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18. März 1990, Leipzig: DDR-Bürgerinnen in einem Wahllokal.

Wahl in der DDR

„Bürger haben die Tür nach Westen aufgestoßen“

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Rainer Eppelmann über die erste und letzte freie DDR-Volkskammerwahl vor 30 Jahren

H err Eppelmann, welche Erinnerung haben Sie an die Volkskammerwahl 1990?

Wir waren euphorisch. Die Demokratie hat die Diktatur besiegt. Und alles schien auf einmal möglich zu sein. Wir konnten unsere Träume realisieren. Das war 40 Jahre lang nicht denkbar und ein ungeheurer Akt der Befreiung. Das sehen Sie auch an der Wahlbeteiligung. Über 95 Prozent der Wahlberechtigten sind seinerzeit tatsächlich zur Wahl gegangen.

Das ist verglichen mit der Gegenwart eine fast astronomische Zahl.

Ja. Denn allen war klar, dass es nun von jedem Einzelnen abhängt, welchen weiteren Weg die DDR nehmen wird. 85 Prozent der Wähler haben gesagt: Wir wollen so leben wie die im Westen. Der Westen ist also nicht über uns hergefallen, wie es heute manchmal scheint. Wir haben ihn eingeladen – verständlicherweise eingeladen. Das vergessen heute viele.

Die CDU hat die Volkskammerwahl mit rund 40 Prozent haushoch gewonnen und knapp doppelt so viele Stimmen geholt wie die SPD. Haben Sie damit gerechnet?

Rainer Eppelmann (l.), 77, war Mitglied der am 18. März 1990 erstmals frei gewählten Volkskammer der DDR.

Nein, denn alle Prognosen haben der SPD einen überragenden Sieg prophezeit. Ich hatte dieser Erwartung keine anderen Erfahrungen entgegenzusetzen. Ich hätte aber auch mit einem Wahlsieg der SPD leben können. Die Hauptbotschaft des 18. März lautete für mich: Die Sehnsucht nach Demokratie war stärker als die Angst vor der Diktatur.

Wie erklären Sie sich den Wahlsieg der CDU?

Die Bürger haben gewählt, was sie aus dem Westen am besten kannten. Die neuen Politiker und Parteien aus dem Osten kannte ja niemand. Wie hätte da Vertrauen entstehen sollen? Leider sind dabei diejenigen, die die Demokratie mutig erkämpft haben, oft nicht belohnt worden. Deshalb mischte sich am Abend des 18. März auch Traurigkeit unter.

Es entsteht der Eindruck, als sei es in der Volkskammer nur um die Abwicklung der DDR gegangen. Täuscht der Eindruck?

Nein. Die Abwicklung entsprach ja dem Wählerauftrag. Das hatte auch außenpolitische Konsequenzen. Eine davon war der Austritt aus dem Warschauer Pakt, den ich unterzeichnet habe. Ohne die Wahlen hätte Helmut Kohl übrigens mit Egon Krenz zu tun gehabt. Gott sei Dank war es dann Lothar de Maizière.

Die Volkskammer hat ein halbes Jahr existiert. Wie haben Sie das Ende erlebt?

Nachdem die Einheit ausgehandelt war, haben wir uns selbst aufgelöst – obwohl wir eigentlich für vier Jahre gewählt waren. Ich kenne kein vergleichbares Beispiel. Manche sind dann auch wieder ganz aus der Politik ausgestiegen. Sie waren da ja ohnehin häufig eher reingerutscht.

Wie blicken Sie heute zurück?

Ich hatte als Minister mit Tausenden Soldaten zu tun, die SED-Genossen waren. Dass die Auflösung der NVA ohne Katastrophen vonstattenging, war beruhigend. Das hat mich dankbar und stolz gemacht. Andererseits war ich damals schon 45 Jahre alt. Ich hatte also einen erheblichen Teil meines Lebens in der DDR verbracht. Die Vereinigung hatte auch etwas mit Abschied zu tun. Und Abschiede tun immer ein bisschen weh. Wir hatten ja ein Leben in der DDR. Wir waren zum Teil glücklich. Das war alles in uns drin. Jetzt wussten wir: Alles wird völlig anders.

Und politisch betrachtet?

Politisch betrachtet war es so, dass sich im Westen fast nichts geändert hat. Das ist nach wie vor unsere größte Schwierigkeit. Wir müssen uns deshalb noch intensiver unsere Geschichten erzählen, um uns besser zu verständigen. Das ist unser Auftrag. Die Vereinigung findet ja nicht zufälligerweise anderswo viel mehr Bewunderung als bei uns. Im Ausland sieht man den Staub nicht und auch nicht die Angst. Die Ost-West-Differenzen von heute haben jedenfalls weniger mit der Transformation zu tun als mit den unterschiedlichen Voraussetzungen, die 1990 existierten. Günter Schabowski sagte später über die Zeit bis 1989: „Wir haben fast alles falsch gemacht.“ Besser kann man es kaum auf den Punkt bringen. Und weil das so war, haben am 18. März 1990 so viele Bürger gesagt: So wollen wir nicht weiter – und die Tür weit nach Westen aufgestoßen.

Interview: Markus Decker

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