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Beate und Serge Klarsfeld 2012 in Berlin.

Nazi-Jägerin

Bundesverdienstkreuz für Beate Klarsfeld

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Es ist die wohl berühmteste Ohrfeige der deutschen Geschichte: Am 7. November 1968 erklimmt Beate Klarsfeld das Podium des CDU-Parteitages in der Berliner Kongresshalle, ohrfeigt Bundeskanzler Georg Kiesinger und ruft: „Nazi, Nazi, Nazi“. Nun bekommt sie mit das Bundesverdienstkreuz.

Es ist das versöhnliche Ende einer jahrzehntelangen deutschen Auseinandersetzung um die Deutsch-Französin, die in anderen Ländern längst hoch geehrt worden ist für ihren Einsatz bei der Verfolgung von Nazi-Verbrechern. Denn der Angriff auf Kiesinger, den sie wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft und seiner Arbeit in der Propaganda des Nazi-Regimes für einen Schreibtischtäter hielt, ist nur ein früher symbolischer Akt ihres lebenslangen Kampfes gegen die Verantwortlichen des Nazi-Terrors.

Ihr größter Erfolg war die Enttarnung des SS-Offiziers Klaus Barbie, der wegen seiner grausamen Verbrechen in Frankreich als Schlächter von Lyon bezeichnet wurde. Er wurde auf Initiative Klarsfelds schließlich 1983 in Bolivien festgenommen und später in Frankreich verurteilt. Sie führte die Ermittler auch auf die Spur anderer.

Täter, wie die des Eichmann-Vertreters Alois Brunner. Gemeinsam mit ihrem Mann Serge gab sie ein Gedenkbuch heraus, in dem die Namen von 80 000 Opfern der Judenverfolgung in Frankreich verzeichnet sind. In der Bundesrepublik wurde die in Paris lebende Beta Klarsfeld lange geschmäht. Ein Grund war, dass sie bei ihren Nachforschungen und Aktionen zunächst von der DDR unterstützt wurde. Allerdings geriet sie auch mit der SED in Konflikt, als sie 1971 an der Prager Universität öffentlich gegen Re-Stalinisierung und Antisemitismus protestierte.

Ihre Ohrfeige für Kiesinger – die sie zuvor angekündigt hatte -  führte in der aufgeheizten Stimmung des Jahres 1968 mit seinen Studentenprotesten zu scharfen politischen Kontroversen. Der spätere Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll schickte ihr als Anerkennung einen Strauß rote Rosen, während sie von großen Teilen der Politik und der Presse als Nestbeschmutzerin verdammt wurde.

Nach der Ohrfeige für Kiesinger war sie festgenommen und zunächst in einem Schnellverfahren zu einem Jahr Haft verurteilt worden, der Höchststrafe. Ihr Verteidiger war Horst Mahler. Sie musste die Strafe allerdings nicht antreten, da sie auch französische Staatsbürgerin ist. In einem Berufungsverfahren wurde die Strafe auf vier Monate mit Bewährung reduziert. Klarsfeld  begründete ihre Aktion damit, dass sie im Namen von 50 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs als Schlag ins Gesicht von zehn Millionen Nazis verstanden wissen wollte.

Die Kontroverse um Beate Klarsfeld reicht bis in die jüngste Vergangenheit. Nachdem die Linke schon 2009 vorgeschlagen hatte, ihr das Bundesverdienstkreuz zu  verleihen, blockierte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) die Ehrung. 2012 nominierte die Linke sie als Gegenkandidatin von Joachim Gauck als Bundespräsidentin.

Union und FDP polemisierten dagegen wegen ihrer früheren Zusammenarbeit mit der DDR gegen Politiker der Bundesrepublik. Das sei einer Präsidentschaftskandidatin nicht würdig. Gauck erklärte nach seiner Wahl, er werde sich ein eigenes Urteil bilden. Das hat er nun getan.

Zur Begründung hieß es aus dem Präsidialamt,  Beate und Serge Klarsfeld hätten sich um die Aufarbeitung der NS-Verbrechen verdient gemacht und setzten sich bis heute gegen Antisemitismus und politische Unterdrückung ein. Der Vorschlag zur Ehrung geht auf die Bundestagsfraktion der Linken zurück und wurde ausdrücklich vom Land Berlin unterstützt, wo die Klarsfelds auch einen Wohnsitz haben. Er ist jetzt vom Auswärtigen Amt aufgegriffen worden, wie das bei im Ausland lebenden Bürgern erforderlich ist. Die Orden werden in Paris von der Botschaft übergeben werden.

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