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Myanmars Militär 2015 auf einer „Befriedungsmission“.
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Myanmars Militär 2015 auf einer „Befriedungsmission“.

Südostasien

Burma/Myanmar - Sprache ist Gewalt

  • Peter Rutkowski
    VonPeter Rutkowski
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Die wechselseitge und gewaltvolle Geschichte des asiatischen Staates ist eng verknüpft mit den westlichen Kolonialgeschichte und dem chinesischen Expansionsdrang. Ein Überblick.

Myanmars Generäle haben ihren Orwell aufmerksam gelesen. Mühte sich aber der englische Schriftsteller ab, eine Logik von „Krieg ist Frieden, Liebe ist Hass, Wahrheit ist Lüge ...“ darzulegen, gehen die Militärs des fernöstlichen Landes um einiges subtiler vor. Und haben damit Erfolg.

Perfekt ist das sprachliche Arsenal der Militärs aber beileibe nicht. Das zeigt sich ganz zuvorderst daran, dass das Land zwar seit 1989 nicht mehr Burma heißt, sondern offiziell Myanmar, seine offizielle Sprache aber Burmesisch bleibt und nicht ein (fiktionales) „Myanmarisch“.

Misstrauisch müsste eigentlich jeder werden, wenn Streitkräfte die politische Entwicklung eines Landes übernehmen, aber 1989 bei der Namensänderung nach dem fast siegreichen „8888“-Aufstand der Zivilbevölkerung im Jahr zuvor, blickte die Welt nicht nach Fernost, sondern vornehmlich auf das Ende des Ostblocks.

Die linke Intelligenzija des Westens ließ sich von der Propaganda blenden und adelte die „Geburt von Myanmar“ als Aufräumen mit dem Kolonialismus.

Unbeachtet blieb das alles erklärende Verhältnis von „Burma“ zu „Myanmar“: Sie sind identisch, nur ist „Burma“ Umgangs- und „Myanmar“ Hochsprache. Das alltägliche Burmesisch setzte sich in der britischen Kolonialzeit als Lingua Franca, als Verkehrs- und Handelssprache durch. Wer „Hoch-Burmesisch“ wollte, nahm landestypische Lautverschiebungen vor, bei denen dann aus „Burma“ automatisch „Myanmar“ wird. En passant schufen die Militärs durch die offizielle Umbenennung eine Hierarchie, in der alle „nicht myanmarische“ Ethnien abgestuft wurden. Umgangssprache zu benutzen, ist damit eine gesprochene Form des Widerstands gegen das Militär.

Die koloniale Eroberung dessen, was dann Burma heißen sollte, erfolgte im Lauf des 19. Jahrhunderts – um die fortschreitende industrielle Ausbeutung des an Ressourcen reichen Assam am Rande „Burmas“ zu sichern. Die Briten machten sich den nicht national geordneten Zustand des Gebietes, sein Nebeneinander unzähliger Völker, Stämme, Ethnien und feudaler Herrschaften für ihre Eroberungszüge zunutze. Rudyard Kipling hat es in seiner Erzählung „The Man Who Would Be King“ schonungslos aufgezeigt: Sie spielten eine Gruppe gegen die andere aus, ließen die eine gegen die andere kämpfen. Aber eine tat es dann unter dem flatternden Union Jack und mit dessen überlegenem Arsenal.

Die stärkste Gruppe, denen die Briten begegneten, waren die Bama in der Mitte des heutigen Myanmar, entlang des Flusses Irrawaddy. Die Bama waren aber nicht militärisch dominant. Die Briten bevorzugten dann in geschickter Konkurrenz zu den Allmachtsallüren des Bamakönigs in Militär und Verwaltung alle anderen Ethnien: Shan, Karen, Kachin, Chin ... Heute zählt man in Myanmar 135 distinkte Ethnien.

Im Zweiten Weltkrieg zahlte sich diese Strategie aus, nachdem die japanische Armee Burma besetzt hatte: Um Tokio den westlichsten Teils seiner „großostasiatischen Wohlstandssphäre“ wieder abzujagen, nutzte London die martialischeren kleineren Ethnien wie Karen und Chan, die ihre Auslöschung hatten erwarten müssen. Denn mit den Japanern kam auch die „Burmesische Unabhängigkeitsarmee“ (BIA) nach Burma.

Die BIA bestand hauptsächlich aus Bama. Geführt wurde sie vom Ex-Kommunisten Aung San – Vater von Aung San Suu Kyi –, den Japans Militärgeheimdienst in Schanghai aufgegabelt hatte. Aung San rekrutierte „30 Genossen“ als Kern der BIA, die sich in Burma als Büttel Japans aufführte – und einen eigenen Aufstand vorbereitete, als das Kriegsglück sich wendete. Diese „Burmesische Nationalarmee“ diente sich 1945 den siegreichen Briten an. Die versuchten fortan mit Hilfe von Aung San, einen multi-ethnischen Nationalstaat zu formen. Das sollte gründlich scheitern.

1947 wurde Aung San ermordet. Im Verdacht stehen einige der „30 Genossen“, allen voran der General Ne Win („Strahlende Sonne“). 1948 dann wurde Burma unabhängig als Föderation mit eigenen Bundesstaaten für die Ethnien.

1962 putschte sich Ne Win, damals Chef genozidaler Mordbanden, an die Macht. Als Führer der einzigen legalen Partei ab 1964, der Burmesischen Sozialistischen Programmpartei, suchte er für „Burmas Weg zum Sozialismus“ die Nähe zu Moskau und Peking. Fortbestand hat bis heute die enge Bindung des Militärs an China.

Die Unterdrückung von Burmas Ethnien wurde nach 1962 Politik. Im Widerstand dazu entwickelten sich aus lokalen Milizen professionelle Streitkräfte. Die Gebiete von Shan, Kachin und Karen konnten zeitweise als de facto unabhängig gelten – bis Vernichtungsfeldzüge ihnen den Garaus machten. Der militärische Widerstand aber besteht bis heute.

Myanmars Militär hält nach dem demokratischen Intermezzo zwischen 2010 und 2021 und seinem Putsch am 1. Februar auch wieder alle Zügel in der Hand – auch dank seines Geldgebers China, das sich durch ein Staudammprojekt entlang des Irrawaddy in der ehemaligen Hauptstadt Rangun – nun hochsprachlich Yangon – eine Basis am Indischen Ozean sichern will. Die mehrheitlich von Bama geführte stärkste zivile Partei, Aung San Suu Kyis Nationale Liga für Demokratie, hatte sich offenbar zu weit von dem für das Militär lukrativen Kurs entfernt, um weiter an der Macht geduldet zu werden. Suu Kyi wurde unter Hausarrest gestellt – wohin sie zwischen 1989 und 2010 schon mehrmals verbannt worden war. Am Pfingstmontag musste sie vor Gericht erscheinen, wo die Putschisten ihr verschiedene „Vergehen“ vorwerfen, unter anderem den Besitz von „Funkgeräten“.

Am Dienstag wurde der für das kritische Magazin „Myanmar Frontier“ tätige Reporter Danny Fenster am Flughafen von Rangun festgenommen. Offiziell ist der Grund unbekannt. Es lässt sich vermuten, dass Fensters Artikel dem Militär nicht gefielen.

Noch eins zur Sprache: Kapitale ist seit 2005 die künstliche Stadt Naypyidaw an einem Verkehrsknoten zwischen China und Indischem Ozean. Der Name ist eigentlich nur der alte Zusatz „Sitz des Königs“, markiert aber überdeutlich den sprachlichen Machtanspruch. Vor der hatte Orwell – der auch mal Polizist in Burma war – in seinem dystopischen „1984“ gewarnt. Peter Rutkowski

Staatsgründer General Aung San, in Tracht.
Putschgeneral Ne Win in staatsmännischem Zivil.

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