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„Die jungen Soldaten brauchen längere Eingewöhnungsphasen“: Soldaten üben das Marschieren mit Stäben als Fackelersatz.

Bundeswehr

Generalinspekteur Eberhard Zorn sieht in Russland die größte Bedrohung für den Frieden in Europa

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Ranghöchster deutscher Offizier macht Russland für die angespannte Sicherheitslage in Europa verantwortlich. 

Herr Zorn, Führung fängt bekanntlich ganz oben an. Sie sind häufig unangemeldet bei der Truppe zu Besuch. Welche Kritik an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nehmen Sie mit?
Auch die Ministerin besucht sehr oft die Truppe, und das kommt sehr gut an. Sie hat den Zugang. Sie geht auf die Soldaten zu und spricht viel mit ihnen. Das wird positiv wahrgenommen. Ich selbst bekomme bei meinen Besuchen vor allem Punkte vorgetragen, die die Soldaten im Dienstalltag beschäftigen.

Die Ministerin hat der Bundeswehr einmal ein Haltungsproblem unterstellt…
Sie sprechen den Fall des mutmaßlich rechtsextremistischen Offiziers Franco A. an. Er hat eine notwendige Debatte in der Truppe ausgelöst, an deren Ende ein neuer Traditionserlass der Bundeswehr steht. Wir wollen in unserem Traditionsverständnis den Fokus auf unsere eigene Geschichte als fest im Grundgesetz verwurzelte Parlamentsarmee legen. Die Bundeswehr hat viel geleistet, auf das sie stolz sein kann. Nach meinem Eindruck kommt das auch in der Truppe gut an.

Eberhard Zorn: Bundeswehr als Ganzes ist in Ordnung

Hat die Bundeswehr ein Rechtsextremismus-Problem? War der Fall Franco A. ein Einzelfall?
Die Bundeswehr als Ganzes ist in Ordnung. Die Truppe zeigt bei dem Fehlverhalten Einzelner einen hohen Betroffenheitsgrad. Die Sensibilität im Umgang mit Rechtsextremismus ist groß. Bei entsprechenden Anzeichen werden Konsequenzen ergriffen: Ein Verbot der Ausübung des Dienstes, ein Verbot des Tragens der Uniform, die Abgabe des Falles an die Staatsanwaltschaft. Das ist ein Dreiklang, der greift. Ich lege viel Wert darauf, dass Kameraden untereinander wachsam sind. Wer rechtsextreme Verstöße registriert, muss diese unverzüglich melden. Und das passiert auch. Inzwischen überprüft der Militärische Abschirmdienst neues Personal bereits vor seiner Tätigkeit bei der Bundeswehr. Die Überprüfung ist in der Regel bei fast allen Soldaten innerhalb von drei Wochen nach Einstellung abgeschlossen.

Ist politische Bildung fester Bestandteil der militärischen Ausbildung?
Wir haben den Anteil der politischen Bildung zuletzt sogar erhöht. Die Themen werden vorgegeben, die Ebene der Vorgesetzten ist aber frei in der Auswahl der Methoden. Das kommt sehr gut an.

Wie sieht die Ausstattung der Bundeswehr nach einem Jahr Generalinspekteur Zorn aus?
Beim Großgerät läuft es immer besser. Wir bekommen neue Boxer (Radpanzer; Anm. d Red.), wir bekommen neue Lkw. Der Transportflieger A400M fliegt immer zuverlässiger. Es kommen auch langsam die umgerüsteten Panzer aus der Modernisierung. Wenn man heute in die Kaserne fährt, sieht man viele neue Fahrzeuge. Bei ganz neu entwickeltem Gerät gibt es aber auch oft eine schwierige Startphase. Der Puma ist ein hervorragender Schützenpanzer. Die Einführung in die Truppe ist aber immer noch holprig. Der Puma ist ein hoch komplexes System. Es braucht noch Zeit, bis er wirklich das volle Leistungsspektrum erreicht.

Eberhard Zorn.

Und die personelle Situation?
Was mich besonders freut: Im Februar lag die Bewerberanzahl um sechs Prozent höher als noch vor einem Jahr. Trotz einer sinkenden Demografie und einer insgesamt starken Konkurrenz um guten Nachwuchs ist die Bundeswehr ein begehrter Arbeitgeber. Das werte ich als Erfolg. Herausfordernd bleibt aber nach wie vor, spezialisiertes Fachpersonal zu gewinnen, zum Beispiel im IT-Bereich oder bei Technikern insgesamt. Da geht es uns nicht anders als anderen öffentlichen Arbeitgebern und der freien Wirtschaft.

Sind Bewerber heute körperlich noch so fit wie vor 20 Jahren?
Nein. Die jungen Soldaten brauchen längere Eingewöhnungsphasen, um das für die Truppe erforderliche sportliche Level zu erreichen. Wir haben deshalb ein vierwöchiges Pilotprogramm entwickelt, um neue Soldaten fit zu machen, bevor wir mit den körperlich anspruchsvolleren Aufgaben beginnen. Das klappt prima und hat sich bewährt. Und es schweißt die Leute auch als Team zusammen.

Welche sicherheitspolitische Veränderung macht Ihnen am meisten Sorgen?
Der INF-Vertrag. Angenommen, dieser Vertrag bricht vollkommen weg, bin ich in Sorge, wie es weiter geht mit Mittelstreckenraketen. Meines Erachtens muss dann ein neues Rüstungskontrollregime ins Leben gerufen werden. Und da müssen alle mit an Bord geholt werden – Russland, die USA, China. Das wäre für mich das Maß aller Dinge mit Blick auf unsere Sicherheit in Europa und in Deutschland.

Eberhard Zorn: Truppenpräsenz in Afghanistan ist wichtig

Wer trägt die Schuld an der globalen Eskalation?
Global sind viele Mächte im Spiel. Was Europa angeht, sprechen die Fakten für sich. Russland hat völkerrechtswidrig die Krim besetzt, wir beobachten die Lage in der Ostukraine und die hybride Kriegsführung, den Fall Skripal, die Aktivitäten im Cyberraum, den Bruch des INF-Vertrages. Das hat insgesamt seine ganz eigene Qualität. Da ist deshalb die Position Deutschlands und aller Bündnispartner eindeutig.

Müssen deutsche Soldaten in Afghanistan bleiben?
Es ist wichtig, den Friedensprozess mit Truppenpräsenz zu unterlegen, damit der Druck zur Einigung da ist. Ein jetziger Abzug wäre völlig verfrüht. Die afghanischen Sicherheitskräfte brauchen unverändert Beratung. Übrigens habe ich auch von Seiten der USA die klare Zusicherung, dass US-Truppen in Afghanistan bleiben.

Sehen Sie neue Einsatzgebiete für die Bundeswehr?
Gefragt wurden wir aktuell von den Vereinten Nationen zum Jemen. Dort wollen wir einen möglichen Friedensprozess auch mit Einzelpersonal unterstützen. Weiteres steht nicht an.

Interview: Jörg Köpke

Zur Person

Eberhard Zorn (59) ist seit einem Jahr Generalinspekteur der Bundeswehr und damit Deutschlands ranghöchster Offizier. Er berät die Bundesregierung in militärischen Fragen und ist für die Planung und Nachbereitung aller Militäreinsätze und Missionen verantwortlich. (erb)

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