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Die LKW-Schlange ist Folge eines Bummelstreiks des Zolls auf der französischen Seite des Eurotunnels.

Calais

Wenn die Grenze schon vor dem Brexit dicht ist

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Der französische Fährhafen Calais bereitet sich auf den EU-Austritt der Briten vor. Leidtragende sind nicht zuletzt die Migranten. Eine Reportage.

Das ist erst der Vorgeschmack!“, warnt Malko Hibon. Mit Berufskollegen organisiert der stämmige Zöllner seit Tagen einen Bummelstreik am französischen Ende des Ärmelkanaltunnels. „Wir kontrollieren die Gütertransporte so genau, wie wenn die Engländer nicht mehr in der EU wären. Das dauert wegen der Zollformalitäten und der Wareninspektion etwa zehnmal länger.“

Die Folgen sind in Calais unübersehbar: An diesem Mittwoch bildet sich eine vier Kilometer lange LKW-Warteschlange über den Bahnhof und den Fährhafen hinaus bis auf die Autobahn A16. Sogar im fernen Paris, wo der Eurostar nach London abfährt, entstehen vor dem Zoll unüberschaubar lange Passagierschlangen. Mehrere TGV-Züge müssen ausfallen. Hibon kündigt an: „Wir werden die Kontrollen noch verschärfen, wenn die Regierung nicht auf unsere Forderungen eingeht.“ Diese lauten: mehr Personal und mehr Prämien, um die Arbeit im Fall eines – geordneten oder harten – Brexits zu bewältigen. Die französische Regierung hat zwar schon im Januar 50 Millionen Euro bewilligt, damit die Flug- und Fährhäfen Veterinär- und andere Kontrollen einrichten können. 600 neue Zöllner werden auf der französischen Seite gesucht oder eingeschult. Doch Hibon hält das für ungenügend: „Die Regierung ist sich nicht bewusst, was auf uns zukommt.“

Tatsächlich hat sich Frankreich bisher bedeutend weniger Brexit-Sorgen gemacht als etwa die Exportnation Deutschland. Doch auch die französischen Firmen führen Waren und Dienstleistungen im Umfang von jährlich 32 Milliarden Euro ins Vereinigte Königreich aus: Autos und Rotwein, Kosmetika oder auch Zuckerrüben aus der Umgebung von Calais. Studien halten einen Rückgang der Ausfuhren um zehn Prozent für möglich, mit Folgen für 50 000 Arbeitsplätze in Frankreich.

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„Diese Annahmen sind sehr unsicher“, relativiert Grégory Stanislawski, Direktor der regionalen Industrie- und Handelskammer in Calais.

Von deren Sitz bietet sich bei klarem Wetter Sicht auf die britische Küste. Jetzt herrscht am Kanal Nebel – bildlich gesprochen: „Wenn wir ehrlich sind, weiß niemand, was der Brexit bewirken wird. Wird die Zahl der britischen Touristen in Frankreich zurückgehen? Oder werden sie auf ihrer Reise in den Süden im Gegenteil häufiger in Calais haltmachen, weil sie durch Zollkontrollen gebremst werden? Wird gar der Alkoholverkauf durch neue Dutyfree-Läden angekurbelt?“

Einzelne Wirtschaftszweige sind in Frankreich jedenfalls höchst beunruhigt. Die Kanalfischer befürchten, dass sie ihre Netze in Zukunft nicht mehr auf der britischen Seite auswerfen können. Damit verlören sie auf einen Schlag ein Drittel ihrer Fanggründe. Große Sorgen macht sich in Calais auch die Transportbranche. Der Fährhafen bereitet sich mit millionenschweren Bauinvestitionen auf den Brexit vor. „Wenn die Spediteure ihre Zollformulare vorab per Internet ausfüllen, dürfte es beim Einschiffen keine Verzögerungen geben“, schätzt der Hafendirektor Jean-Marc Puissesseau. Der Bummelstreik der Zöllner ist allerdings kein gutes Omen. „Er macht klar, dass ein Sandkorn im Getriebe genügt, um die ganze Transportkette zum Erliegen zu bringen“, sagt Sébastien Rivera vom französischen Transportverband FNTR am Telefon. „Das hätte schlimme Folgen für uns. Eine Minute zusätzliche Wartezeit kostet pro Lastwagen sieben Euro. Ich wage nicht einmal auszurechnen, wie hoch die indirekten Brexit-Schäden für die ganze Branche sein könnten. Sie gehen in die Millionen.“

Und dann verweist Rivera auch auf die Migranten. Mehrere Hundert versuchten jede Nacht, auf einen LKW zu springen und darin unerkannt auf eine Fähre nach England zu gelangen, meint er. Und wenn sich die Sattelschlepper auf der Hafenzufahrt streikbedingt stauten, nützten sie das sofort aus.

Fährhafen von Calais ist ein Hochsicherheitstrakt

Baqer, ein 26-jähriger Flüchtling aus Afghanistan, erklärt seine Taktik, indem er eine Handfläche unter die andere schiebt: So krallt er sich am Unterboden der Laster fest, um aufs Schiff zu gelangen. 20-mal habe er es schon versucht, erzählt er; jedes Mal sei er im Fährhafen erwischt worden. Das ist heute ein Hochsicherheitstrakt: Die Kontrolleure verfügen über Hunde, Infrarotkameras und sogar Atemluftdetektoren. Da ist fast kein Durchkommen mehr. Der Lehrer Baqer, der im Krieg Teile seiner Familie verloren hat, wirkt niedergeschlagen. Aber noch weigert er sich, die letzte Ersatzlösung ins Auge zu fassen: mit einem Gummiboot nach Dover zu übersetzen.

2018 gab es laut der französischen Hochseepräfektur 78 solche Versuche, und in diesem Jahr ist die Zahl im Steigen begriffen, wie deren Sprecherin Ingrid Parrot berichtet.

Warum diese Zunahme? „Erstens, weil der Fährhafen und der Eurotunnel immer besser geschützt sind“, zählt die Offizierin auf. „Und zweitens, weil die Schlepper den Migranten erzählen, nach dem Brexit werde die Grenze völlig dicht sein. Ob das nun stimmt oder nicht.“

Vor allem in der nahen Nachbarstadt Boulogne sind schon mehrere Freizeitsegelboote und Außenbordmotoren entwendet worden. Rund die Hälfte fand sich am Fuß der englischen Kreidefelsen wieder. In Calais zeigt Hafenmeister Pascal Degrave, wo er Überwachungskameras und einen Zaun installiert hat. Natürlich zum Schutz der Boote – aber auch mit Blick auf die Migranten: „Das Übersetzen auf den 34 Kilometern bis Dover stellt zwar die kürzeste Strecke zwischen Frankreich und England dar. Sie ist aber sehr gefährlich wegen der Strömungen, die durch den Gezeitenwechsel und das Kielwasser der Riesentanker ausgelöst werden.“

Degrave zufolge riskieren vor allem seeerprobte Iraner die Überfahrt. Sie seien fähig, ruhiges Wetter und Wasser vorherzusagen, weshalb es bisher zu keinen Todesfällen gekommen sei. „Aber wenn unerfahrene Migranten sie nachahmen sollten, ist das Schlimmste zu befürchten.“

Noch schnell vor Brexit-Ladenschluss in England ankommen: Das motiviert die Flüchtlinge auch laut François Guennoc vom Hilfswerk „Auberge des migrants“. „Noch hermetischer könnte die Grenze zu England gar nicht geschlossen sein“, meint er. Unter den Migranten gehe die Angst um, dass sie in Calais auf ewig gestrandet sein könnten.

Und auch wenn sie die Brexit-Debatte kaum verfolgen, fragen sie sich mehr und mehr, ob England wirklich das Dorado mit sicherer Arbeit und persönlicher Freiheit ist, wie sie es sich vorgestellt haben. Baqer möchte in England nur genug Geld verdienen, um nach Kanada auswandern zu können, sagt er.

Da gellt ein Schrei durch in den Sanddünen: „Police!“ Die jungen Afghanen, die sich in ihrer windgeschützten Kuhle gerade an einem Feuer gewärmt haben, springen auf. Polizisten, ausgerüstet mit Tränengaskarabinern, nähern sich in Formation über die begrünten Buckel. Ihre Mission lautet: Verhindern, dass sich ein neues Zeltlager bildet wie 2016, als sich 10000 Migranten im später zerstörten „Dschungel“ zusammengefunden hatten. Die Afghanen schnappen sich ihren Schlafsack, einer schultert das federleichte Zelt. Wo sie die nächste Nacht verbringen werden? Wohl kaum im gelobten Brexit-Land.

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