwechselnd mit der Verwalterin und telefonieren um die Wette, um ein Quartier für die Nacht aufzutreiben.

Was oben im zweiten Stock vor sich geht, weiß keiner genau. Die Menge ist durch Absperrbänder der Polizei vom Geschehen abgeschnitten. Einmal streckt die Oma ihren Kopf aus dem Fenster. Demonstranten rufen ihr zu: „Ihr seid nicht allein, ihr seid nicht allein“!

Nach einer Stunde erscheint José Maria Ruiz im Hauseingang. Er schüttelt den Kopf. Diesmal hat er den Kampf verloren. Azucena ist nicht zu sehen. Mit ihrer Familie räumt sie die Sachen aus der Wohnung. Freunde tragen Taschen auf die Straße. Dort wartet ein Umzugswagen. Er wird das Hab und Gut der Familie in einem städtischen Lager unterbringen. Zwei Wochen lang gratis, danach kostenpflichtig.

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