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Demo in Berlin für die Freilassung der in der Türkei inhaftierten Medienschaffenden (Archivbild).
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Demo in Berlin für die Freilassung der in der Türkei inhaftierten Medienschaffenden. (Archivbild)

Türkei unter Erdogan

Angriff auf Erk Acarer: „Bundesregierung macht sich mitschuldig“

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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Der Journalist Osman Okkan zum Überfall auf Erk Acarer, die Handlanger von Recep Tayyip Erdogan und die Untätigkeit der Bundesregierung.

Herr Okkan, mitten in Berlin wird der türkische Journalist Erk Acarer angegriffen und zusammengeschlagen. Welches Motiv vermuten Sie hinter der Attacke?

Damit soll demonstriert werden, dass der lange Arm des türkischen Präsidenten Erdogan bis nach Deutschland reicht. Und dass Regimekritiker wie Erk Acarer sich hier nicht sicher fühlen können. Man darf nicht vergessen: Acarer ist einer der profiliertesten investigativen Journalisten in der türkischen Medienlandschaft.

Was ist die Botschaft an ihn?

Er soll mit seinen Recherchen über die mafiösen Verstrickungen des Erdogan-Regimes aufhören. Dafür wurde er ja bereits in der Türkei verfolgt und bedroht, jetzt geht es in Deutschland damit weiter. Hier werden unbemerkt von der deutschen Justiz und Politik Grenzen überschritten – die Drohkulisse, die Erdogan und seine Handlanger in Europa aufgebaut haben, schlägt sich in Taten nieder. Davor haben türkische Oppositionelle schon lange gewarnt.

Kann Erdogan also seine Gegner:innen unbehelligt angreifen?

Schon seit einigen Monaten ist zu beobachten, dass sich Erdogan in einem Dilemma befindet. Seine Umfragewerte sinken rapide, weil es wirtschaftlich seit geraumer Zeit bergab geht. Seine Pandemiepolitik hat viele Menschen das Leben gekostet, und außenpolitisch ist er völlig isoliert. Nun versucht er es einerseits mit einer Kuschelpolitik gegenüber der EU, vor allem gegenüber der Bundesrepublik. Und andererseits mit rigideren Einschüchterungen gegenüber seinen politischen Gegnern im In- und Ausland. Er und seine Handlanger drohen nicht mehr lautstark, sondern zeigen den Oppositionellen mit gezielten Angriffen, wie mächtig und unantastbar ihr hiesiger Apparat mittlerweile geworden ist.

Die Türkei unter Erdogan unterhält in Deutschland ihren größten Auslandsgeheimdienst

Wer sind denn Erdogans Handlanger hierzulande?

Er unterhält in Deutschland seinen größten Auslandsgeheimdienst, an die 6000 Leute. Und dann sind da die Imame und andere Bedienstete, die vom Amt für Religionswesen, das direkt Erdogan unterstellt ist, aus der Türkei nach Deutschland geschickt werden und von hier Bericht erstatten müssen.

Wie steht es zur Zeit um die Pressefreiheit in der Türkei?

Sehr schlimm. Alle systemkritischen Medienschaffenden werden verfolgt und unterdrückt. Sie bekommen hohe Haftstrafen, wie zum Beispiel der Journalist, der über Erdogan-Karikaturen in Deutschland berichtete. Gleichzeitig gibt es da den Attentäter, der versuchte, Can Dündar vor dem Gerichtsgebäude zu erschießen, den ehemaligen Chefredakteur der „Cumhuriyet“. Dieser Verbrecher geht straffrei aus. Deshalb gibt es nur noch sehr wenige Printmedien und einige mutige Internetportale, die Kritisches zu berichten wagen.

Ein ranghohes Mitglied von Erdogans AKP regte auf Twitter an, Acarer mit Strychnin zu vergiften, und lieferte das Rezept gleich mit. Ist das inzwischen gängiger Umgangston mit Journalist:innen?

Das zeigt, welche atmosphärische Bedrohung in der Türkei herrscht. Erdogans Freundeskreis gibt öffentliche Mordanleitungen – damit werden kritische Journalisten für vogelfrei erklärt. Es ist ein Aufruf an obrigkeitshörige Regierungsanhänger im In- und Ausland, mit ihrem fanatischen Nationalismus und Islamismus, diesen Aufforderungen nachzukommen.

Medien liefern den Nährboden für die Haltung türkischstämmiger Menschen in Deutschland

Wie wichtig sind in dieser Lage Journalist:innen im Exil?

Sie haben eine große Bedeutung, weil sie andere Möglichkeiten haben zu recherchieren und zu berichten. Oft sind sie die einzige Quelle gegenüber der Übermacht der AKP-nahen Medien, vor allem im Fernsehbereich. Und sie haben auch den Zugang zur türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland. Dies ist ein wichtiger Punkt. Denn die Medien liefern den Nährboden für die Haltung der türkischstämmigen Menschen.

Einer der Angreifer auf Erk Acarer schrie: „Du schreibst nicht mehr!“ Warum fühlt sich Erdogan selbst durch kritische Berichterstattung im Ausland bedroht?

Dafür gibt es einen aktuellen Anlass. Es geht um Sedat Peker, einen mächtigen Mafiaboss und ehemaligen Mitstreiter Erdogans. Peker hat sich ins arabische Ausland abgesetzt und legt nun die korrupten Machenschaften des türkischen Regimes mit enormem Insiderwissen auf Youtube offen. Seine detaillierten Aussagen sind an vielen Punkten durch Zeugenaussagen und Dokumente belegt.

Ein Mafiaboss, der den Aufklärer gibt? Das ist ein Scherz, oder?

Keineswegs. Für Kenner der türkischen Szene ist das nicht nur logisch, sondern folgerichtig. In der Türkei wurde Peker irgendwann bei Aufträgen von der Regierung übergangen, sein Haus in Istanbul wurde durchsucht. Das hat bei ihm offenbar Rachegelüste ausgelöst. Und jetzt nutzt er seinen wöchentlichen, millionenfach gesehenen Youtube-Kanal, um aus dem Ausland Beweise und Dokumente vorzulegen, wie verdorben diese Regierung ist. Doch kein einziger Staatsanwalt in der Türkei geht diesen Behauptungen nach. Und auch die deutsche Justiz ist untätig, obwohl Peker – der übrigens in München aufwuchs und sich in Deutschland bestens auskennt – genügend Hinweise auf kriminelle Verbindungen nach Deutschland gibt.

Tausende türkische Oppositionelle in Deutschland werden von Erdogans Handlangern überwacht

Und stellvertretend für Peker werden dann Journalisten wie Acarer angegriffen, weil sie die Korruptionsvorwürfe aufgreifen?

Genau. Denn der Mafiaboss ist ja bestens durch seine kleine Privatarmee geschützt. Und offenbar genießt er den Schutz der Regierung des Landes, in dem er lebt, wahrscheinlich in Dubai.

Osman Okkan ist Sprecher des „Rechtshilfefonds für politisch Verfolgte in und aus der Türkei“.

Tut die deutsche Regierung zu wenig, um bedrohte türkische Regimekritiker zu schützen?

Es geht nicht nur um türkische Oppositionelle, auch wenn ihre Verfolgung zur Zeit aktuell ist. Ich selbst bin als Student wegen eines Berichts über die Grauen Wölfe von der damaligen türkischen Regierung zum gefährlichen Terroristen erklärt worden, wurde ausgebürgert und zur Zielscheibe gemacht. Ich weiß, was es bedeutet, so zu leben. Und so leben Tausende türkische Oppositionelle in Deutschland. Kritische Journalisten, Künstler, Akademiker. Ständig verfolgt und überwacht von Erdogans Handlangern. Ich behaupte: Die Bundesregierung und die deutsche Justiz machen sich mitschuldig an künftigen Attentaten auf diese Menschen, wenn sie Erdogan und seine Helfershelfer trotz aller fanatischen Hetzkampagnen und tätlichen Attacken weiter gewähren lassen.

Das Interview führte Bascha Mika

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