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Brutale Revierkämpfe in Mexiko am hellichten Tag

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Von: Klaus Ehringfeld

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Eine Polizeipatrouille in Cancun suggeriert Sicherheit – aber der Schein trügt. Juan Novelo/dpa
Eine Polizeipatrouille in Cancun suggeriert Sicherheit – aber der Schein trügt. Juan Novelo/dpa © dpa

Internationale Kartelle kapern Mexikos Karibikküste und überziehen die Tourismusregion mit Gewalt.

Schon die verpixelten Bilder der Überwachungskamera lassen einen schaudern. Ein junger Mann im grauen Jogginganzug marschiert am 21. Januar mit gezückter Pistole durch einen Hotelkomplex in Playa del Carmen an der mexikanischen Karibikküste. Wenige Minuten später erschießt er am Pool zwei kanadische Gäste und verletzt eine Frau. Dann flieht der Täter in den Dschungel. Die Opfer, so ergaben es Ermittlungen, waren international zur Fahndung ausgeschriebene Kriminelle, die unter falscher Identität nach Mexiko eingereist waren. Der Vorwurf: Drogen- und Waffenhandel sowie Geldwäsche.

Der Mord ist die jüngste Gewalttat in Mexikos Tourismushochburg. Seit Monaten tragen die nationalen und offenbar inzwischen auch internationalen Mafiagruppen ihre Revierkämpfe und ihre Abrechnungen zunehmend in den wichtigsten Urlaubszentren des lateinamerikanischen Landes aus. Schon seit Jahren ringen die mexikanischen Drogenkartelle um die attraktive Riviera Maya. Denn Cancún, Playa del Carmen und Tulum bieten einen großen Absatzmarkt, der lange Küstenstreifen ist ein natürlicher und zentral gelegener Umschlagplatz.

Leichen werden wie in Netflix-Serien auf den Straßen ausgestellt

Neu ist aber, mit welcher Kaltschnäuzigkeit sie ihre Händel nicht mehr nur noch in Nachtclubs und den Schlafstädten austragen, sondern am helllichten Tag in Bars, Restaurants, am Strand und in den Hotellobbys. Zudem belegt der Mord an den beiden Kanadiern, dass inzwischen auch das internationale Organisierte Verbrechen an der Karibikküste Fuß gefasst hat.

Die Riviera Maya sei aufgrund der Offenheit für ausländische Investitionen, der relativ schwachen Grenzkontrollen zu Guatemala und Belize, des anfälligen Systems zur Bekämpfung der Geldwäsche und hoch korrupter Behörden ein idealer Ort für transnationale Kriminelle, sagt die unabhängige Kriminalitätsexpertin Elisa Norio von der Washingtoner Georgetown-Universität, die zum Organisierten Verbrechen in der Region geforscht hat.

Der Mord an den Kanadiern in Playa del Carmen scheint das zu bestätigen: eines der Opfer, der 34 Jahre alte Robert James Dinh, war laut der US-Drogenbehörde DEA die rechte Hand des vietnamesischen Mafiabosses Cong Dinh, den die DEA wegen des millionenfachen Waschens von Rauschgiftgeldern zur Fahndung ausgeschrieben hat. Bei dem Mord handelte es sich wohl um eine Abrechnung im Milieu.

Morde aus nächster Nähe, Schießereien auf offener Straße, Leichen, die auf den Straßen ausgestellt werden: Was man bisher nur aus Netflix-Serien oder den Narco-Heimstätten im Norden Mexikos kannte, ist jetzt Realität an den Traumstränden der Karibik. Die Riviera Maya gehört derzeit zu den Regionen mit der höchsten Mordrate im Land.

Zwei ausländische Touristinnen starben im Kreuzfeuer rivalisierender Drogenbanden

Ende Oktober starben eine deutsche und eine indische Touristin, als sie in einer Kneipe in Tulum, das für seine Maya-Ruinen am Strand bekannt ist, im Kreuzfeuer zweier rivalisierender Drogenbanden niedergestreckt wurden. Seither ist beinahe jeden Monat ein Ausländer oder eine Ausländerin bei einer Gewalttat an der Riviera Maya gestorben. Anfang November brach ein bewaffnetes Kommando in ein exklusives Hotel ein und tötete zwei Personen im Empfangsbereich. In derselben Woche wurde die Leiche eines mit Handschellen gefesselten Mannes in einem Park in Cancún zurückgelassen. Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador setzte Sondereinheiten der Nationalgarde in Marsch in die Urlaubsparadiese und gestand Ende vergangener Woche ein, dass jetzt auch die US-Bundespolizei FBI in der Karibik ermittle.

Denn in Mexikos wichtigster Urlaubsregion kommt rund die Hälfte der jährlich zwölf Millionen Besucher:innen aus den USA. Die Riviera Maya ist aber auch bei europäischen und vor allem deutschen Tourist:innen angesagt. Für Mexikos Tourismussektor, der schon von Corona gebeutelt war, ist das ein weiterer harter Schlag. Er trägt fast neun Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei. Dabei hatte Mexiko als einziges großes Land der Welt während der Pandemie keinerlei Einreisebeschränkungen verhängt, um den Sektor zu stützen. Was Corona nicht schaffte, erledigt jetzt die Organisierte Kriminalität.

An der Riviera Maya wiederholt sich das, was schon vor vielen Jahren im Pazifikparadies Acapulco passierte. Die Kartelle ziehen ein und unterwandern die Wirtschaft, weil die Strandperlen zu lukrativ sind. Dabei wird über kurz oder lang der Tourismus abgewürgt. An der Karibikküste ist jedoch eine klare Internationalisierung feststellbar, die es so in Acapulco nie gab.

Die Karibik ist ein attraktives Ziel für Kriminelle aus der ganzen Welt

Die Anzeichen, dass die Karibik ein attraktives Ziel für Kriminelle aus der ganzen Welt geworden ist, seien unübersehbar, sagt der Politologe Eduardo Guerrero von „Lantia Consultores“. Ein beispielhafter Fall sei die Florian-Tudor-Bande, eine rumänische Geldautomatenknacker-Bande, gewesen. „Allerdings gibt es seit Jahren Berichte über kriminelle Zellen, die aus Osteuropa, einschließlich Russland stammen“, sagt der Kriminalitätsexperte. Inwieweit diese mit den beiden mexikanischen Großmafiabanden „Sinaloa-Kartell“ und „Kartell Jalisco Neue Generation“ zusammenarbeiten oder ob sie parallel agieren, ist noch unklar.

Klar ist aber, dass die mexikanischen Kartelle zunehmend zersplittert und in Form von lokalen Zellen operieren, was anderen Großakteuren die Tür öffnet. Aber die internationalen Gruppen „werden nicht versuchen, auf den kriminellen Märkten zu konkurrieren,“ die bereits von der mexikanischen Mafia besetzt seien, sagt Guerrero. Sie stellten aber ein ernstes Problem dar, weil sie einerseits wie die rumänischen Geldautomatenknacker neue Kriminalitätsfelder erschließen, auf die Mexikos Sicherheitsbehörden nicht vorbereitet sind.

Zudem könnten diese internationalen Zellen auch wichtige Dienste und Kontakte für inländische kriminelle Gruppen bereitstellen, malt Guerrero ein dunkles Zukunftspanorama. „Wenn sich die mexikanische Karibik als Zentrum der grenzüberschreitenden Kriminalität konsolidiert, wird es zwangsläufig zu Gewalttaten kommen, an denen ausländische Staatsangehörige beteiligt sind.“

Und der Staat? Der guckt taten- oder machtlos zu. „Es fehlt eine wohldefinierte, langfristig angelegte Strategie“, sagte Falko Ernst von der International Crisis Group vergangenes Jahr dieser Zeitung. Die Strategie López Obradors, dass Feuer nicht mehr mit Feuer bekämpft werde, sende die Botschaft an die bewaffneten Gruppen, dass man den Rahmen des Möglichen noch weiter austesten könne.

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