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Bund finanziert erstes Schwarzes Kulturzentrum

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Von: Hadija Haruna-Oelker

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Die „Black Lives Matter“-Proteste 2021 (hier in Berlin) haben der Bewegung Schwarzer in Deutschland viel Auftrieb gegeben.
Die „Black Lives Matter“-Proteste 2021 (hier in Berlin) haben der Bewegung Schwarzer in Deutschland viel Auftrieb gegeben. © Imago

Die Bundesregierung steuert mehr als fünf Millionen Euro bei, damit in Berlin ein Ort für Begegnung und Empowerment Schwarzer Menschen entstehen kann. Ein Interview.

Berlin – Der Bund will 5,2 Millionen Euro zur Finanzierung des ersten selbstverwalteten Zentrums von und für Schwarze Menschen in Deutschland beisteuern. Das entschied jetzt der Haushaltsausschuss des Bundestages. Damit löst die Bundesregierung ein Versprechen aus dem Koalitionsvertrag ein, gegen Anti-Schwarzen Rassismus vorzugehen. Das Land Berlin hatte zuvor bereits gut 3,6 Millionen Euro dafür bewilligt. Ein Gespräch über das Projekt mit den Grünen-Bundestagsabgeordneten Awet Tesfaiesus und Andreas Audretsch.

Frau Tesfaiesus, Herr Audretsch, Ihre Entscheidung fußt unter anderem auf dem Versprechen, die UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft voranzutreiben. Warum ist das wichtig?

Awet Tesfaiesus: Die UN-Dekade fordert Deutschland dazu auf, gegen Anti-Schwarzen Rassismus vorzugehen. Die zehn Jahre der Dekade sind Ende 2024 rum. Und die Vorgängerregierung hat es leider nicht geschafft, entsprechende Programme und Strukturen aufzubauen. Mit dem Zentrum werden nun Schwarze, afrikanische und afrodiasporische Menschen aus der Marginalisierung geholt. Sie sollen darin bestärkt werden, selbstbewusst als Kulturschaffende und Kulturpublikum aufzutreten und in den gesamtgesellschaftlichen Austausch zu gehen.

Zentrum für Schwarze Menschen in Berlin: Geschichts-, Kultur- und Bildungsformate

Der Redaktion liegt der Entwurf eines mehrstöckigen Gebäudes vor. Was ist geplant?

Tesfaiesus: Community-Kulturzentren sind Orte des kreativen Schaffens – besonders für marginalisierte Gruppen. Sie visualisieren das, was noch sein kann, sind Orte der Begegnung, der Vernetzung und der Weitergabe von Expertisen und Erfahrungen. Es wird dort Geschichts-, Kultur- und Bildungsformate unter einem Dach geben: von Kunst- und Literaturfestivals bis hin zu Haar-Workshops oder Schreibwerkstätten.

Andreas Audretsch: Wir wollen, dass die Schwarze Community einen Ort bekommt, der ihrer großen Bedeutung für Deutschland angemessen ist. So funktional, dass gutes Arbeiten möglich ist, und gleichzeitig so repräsentativ, dass auch der Bundeskanzler zu Besuch kommen könnte.

Bund finanziert Zentrum für Schwarze Menschen: Forderungen nach eigenem Ort gibt es schon lange

Bereits im Juli hatte das Land Berlin verkündet, das Zentrum mit 3,65 Millionen zu unterstützen. Dazu kommt eine weitere Förderung in Höhe von 1,57 Millionen durch die Lotto-Stiftung. Sie beide waren maßgeblich daran beteiligt, die Förderung auf Bundesebene durchzusetzen. Was hat sie angetrieben?

Tesfaiesus: Es leben über eine Million Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland. Für viele andere Community‘s gibt es nationale Dokumentationszentren, Gedenkorte oder nationale Plattformen, die ausdrücken, dass die Politik hier besonders hinschaut und im Austausch ist. Für Schwarze Menschen gab es das bis 2022 noch nicht. Aber als Teil der Schwarzen Community kenne ich die Forderungen nach eigenen Orten schon lange. Ich schöpfe aus den unterschiedlichen Treffen Kraft und finde Inspiration für mein politisches Handeln. Mit diesem Zentrum ist nun ein weiterer Schritt für die langfristige Etablierung von Strukturen getan.

Awet Tesfaiesus aus Kassel ist seit 2021 für die Grünen im Bundestag.
Awet Tesfaiesus aus Kassel ist seit 2021 für die Grünen im Bundestag. © Privat

Audretsch: Die Organisationen der Schwarzen Community in Deutschland machen seit vielen Jahren wichtige Arbeit gegen Rassismus und für gleiche Rechte – eine Arbeit, von der wir alle in Deutschland profitieren. Als ich 2020 bei den „Black Lives Matter“-Demonstrationen war, habe ich mir gesagt, wenn ich etwas beitragen kann, diese Arbeit langfristig zu sichern, will ich es tun. Jetzt habe ich diese Möglichkeit im Haushaltsausschuss.

Zentrum für Schwarze Menschen in Berlin: Räume sollen inklusiv gestaltet werden

Glauben Sie nicht, dass das finanzielle Vorhaben in diesen schwierigen Zeiten auf Kritik stoßen könnte: Woher nimmt der Bund das Geld?

Audretsch: Wir haben große Krisen zu bewältigen. Dafür haben wir bereits drei Entlastungspakete in Höhe von 95 Milliarden Euro auf den Weg gebracht und helfen gerade denen mit kleinen und mittleren Einkommen. Wir stützen Gasunternehmen mit Milliarden, wir legen außerdem große Programme für unsere Wirtschaft auf. All das hat höchste Priorität. Und gleichzeitig vergessen wir nicht die Zukunft – wir investieren in Klimaschutz, in Vielfalt und unsere liberale Demokratie, in eine Gesellschaft die stark steht gegen Rassismus.

verein „each one teach one“

Initiator des künftigen „Community-Zentrums“ (CUZ) von und für Schwarze Menschen ist der Verein „Each One Teach One“ (Eoto). Wie andere Organisationen Schwarzer Menschen setzt er sich seit Jahren für deren Anliegen ein. 2014 begann Eoto als ehrenamtlich geführte Bibliothek mit 1500 Büchern von Autor:innen afrikanischer Herkunft. Inzwischen verfügt er über eine Sammlung von über 8000 Werken, in der online recherchiert werden kann.

Die Räumlichkeiten des Vereins liegen aktuell im Berliner Stadtteil Wedding. Das künftige Zentrum könnte im Hinterhof entstehen, wo derzeit ein alleinstehendes Gebäude kernsaniert wird. Insgesamt handelt es sich um 1500 Quadratmeter. Das Gebäude soll um ein Stockwerk erweitert werden, um auch andere Schwarze Vereine, Organisationen und Einzelpersonen als Teil des CUZ aufnehmen zu können.

2021 hat Eoto zusammen mit Citizens for Europe den Afrozensus, die größte Befragung unter Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Menschen veröffentlicht. hh

Frau Tesfaiesus, Sie wissen, wie heterogen die Schwarze Community mit ihren Organisationen ist. Inwiefern ist das bei der Planung des Zentrums berücksichtigt worden, bei dem sie mit dem Verein Eoto zusammenarbeiten?

Tesfaiesus: Der Afrozensus hat ergeben, dass Anti-Schwarzer Rassismus vor allem durch Empowerment-Räume zurückgedrängt wird. Diese Räume inklusiv zu gestaltet, ist auch der Anspruch des Zentrums, das sich auf eine bundesweite Bedarfsabfrage unter den Schwarzen Communitys stützt. Es muss aus rechtlichen Gründen von einem Verein getragen werden. Klar ist aber, dass weitere Organisationen in das Zentrum einziehen und mitgestalten werden. Aber ich sehe auch die Politik in der Verantwortung, weitere Angebote zu schärfen und zu unterstützen.

Zentrum für Schwarze Menschen: Rechtsschutz für Betroffene von Diskriminierung soll verbessert werden

Die Förderung des Zentrums ist in vielerlei Hinsicht ein einmaliges Vorhaben. Auch eines, bei dem die öffentliche Hand umfassend in die finanzielle Verantwortung geht, aber die Umsetzung in zivilgesellschaftlicher Hand bleibt. Was versprechen Sie sich?

Audretsch: Eine starke und vor allem unabhängige Zivilgesellschaft ist Garant für unsere liberale Demokratie. Gerade in Zeiten, in denen Rechtsextreme versuchen, Gruppen aus der Gesellschaft herauszudrängen, ist es wichtig, die zu unterstützen, die sich dem entgegenstellen. Genau dazu passt das Zentrum. Wir schaffen die Grundlage durch die nötigen Investitionen, die konkrete Arbeit machen die zivilgesellschaftlichen Akteure dann selbstbestimmt und frei.

Insgesamt lässt sich eine Veränderung im Bereich der Antidiskriminierungspolitik verzeichnen. Wohin führt dieser Weg?

Tesfaiesus: Zentral ist für mich dabei die Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, für die ich innerhalb der Fraktion zuständig bin. Mit ihr wollen wir den Rechtsschutz für Betroffene von Diskriminierung verbessern und Schutzlücken schließen. Wichtig ist auch, den Anwendungsbereich des Gesetzes zu erweitern, damit neben Privaten auch die Bundespolizei an das Diskriminierungsverbot aus dem AGG gebunden sind.

Bund finanziert Zentrum für Schwarze Menschen: Alle sollen gleiche Rechte haben

Audretsch: Das Community-Zentrum ist Teil einer neuen Haltung der Bundesregierung. Wir haben mit Ferda Ataman eine neue starke Antidiskriminierungsbeauftragte ins Amt gebracht und kämpfen dafür, dass alle Menschen in Deutschland gleiche Rechte haben.

Andreas Audretsch ist Vizevorsitzender der Grünen im Bundestag.
Andreas Audretsch ist Vizevorsitzender der Grünen im Bundestag. © Privat

Inwiefern geht es Ihnen dabei auch darum, von einer Projektlogik wegzukommen, um eine Infrastrukturlogik zu entwickeln?

Tesfaiesus: Mit der „Projektitis“ sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Denn wenn nur punktuell gefördert wird, können keine nachhaltigen Strukturen aufgebaut werden. Für die Zivilgesellschaft ist dieser Umstand Gift. Das ist auch bei der Politik angekommen. Das Community Zentrum wird deshalb errichtet, um zu bleiben.

Interview: Hadija Haruna-Oelker

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