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Der Jungeuropa Verlag auf der Frankfurter Buchmesse 2021. Herausgeber Philip Stein gilt als rechtsextrem.
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Der Jungeuropa Verlag auf der Frankfurter Buchmesse 2021. Herausgeber Philip Stein gilt als rechtsextrem.

Frankfurter Buchmesse

„Buchmesse und Börsenverein haben sich wissentlich für Nazis entschieden“

  • Katja Thorwarth
    VonKatja Thorwarth
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Jutta Ditfurth soll trotz Presseausweis keine Akkreditierung für die Frankfurter Buchmesse bekommen haben. Warum nicht? Darüber spricht sie mit der FR.

Frau Ditfurth, diese Buchmesse hat, wie in den letzten Jahren üblich, einen rechten Verlag auf ihrer Fläche zur Präsentation. Warum?
Die Buchmesse Frankfurt hat u.a. den faschistischen Jungeuropa Verlag eingeladen. Die Macher des Verlags, unter ihnen Philipp Stein, reden in einem Podcast darüber, an ihrem Buchmesse-Stand dem Journalisten Andreas Speit mit einer „Schermaschine“ den Kopf zu rasieren und der Journalistin Andrea Röpke „in Frakturschrift ins Gesicht zu tätowieren“. Trotzdem darf der Nazi-Verlag in Halle 3.1 Nazis versammeln, und zwar in der Nähe der Bühne „Blaues Sofa“ von ZDF, 3sat und Bertelsmann. Autor:innen und Künstler:innen haben daraufhin ihre Teilnahme an der Buchmesse abgesagt. Die erste war die schwarze Schriftstellerin Jasmina Kuhnke, die in der ARD Buchnacht ihren ersten Roman vorstellen wollte. Dann auch die Autorinnen Annabelle Mandeng und Nikeata Thompson. Sie werden als Menschen »mit sichtbarer Migrationsgeschichte« im Alltag von Rassist:innen bedroht und nun müssen sie auch auf der Buchmesse in Frankfurt Angst um ihre Gesundheit und ihr Leben haben. Auf Nazis-Accounts wird bereits gegen sie gehetzt.

Haben die Verantwortlichen von 2017 nichts gelernt?
Am Beispiel der Buchmesse und des Börsenvereins kann man in a nutshell die Rechtsverschiebung dieser Gesellschaft beobachten. Sie haben aus den Auseinandersetzungen von 2017 „gelernt“, dass sie rechtsradikale Verlage bei der Buchmesse in Frankfurt haben wollen. Etwas erschreckt über die breite öffentliche Kritik hatten sie 2018 die braunen Verlage in einen abgelegenen Gang verbannt. Jetzt, nach der Coronapause, haben sie diesen Naziverlag eingeladen und ihm einen privilegierten Platz verschafft. Die Buchmesse muss nicht mehr aufgeklärt werden, wer die rechten und faschistischen Verlage sind. Viele Menschen haben sich die Mühe gemacht und sie aufgeklärt. Buchmesse und Börsenverein haben sich wissentlich für Nazis entschieden. Das ist brutale Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern von Rassismus und Antisemitismus und eine skrupellose profitorientierte Kalkulation.

Zur Person

Jutta Ditfurth ist Politikerin und Aktivistin für Feminismus, Ökosozialismus und Antirassismus. Als Journalistin und Autorin von politisch engagierter Sachliteratur und Belletristik ist sie auch publizistisch tätig.

Wie sehen Sie das Argument, es handele sich um Meinungsfreiheit, weshalb in diesem Jahr ein rechter Verlag wieder Präsenz bekommt? 
Faschismus, Rassismus und Antisemitismus sind keine Meinungen, sondern Verbrechen. Die Erklärungen der Buchmesse und des Börsenvereins sind intellektuell unterkomplex. Es fliegen die Hufeisen, etwa „Extremismus“ sei das Problem und nicht Rechtsextremismus. Und dann dieses tumbe Scheinargument, die Buchmesse habe nicht das Recht Verlage zu verbieten. Als ob es darum ginge! Die Buchmesse hat Hausrecht und ist frei darin, Verlage einzuladen oder eben nicht. Die Buchmesse sagt in einer Erklärung: „Wir müssen das aushalten.“. Wer ist „wir“? Privilegierte weiße Angehörige der oberen Mittelschicht? Die Buchmesse behauptet, sie sei für „toleranten und respektvollen Umgang“ liefert aber Autor:innen of colour, Antifa-Menschen und andere Minderheiten den Schmähungen und eventuellen physischen Angriffen von Nazis aus. Auf einer Buchmesse! Das Resultat: „Diversität“ a la Buchmesse Frankfurt schließt Nazis ein und Schwarze Schriftsteller:innen aus.

Sie sagen, die Buchmesse habe in diesem Jahr Ihre Akkreditierung zurückgezogen. So schreiben Sie auf Twitter. Können Sie das erklären?
Ich bin Journalistin, war jahrelang Vorsitzende der Deutschen Journalist:innen-Union (dju). Ich gehe seit Jahrzehnten auf die Frankfurter Buchmesse und habe mich auch diesmal als Journalistin akkreditiert und, wie verlangt, meinen Presseausweis von ver.di hochgeladen. Am 18.10.2021 um 22:23 Uhr wurde mir bestätigt, dass mein Antrag eingegangen ist und ich als Journalistin registriert bin. Aber am 19.10. um 6:59 Uhr teilte mir die Buchmesse mit, dass sie meinen Antrag auf Presseakkreditierung ablehne.

Die Buchmesse sagt, es sei ein formaler Fehler gewesen.
Das ist Quatsch. Ich habe wie immer jeden Schritt kontrolliert und die Vorderseite sowie die Rückseite des ver.di-Presseausweises hochgeladen. Wie oft mache ich das in meinem Berufsleben! In der Ablehnung steht außerdem nicht „Wir bitten Sie Ihren Presseausweis noch einmal ganz hochzuladen“ oder was immer der Fehler gewesen sein soll, sondern der schroffe und eindeutige Satz: „Wir bitten Sie, von schriftlichen oder telefonischen Rückfragen abzusehen. Wir können leider nicht auf Einzelfälle eingehen.“

Welches Interesse könnte die Buchmesse haben, Sie auszuschließen? 
Interessante Frage. 

Was werden Sie tun?
Ich werde mit meiner Gewerkschaft ver.di über meinen Ausschluss als Journalistin reden und als Mitglied des Kulturausschusses für ÖkoLinX-ELF die Sache ins Stadtparlament tragen, um eine Debatte darüber zu befördern, dass Nazis künftig keinen Platz mehr auf der Frankfurter Buchmesse haben. (Interview: Katja Thorwarth)

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