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In der Hauptstadt Manila protestieren Menschenrechtler gegen Dutertes Kriegsrecht.

Philippinen

Mit Brutalität gegen den IS-Terror

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Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte fordert seine Soldaten zu schweren Verbrechen auf. Dahinter dürfte sich eine ordentliche Portion Nervosität verbergen.

Der nächste Kontrollpunkt der philippinischen Streitkräfte liegt ganze 200 Meter entfernt von dem grün überwucherten Graben neben einer Brücke. Eine ältere Frau drängt sich durch eine Gruppe von Neugierigen und bricht in Tränen aus. Ihr Sohn gehört zu den acht toten Männern, die mit gefesselten Händen und Genickschüssen im Gebüsch liegen. „Monafiq“ steht auf einem Pappschild, dass die Mörder einem der Opfer umgehängt haben – Verräter.

Eine knappe Woche nachdem Präsident Rodrigo Duterte während eines Staatsbesuchs in Moskau den Notstand in der 20 Millionen Einwohner zählenden Region Mindanao erklärt hat, wird der plötzlich ausgebrochene Krieg zwischen Manilas Streitkräften und der Maute- und Abu-Sayyaf-Gruppe nicht nur mit ungeahnter Gnadenlosigkeit und Brutalität geführt. Die Armee ist trotz weitreichender Vollmachten noch immer nicht in der Lage, in und um die einst 200 000 Einwohner zählende Stadt eine islamistische Rebellentruppe niederzukämpfen, die laut Angaben von Manilas Generälen gerade mal 260 Mann in ihren Reihen hat.

Noch Anfang der vergangenen Woche hatte die Regierung in Manila behauptet, dass alle Berichte über die Präsenz islamistischer, mit der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ im Nahen Osten verbündeter Rebellen ins Reich der Märchen gehörten. Als die Armee dann am Montag vergangener Woche den Versuch verpfuschte, den von einem Schlaganfall gelähmten Abu Sayyaf Kommandeur Isnilon Hapilon in Marawi zu verhaften, erlebten die Militärs ein rüdes Erwachen. Ihre Soldaten fanden sich plötzlich in einem kleinen Meer von schwarzen IS-Flaggen wieder und wurden von allen Seiten beschossen.

Rund 100 Menschen starben seither bei den Kämpfen. Die meisten der 200 000 Einwohner flohen. Aber 2200 Bewohner sind offenbar nach Tagen immer noch eingeschlossen. Die Rebellen nahmen mehrere Geiseln, darunter einen katholischen Priester. Seit Samstag, dem Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan, verstärkten die Streitkräfte ihren Krieg aus der Luft mit Hubschraubern und Flugzeugen. Soldaten durchsuchen jedes Haus in der Geisterstadt. Hin und wieder knallen Schüsse.

Präsident Duterte, der bereits während seines brutalen Feldzugs gegen angebliche Drogenkriminelle in Manila skrupellos die Ermordung von etwa 9000 Menschen rechtfertigte, raste von Moskau direkt nach Mindanao und gab den Soldaten grünes Licht für rücksichtsloses Vorgehen. „Ihr könnt maximal drei Frauen vergewaltigen! Ich werde für euch ins Gefängnis gehen“, tobte das Staatsoberhaupt bei einer Rede in einer Kaserne, „ihr braucht keine Durchsuchungsbefehle und keine Haftbefehle.“

Hinter den brutalen Sätzen dürfte sich eine ordentliche Portion Nervosität verbergen. Denn Duterte, der aus der Stadt Davao stammt, muss gegenwärtig ausgerechnet im eigenen, persönlichen Hinterhof erleben, das seine starken Sprüche wenig ändern. Bislang konzentrierte er sich auf die blutige, aber populäre Bekämpfung der Drogenkriminalität. Außerdem trieb Duterte Verhandlungsversuche mit der kommunistischen Untergrundbewegung NPA voran.

Die Probleme mit separatistischen islamischen Rebellen auf Mindanao, sozusagen seinen Nachbarn, vernachlässigte der frühere Bürgermeister der Stadt Davao hingegen. Unter den getöteten Rebellen befinden sich auch Kämpfer aus den Nachbarstaaten Malaysia und Indonesien.

Ausgerechnet die Heimat Dutertes erweist sich als mögliche Achillesferse des scheinbar so starken Mannes. Mit der Verhängung des Notstands in Mindanao, in der etwa ein Fünftel der Bevölkerung lebt, griff er ausgerechnet zu einem Mittel, das zuletzt während der 80er Jahre von Diktator Ferdinand Marcos angewandt wurde und bis heute entsprechend umstritten ist.

Auch Südostasiens Nachbarn zittern. In Jakarta verübte nahezu zeitgleich mit den Kämpfen in Marawi ein Selbstmordattentäter einen Anschlag auf eine Polizeiwache und tötete drei Beamte. Aus Malaysia entkam unlängst ein lokaler IS-Anhänger in den Süden Thailands. Der Terrorgruppe scheint es während der vergangenen Monate gelungen zu sein, in Südostasien Fuß zu fassen.

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