Im Zentrum der Macht: Premier Boris Johnson, umringt von seinen Konservativen.
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Im Zentrum der Macht: Premier Boris Johnson, umringt von seinen Konservativen.

London

Der bunte Palast von Westminster

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Das britische Parlament wird jünger und weiblicher. Premier Boris Johnson drückt beim Brexit weiter aufs Tempo.

So viel Wandel gab es lange nicht mehr: Als das britische Unterhaus am Dienstag zu seiner ersten Sitzung zusammentrat, waren 155 und damit fast ein Viertel der 650 frisch gewählten Abgeordneten Newcomer. Zu ihnen gehören 109 neue Vertreter der konservativen Partei unter Premierminister Boris Johnson, darunter viele junge Leute und deutlich mehr Frauen als bisher. Bei den Oppositionsfraktionen von Labour und Liberaldemokraten haben die Frauen sogar die Mehrheit.

Bereits am Montag hatten die Volksvertreter wieder den Palast von Westminster bevölkert, nahmen an Einführungssitzungen teil und suchten nach Büroraum. Er fühle sich „wie am ersten Schultag“, berichtete Andy Carter strahlend der BBC. Offenbar teilten viele der Neulinge dieses Gefühl, was wohl mit dem neugotischen Labyrinth an der Themse zu tun hat: Darin haben sich schon Generationen frischgebackener Parlamentarier verlaufen. Die frühere Sport-Staatssekretärin Tracey Crouch hat deshalb einen guten Rat für die jungen Kollegen: „Gehen Sie zu jedem Termin zehn Minuten vor der Zeit, denn Sie werden sich verlaufen.“

Das Parlament mag ungewohnt sein, die Politik ist es für die meisten nicht. Die Tochter eines walisischen Tory-Abgeordneten des vorigen Jahrhunderts, Fay Jones, 34, ließ sich mit zwei Kolleginnen auf den grünen Parlamentsbänken ablichten: „Drei Neue am ersten Schultag.“ Hingegen hat Sara Britcliffe, 24, geschafft, was ihrem Vater verwehrt blieb: Die Wählerschaft im nordwestenglischen Hyndburn schickte die Betreiberin eines Sandwich-Shops nach Westminster. Den etwas dubiosen Status des „Parlamentsbabys“ genießt allerdings keine Tory, sondern die Labour-Abgeordnete Nadia Whittome, 23 Jahre alt. Im Vergleich zu ihr ist die 2015 gewählte und immer noch erst 25-Jährige schottische Nationalistin Mhairi Black bereits eine Veteranin. Die beiden haben vieles gemeinsam, nicht zuletzt ihre starke soziale Ausrichtung. Whittome hat angekündigt, sie werde lediglich den statistischen Durchschnittslohn von jährlich etwas mehr als 35 000 Pfund (umgerechnet 41 870 Euro) in Anspruch nehmen, also deutlich weniger als die Hälfte des ihr zustehenden Gehalts von derzeit 79 468 Pfund.

Am anderen Ende der Altersskala leitete Peter Bottomley, der dem Unterhaus ohne Unterbrechung seit 1975 angehört, als Alterspräsident die erste Sitzung. Traditionsgemäß stand als erster Punkt die Wahl des Speakers auf der Tagesordnung. Das war diesmal eine reine Formsache, schließlich hatte der frühere Labour-Mann Lindsay Hoyle erst im November den legendären Tory John Bercow abgelöst.

Zur neuen Buntheit zählen eine Vielzahl von Angehörigen ethnischer Minderheiten ebenso wie die mehr als 50 homosexuellen Abgeordneten. Tory Jacob Young, 26, freut sich schon auf die Heirat mit seinem Partner Jack in der Marienkapelle im Parlamentspalast. Britische Medien halten auch für berichtenswert, dass deutlich mehr als die Hälfte der Tory-Abgeordneten Staatsschulen besucht haben. Hingegen besteht das Kabinett noch immer überwiegend aus Absolventen von Privatschulen; der Premierminister selbst besuchte vor 40 Jahren das Elite-Internat Eton.

Die vielen fröhlichen und jungen Gesichter auf den Regierungsbänken dürften den Frust auf den gegenüberliegenden Oppositionsbänken noch verstärken. In der stark geschrumpften Labour-Fraktion gibt es Stimmen, die Parteichef Jeremy Corbyn mit sofortiger Wirkung die Leitung der Fraktion im Unterhaus entziehen wollen. Da es nach dem Rückzug von Tom Watson derzeit keinen Partei- und damit auch Fraktionsvize gibt, wird die frühere Vizevorsitzende Margaret Beckett, 76, als Übergangschefin gehandelt. Die Veteranin wäre eine würdige Repräsentantin des neuen Feminats bei der Arbeiterpartei: 51 Prozent der 202 Labour-Abgeordneten sind Frauen, in der winzigen liberalen Fraktion stellen sie sogar sieben von elf Vertretern.

Premier Johnson legte am Montag seine Fraktion und am Dienstag das einstweilen kaum umgebildete Kabinett auf eine rasche Umsetzung der konservativen Wahlversprechen fest. Bereits am Freitag wird das EU-Austrittsgesetz im Parlament eingebracht; neben dem Brexit-Termin 31. Januar soll darin eine neue Klausel die Übergangsphase bis Ende 2020 festschreiben; laut britischen Medienberichten vom Dienstag will Johnson eine Verlängerung dieser Phase nach dem Brexit per Gesetz ausschließen. Genug Arbeit haben die Neulinge also vor sich.

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