Die bürgerliche Opposition

"Rote Kapellen, Kreisauer Kreise, Schwarze Kapellen": Karl Heinz Roth und Angelika Ebbinghaus suchen unser Bild des Widerstands gegen Hitler zu erweitern

Von HANS MOMMSEN

Der etwas eigenwillige Titel des hier anzuzeigenden Buches greift die von der Gestapo stammenden Bezeichnungen "Rote" und "Schwarze Kapelle" sowie "Kreisauer Kreis" auf und verweist damit auf die Mehrdimensionalität des Widerstandes gegen Hitler, der eben nicht nur den bürgerlichen Widerstand des 20. Juli, sondern auch den Freundeskreis um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack und die Widerstandsgruppe in der Abwehr umfasst (letztere bezeichnete die Gestapo als "Schwarze Kapelle"). Damit suchen Karl Heinz Roth und Angelika Ebbinghaus, Herausgeber und zentrale Mitautoren, für ein breiteres, über die Bewegung des 20. Juli hinausweisendes Widerstandsbild zu plädieren.

Kernstück des von ihnen herausgegebenen Bandes sind die Beiträge zur Vorgeschichte des 20. Juli, zur "Offiziersopposition" und zum "Kreisauer Kreis". Hinzu treten eine Abhandlung Stefan Roloffs, einer der Nachfahren der Verschwörer, zur "Roten Kapelle" sowie ein Briefwechsel von Angelika Ebbinghaus mit Freya von Moltke sowie eine Skizze des "Widerstands von unten" von Ludwig Eiber. Der stattliche Band ersetzt keine systematische Darstellung, umfasst den Zeitraum von 1938 bis 1945 mit Ausblicken auf die Rezeption nach 1945 und verspricht "neue Sichtweisen" auf den Widerstand. Dabei ist die Essay-Sammlung auf dem Niveau der jüngsten Forschung, bringt scharfsinnige, aber überwiegend kritische Kommentare zu dem bisher vorliegenden Bild des Widerstandes, ohne den Gegenstand zu destruieren.

Mit Zurückhaltung betrachtet Karl Heinz Roth die noch immer vorherrschende Bestrebung, die Herausbildung des bürgerlichen Widerstandes in die zweite Hälfte der dreißiger Jahre zu verlegen. Doch erst die 1937/38 aufbrechende "strategische Differenz" zwischen der NS-Führung und der konservativen Funktionselite, die nicht die expansiven Ziele des Regimes ablehnte, sondern das Ungestüm, mit dem sie befolgt werden, führt zur Aufkündigung des Bündnisses zwischen ihnen. Trotz der Eventualplanung für den Fall der vorzeitigen Kriegsauslösung durch Hitler im Herbst 1938 kommt es erst nach dem Polenfeldzug, der von den bürgerlichen Partnern letztlich positiv aufgenommen wird, über Hitlers Entschluss, im Westen anzugreifen und damit den Weltkrieg irreversibel zu machen, zur Formierung der Opposition. Sie verfolgt das Ziel, das Elitenbündnis, notfalls durch die Ersetzung Hitlers durch Göring oder Himmler, wiederherzustellen, nicht aber das politische System zu beseitigen.

Autoritär oder revolutionär?

Erst seit 1942, unter dem Einfluss gewerkschaftlicher und sozialistischer Partner sowie des sich konsolidierenden "Kreisauer Kreises" erfolgt ein Ende der "regimeloyalen Opposition", die mit den Neuordnungsplänen Ulrich von Hassells und Johannes Popitz' eine "Wiederannäherung" an das NS-Regime vollzieht. Während der auf Umsturz gerichtete radikale Flügel um Friedrich Wilhelm Heinz und Hans Oster isoliert bleibt und die Gruppe um Hassel und Popitz an Einfluss verliert, konsolidiert sich der politische Führungsanspruch Carl Goerdelers, der zusammen mit Beck nun eine autoritär geprägte Systemänderung ins Auge fasst, ohne allerdings zum Mittel des Attentats zu schreiten.

Anfang 1943 brechen zwei miteinander unvereinbare "Konstellationen der bürgerlichen Opposition" aufeinander, eine, die für eine mehr oder weniger revolutionäre Veränderung, die andere, die eher autoritären Lösung anstrebt. Der bittere Vorwurf, sich mit einer "Kerenski-Lösung" zufrieden zu stellen, stand im Raum.

Diese (von Roth überakzentuierte) Polarisierung vollzieht sich nicht zuletzt unter dem Einfluss von Kreisau, dessen basisdemokratische Orientierung den Denkweisen der Honoratiorengruppe gegenübergestellt wird. Bei ihrer Darstellung von Kreisau steht Angelika Ebbinghaus offenbar unter dem Einfluss der heutigen Sicht Freya von Moltkes; hier tritt der geschichtsphilosophische Kern des Moltkeschen Programms eher in den Hintergrund, werden die "kleinen Gemeinschaften" irrtümlich auf die amerikanische Föderalismustradition und auf Baruch Spinoza zurückgeführt und der ursprünglich bloß für den Tag X planende Charakter des Kreises übergangen.

Während die Verfasserin mit der Überwindung des Nationalstaatsprinzips bei Moltke sympathisiert, entgeht ihr nicht, dass andere Teilnehmer des Kreises an nationalen Positionen festhielten, nicht zuletzt Adam von Trott zu Solz. Indessen überzieht sie diese Kritik. Denn die Fortschreibung des Reichsgedankens, unter anderem in den europäischen Neuordnungsplänen Theodor Steltzers, ist schwerlich mit imperialistischen Ideen in Verbindung zu bringen, und den Kreisauer Planungen zu unterstellen, an einer "nationalen Gestaltungskompetenz in Europa" festzuhalten, erscheint überzogen.

Wenn hingegen die basisdemokratische Einstellung von Kreisau in positiven Kontrast zu den berufsständisch-autoritären Ideen der bürgerlichen Opposition stellt, übersieht sie, dass auch die Kreisauer vor solchen Einflüssen nicht gefeit waren. Die "Perspektive der demokratischen Erneuerung", die von beiden Autoren Kreisau zugeschrieben wird, jedenfalls für die Phase seit 1943, als der Kreis infolge der Verhaftung Moltkes nicht mehr formell zusammentrat, ist gleichwohl ein Euphemismus, so ausgeprägt der Unterschied zu den autoritären Reformplänen des Goerdeler-Kaiser-Leuschner-Kreises auch war.

Roths ausgeprägte Sympathien für die Kreisauer, die zugleich die jüngere Generation repräsentieren, und deren Zurückweisung einer Kerenski-Lösung lässt ihn die Tiefe des Konflikt zwischen den Honoratioren und dem Kreis um Moltke überbetonen, obwohl er richtig sieht, dass mit der sich bildenden Aktionsgruppe um Stauffenberg der Einfluss Goerdelers und seiner Parteigänger deutlich zurückgeht.

Roth argumentiert, dass sich mit der Aktionsgruppe in der Bendlerstrasse mit Stauffenberg, Julius Leber und Cäsar von Hochacker an der Spitze ein deutlicher Bruch gegenüber den Honoratioren vollzogen habe, der nicht zuletzt auch gegen die von Goerdeler und anderen nach wie vor vertretenen Illusionen gerichtet war, die westliche Alliierten noch gegen die Sowjets ausspielen zu können. Dabei überzeichnet er den Gegensatz zwischen Leber und Leuschner. Zugleich führt er den Umstand, dass eine große Zahl der mit dem Umsturz befassten Offiziere sich nur halbherzig hinter die Aktionsgruppe gesellt hätten, die in zutreffender Einschätzung der militärischen und diplomatischen Situation eine Gesamtkapitulation anstrebte, darauf zurück, dass ihre Lieblingsvorstellung einer antibolschewistischen Lösung unter Fortführung des Krieges damit durchbrochen war.

Überparteiliche Volksbewegung

Roth legt mit Recht großen Wert darauf, dass mit dem Konzept, eine überparteiliche Volksbewegung ins Leben zu rufen, die Loslösung von einem autoritär-zentralistischen Umsturzmodell vollzogen war, das ohne Beteiligung der Bevölkerung, ausschließlich auf die Befehlskette gestützt, umgesetzt werden sollte. Er übersieht, dass ein Konsens darüber bestand, die Volksbewegung erst nach dem Umsturz ins Leben zu rufen. Mit Recht kritisiert er Goerdelers bis zuletzt beibehaltene außenpolitische Illusionen, die auch den Diversionsversuchen beim US-Geschäftsträger in Bern, Alan Dulles, zugrunde lagen. Es ist ihm darin zuzustimmen, dass die Aktivisten in der Umgebung Stauffenbergs die Kanzlerschaft Goerdelers nur als Übergangslösung begriffen. Problematischer erscheint, die von ihm überzeugend hervorgehobene Aktionsgruppe hinter Stauffenberg in die Nähe einer demokratischen Position zu bringen.

Bemerkenswert ist Roths Studie über die "Offiziersopposition" (indem er deren soziale Isolierung betont, lehnt er den Begriff der Militäropposition als irreführend ab), deren Widerstandswille erst erwachte, nachdem sich die oberste Führung als unfähig erwiesen hatte, die notwendige Reform der Spitzengliederung durchzusetzen. Roth schildert eindrücklich die psychologische Verfassung der hohen Generalstabsoffiziere, die den Kern der Opposition bildeten, und sie daran hinderte, früher gegen die NS-Führung aufzubegehren. Deren Verstrickung in die verbrecherische Kriegsführung, die sie anfänglich als einzige Garantie des Erfolges bejaht hatten, und die Einbindung in die Brutalisierung des Ostkrieges nahmen ihnen die notwendige moralische Distanz, um gegen Hitler offen zu protestieren. Roth konstatiert nachdrücklich, dass es keinerlei Kontakte zu den einfachen Soldaten und oppositionellen Gruppen innerhalb der Armee gab.

Seine Interpretation der Umsturzplanung von Walküre als "Notlösung" geht von der Beobachtung aus, dass die Aktion ursprünglich ohne ein Attentat auf Hitler verlaufen sollte, dass aber die Weigerung von Kluges und anderer Armeeführer, um der Reform der Spitzengliederung willen zu handeln, schließlich den Weg des Attentats zwingend erforderlich gemacht hat, um den Grund für die Ingangsetzung der Walkürebefehle zu liefern. Roth liefert damit eine plausible, längere Perspektiven öffnende Interpretation, die zugleich die militärischen Schwächen des Umsturzes aufdeckt.

Am Ende des Bands erinnert ein verdienstvoller Überblick an den Widerstand der "kleinen Leute", einschließlich des jüdischen Widerstands. Er rundet das facettenreiche Bild der Opposition im Deutschen Reich ab und richtet sich ebenfalls gegen die Tendenz, bei diesem Thema nur das Agieren von Angehörigen der Eliten und der Oberschicht zu beachten und damit die Breite des oppositionellen Spektrums aus den Augen zu verlieren.

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