Trauer und Wut: Angehörige getöteter Kinder demonstrieren in Kemerowo.
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Trauer und Wut: Angehörige getöteter Kinder demonstrieren in Kemerowo.

Brand in Sibirien

Die Wut der Bürger von Kemerowo

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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In der sibirischen Stadt protestieren Tausende Bürger nach der Feuerkatastrophe und fordern Aufklärung.

Nach der Brandkatastrophe im westsibirischen Kemerowo sind am Dienstag Tausende Einwohner der Stadt auf die Straße gegangen. Russlands Präsident Wladimir Putin reiste zwar ebenfalls zum Unglücksort, doch er trat nicht vor die Demonstranten.

Zwei Tage nach der Katastrophe wurden Details bekannt, die die russische Öffentlichkeit stark bewegen: Im vierten Stockwerk sei der Rauch so dicht gewesen, dass er nur noch habe kriechen können, „ich hatte so viel Kohlenmonoxid eingeatmet, dass ich fast das Bewusstsein verlor. Meine Tochter rief immer wieder an. Ich schrie in den Hörer, sie solle versuchen, aus dem Saal zu kommen, aber ich konnte nichts tun, vor mir brannte schon alles.“ Es sind die Worte von Alexander Lillewjali. Seine drei Töchter starben im Kinosaal des Einkaufszentrums, während er vergeblich um ihr Leben kämpfte.

Draußen auf der Straße standen Feuerwehrleute, Alexander Lillewjali sagte ihnen, im Kino seien Kinder eingeschlossen, sie lebten noch. „Die Katastrophenschützer willigten ein, aber dann brauchten sie volle drei Minuten, um ihre Gasmasken anzuziehen. Ich zeigte ihnen die Treppe, auf der man am schnellsten zum Kino kam, aber dann sagt irgendjemand, die Haupttreppe brenne, und, verflucht, sie sind hinter ihm hergelaufen. Ich bat sie, mir eine Gasmaske zu geben, um die Kinder selbst rauszuholen. Sie antworteten, das sei nicht erlaubt, sie hätten ihre Vorschriften. Meine Mädels blieben drinnen und verbrannten wegen der verteufelten Vorschriften.“

Putin spielt auf Korruption an

Bei der Feuerkatastrophe im Einkaufs- und Vergnügunszentrum „Winterkirsche“ im sibirischen Kemerowo waren am Sonntag mindestens 64 Menschen ums Leben gekommen, davon mindestens 39 Kinder. Vor der Regionalverwaltung versammelten sich am Dienstag mehrere Tausend Menschen. Sie forderten den Rücktritt des Gouverneurs Aman Tulejew und das Erscheinen Wladimir Putins.

Der russische Präsident war am Morgen nach Kemerowo geflogen, wo er die mit Blumen und Plüschtieren überhäufte Gedenkstätte vor dem ausgebrannten Einkaufszentrum besuchte, im Leichenschauhaus mit mehreren Bürgern zusammentraf und eine Sitzung zur Beseitigung der Brandfolgen leitete. „Wir reden über Demografie und verlieren so viele Menschen, warum?“, räsonierte der Staatschef. „Wegen verbrecherischer Fahrlässigkeit und Schlamperei.“ Putin ließ auch durchblicken, das Management des Einkaufszentrums hätte sich mit Hilfe korrupter Beamter vor Brandschutzüberprüfungen gedrückt: „Ohne Geld gibt es keine Bescheinigung, für Geld unterschreiben sie alles, was man will.“

Dann flog Putin wieder davon, ohne mit den Bürgern der Stadt zu sprechen. Auch Gouverneur Tulejew, der sich bei Putin für das Geschehene entschuldigt und ihm für dessen Anteilnahme gedankt hatte, ließ sich vor den Bürgern nicht blicken. Dafür ging Vizegouverneur Sergei Ziviljew vor den Demonstranten auf die Knie und bat um Verzeihung.

Zuvor hatten immer neue Einzelheiten des Unglücks die Öffentlichkeit empört. So sagte Rinat Jenikejew, Brandschutzaufsichtschef des Ministeriums für Katastrophenschutz, der Agentur Tass, das Einkaufszentrum wäre 2013 im Gebäude einer ehemaligen Konditoreifabrik ohne die nötige Genehmigung eröffnet worden. Und 2016 sei die AG „Winterkirsche“ einer Brandschutzprüfung entgangen, weil sie als „Kleinbetrieb“ von solchen Inspektionen befreit war. Obwohl in dem Zentrum ein Kino mit über 540 Sitzplätzen, ein Spielzentrum, eine Tanzschule, eine Trampolinanlage und zahlreiche Geschäfte sowie Restaurants in Betrieb waren.

Eine Sprinkleranlage fehlte, das Alarmsystem funktionierte nicht. Erst hieß es, ein Wachmann habe sie ausgeschaltet, dann, sie sei seit dem 19. März defekt gewesen. Außerdem hatte man vor dem Unglück die Türen von zwei der drei Kinosälen verschlossen, offenbar, damit sich niemand ohne Eintrittskarte hineinschleichen konnte. Auch verschiedene Notausgänge waren nach Angaben des Ermittlungskomitees abgesperrt, die „Winterkirsche“ entpuppte sich als tödliche Falle.

Das Vertrauen in die Verwaltung schwindet

Die Kundgebung in Kemerowo dauerte neun Stunden lang. Die Demonstranten verdächtigten die Behörden vor allem, diese unterdrückten die wahren Opferzahlen, einige redeten von über 300 Toten.

„Nach meiner Erfahrung ist das wohl nicht der Fall“, sagt die Moskauer Politikwissenschaftlerin Jekaterina Schulmann der FR. „Aber der Verdacht zeigt, wie niedrig das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Staatsmacht ist.“ Obwohl Gouverneur Tulejew 2015 über 78 Prozent der Stimmen in der Region gewonnen habe, glaubten die Leute nicht, was er sagte. „Solche Katastrophen machen das Vertrauensvakuum in der russischen Politik sichtbar“, erklärt Schulmann. „Staat und Gesellschaft leben gewöhnlich voneinander getrennt, jetzt prallen sie auf einander.“

Vor der Regionalverwaltung kam es gestern immer wieder zu erbitterten Wortwechseln: „Das Volk wird wie Vieh behandelt“, schimpfte ein Mann, der seine Frau, seine Schwester und drei Kinder verloren hatte. „Junger Mann, wollen Sie sich hier etwa mit Leid profilieren?“, konterte Vizegouverneur Ziviljew.

Vielleicht wird nun das Katastrophenschutzministerium reformiert, sehr wahrscheinlich muss der 73-jährige Tulejew bald als Gouverneur abdanken. Aber Schulmann oder andere Experten erwarten keine Revolution. Immerhin, nachdem mehrere russische Regionen und Städte Trauertage ausgerufen hatten, erklärte gestern auch Präsident Putin für heute Staatstrauer.

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