Die Gegend um das Feldlager Kundus ist unruhig geworden, seit die Bundeswehr in die Taliban-Regionen vordringt.
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Die Gegend um das Feldlager Kundus ist unruhig geworden, seit die Bundeswehr in die Taliban-Regionen vordringt.

Afghanistan

Bundeswehr erschießt Jugendlichen

  • vonSteffen Hebestreit
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Tödlicher Zwischenfall an Kontrollpunkt in Nord-Afghanistan: Deutsche Soldaten gingen offenbar von Angriff aus. Von Steffen Hebestreit

Bundeswehrsoldaten haben am Sonntag in Afghanistan einen Zivilisten erschossen und mindestens zwei weitere Personen schwer verletzt. Nach Darstellung des Verteidigungsministeriums hatte sich ein weißer Pick-up-Truck mit hoher Geschwindigkeit einem deutschen Kontrollpunkt genähert. Trotz mehrfacher Aufforderung und Warnschüssen habe das Fahrzeug sein Tempo nicht gedrosselt. "Daraufhin haben die Soldaten mit gezielten Schüssen in den Motorblock versucht, den Wagen zu stoppen", berichtete ein Sprecher des Ministeriums.

Dabei sei ein Jugendlicher getötet worden, zwei erwachsene Insassen des Wagens seien schwer verletzt worden. Ein weiterer Passagier blieb unverletzt, eine fünfte Person sei nach dem Vorfall vom Tatort geflüchtet.

Zunächst hatte die Bundeswehr keine Erklärung für das Verhalten des Fahrers. Es hätten sich nach ersten Erkenntnissen weder Waffen noch Sprengstoff in dem Wagen befunden. Unklar sei auch, weshalb das Fahrzeug überhaupt dort unterwegs gewesen sei.

"Nach derzeit vorliegenden Informationen mussten die Soldaten von einem Angriff ausgehen, so dass der Schusswaffengebrauch auf der Grundlage der bestehenden Einsatzregeln rechtmäßig erfolgte", sagte der Ministeriumssprecher am Montag. Die Staatsanwaltschaft in Potsdam, dem Standort des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, prüft im Augenblick, ob sie Ermittlungen wegen des Zwischenfalls aufnimmt.

Der Vorfall hatte sich am Sonntag gegen 16 Uhr Ortszeit etwa zehn Kilometer westlich des Bundeswehrstützpunkts in Kundus ereignet. Zur gleichen Zeit habe es in dem Gebiet eine Militäroperation unter Führung der afghanischen Armee gegeben, die von deutschen Soldaten und anderen ausländischen Truppen unterstützt worden sei. Darüber hinaus habe es am gleichen Tag zwei Raketenangriffe auf das deutsche Feldlager gegeben. Die Geschosse hätten allerdings keine Schäden angerichtet, teilte das Verteidigungsministerium mit.

Die verletzten Männer seien nach Masar-i-Sharif ins Bundeswehr-Hospital geflogen und dort versorgt worden. In ersten Meldungen am Sonntagabend hatte es zunächst geheißen, dass ein weiterer Afghane bei dem Vorfall getötet worden war. Diesen Bericht korrigierte das Ministerium am Montag und verwies auf die unübersichtliche "Lage".

Die Gegend um das Feldlager Kundus ist im "deutschen" Norden seit geraumer Zeit der Unruheherd. Seit April hat die Bundeswehr ihre Taktik in diesem Gebiet geändert und dringt nun auch wieder in Regionen vor, die zuvor von Talibankräften kontrolliert wurden. Im Juni waren drei Bundeswehrsoldaten bei einem Gefecht getötet worden, als ihr Truppentransporter in einen Graben stürzte. Im April wurde ein Soldat getötet, als Angreifer einen Bundeswehrkonvoi in einen Hinterhalt gelockt und das Feuer eröffnet hatten.

Im Westen Afghanistan gab es nach Polizeiangaben am Sonntag gleich elf Tote, als zwei Sprengsätze, die am Straßenrand versteckt waren, explodierten, gerade als ein Minibus die Stelle passierte. Unter den Opfern befänden sich Frauen und Kinder, teilte die Polizei mit und machte radikalislamische Taliban-Kämpfer für die Tat verantwortlich.

Ein britischer Soldat starb in der südlichen Unruheprovinz Helmand, als bei einer Patrouille ein Sprengsatz detonierte. Ein Zudem kamen vier US-Soldaten bei einem Bombenanschlag im Osten des Landes ums Leben. Ein US-Militärsprecher nannte keine weiteren Details.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in London sind seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes 2001 insgesamt 186 britische Soldaten getötet worden.

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