Urteil im Prozess gegen ehemaligen SS-Wachmann
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Urteilsverkündung beim Prozess in Hamburg.

Urteil

Bruno D. verurteilt: „Schmiere gestanden“ bei Massenmord im KZ

  • vonJoachim F. Tornau
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Das Landgericht Hamburg verhängt gegen den ehemaligen SS-Wachmann eine Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum ist „sehr enttäuscht“.

Nein, sagt Anne Meier-Göring, ein „Rädchen in der Tötungsmaschinerie“ sei der Angeklagte nicht gewesen. Sondern einer von Hunderttausenden ganz normalen Deutschen, die am nationalsozialistischen Massenmord in den Konzentrationslagern beteiligt gewesen seien. „Die Metapher von der Tötungsmaschinerie entpersonalisiert Täter und Opfer“, erklärt die Strafkammervorsitzende. „Sie trifft einfach nicht die objektive Wahrheit, sondern schafft Distanz.“

Zu einer zweijährigen Jugendstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, verurteilt das Hamburger Landgericht am Donnerstag den einstigen SS-Wachmann Bruno D., wegen Beihilfe zur Ermordung von 5232 Gefangenen sowie zu einem versuchten Mord, begangen im KZ Stutthof, wo der heute 93-Jährige als Jugendlicher und Heranwachsender 1944/45 Dienst tat. Die kritischen Ausführungen über die Metapher der Tötungsmaschinerie sind dabei nicht das Einzige, mit dem die Richterin in ihrer fast anderthalbstündigen Urteilsbegründung überrascht. Das beginnt bei der Zahl der Taten, die das Gericht dem Schuldspruch zugrunde legt: zwei Morde und ein versuchter Mord mehr als in der Anklage sind es. Rechtlich macht das keinen Unterschied, und historisch dürfte die Zahl der Opfer in dem KZ bei Danzig noch weit höher liegen.

Verurteilung von SS-Wachmann: „Massenmord" in Stutthof

Der Strafkammer aber geht es um die Anerkennung des Leids der Überlebenden, die als Nebenkläger auftreten, und ihrer getöteten Angehörigen. „Ihr Zeugnis“, sagt Meier-Göring, „hat uns die Wahrheit über das grausame Sterben und den Massenmord in Stutthof wirklich begreifen lassen.“ Verbrechen, die jenseits des Anklagevorwurfs der Staatsanwaltschaft nachweisbar waren, sollen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Dass dieser Nachweis heute nur noch in den drei zusätzlich berücksichtigten Fällen möglich gewesen sei, sagt die Strafkammervorsitzende, sei „tragisch“. Und auf das jahrzehntelange Versagen der deutschen Justiz bei der Verfolgung von NS-Verbrechen zurückzuführen.

Eher knapp begründet das Gericht, warum es den bloßen Wachdienst im KZ, über die bisherige höchstrichterliche Rechtsprechung hinausgehend, als Beitrag zum Massenmord wertet: Wachleute wie Bruno D. hätten bei der Massenvernichtung sozusagen „Schmiere gestanden“, sagt Meier-Göring. „Ich weiß nicht, wie man diesen Beitrag nicht sehen kann – auch wenn sich die deutsche Justiz dieser Erkenntnis 65 Jahre verweigert hat.“ Erst 2011, mit dem Prozess gegen den einstigen Sobibor-Wachmann John Demjanjuk in München, hatte ein langsamer Umdenkprozess eingesetzt.

Urteil gegen ehemaligen SS-Wachmann: Verurteilt auf Bewährung

Mit dem Urteil gegen Bruno D. bleibt das Gericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die drei Jahre Jugendstrafe verlangt hatte, und kommt der Verteidigung entgegen, die auf Freispruch plädiert, aber bei einem Schuldspruch um eine Bewährungsstrafe gebeten hatte. Vor allem das jugendliche Alter des Angeklagten zur Tatzeit und seine damalige Beeinflussbarkeit habe man strafmildernd berücksichtigt, so Meier-Göring. Auch der Bitte der Verteidigung, dem Angeklagten nicht alle Kosten des Verfahrens aufzuerlegen, weil ihn das sonst in den Ruin treiben würde, entspricht das Gericht. „Der Angeklagte war Helfer eines vom deutschen Staat begangenen Verbrechens“, sagt die Richterin. Da sei es nur recht und billig, wenn der Staat auch den Großteil der Kosten trage.

Dass sich Bruno D. in seinem letzten Wort bei den Nebenklägern entschuldigt hatte, dafür zollt ihm Meier-Göring Anerkennung. Dass er aber daran festhielt, das ganze Ausmaß der Grausamkeit von Stutthof erst vor Gericht erfahren zu haben, lässt ihm das Gericht nicht durchgehen. Bruno D. habe genau gesehen, was im KZ geschah.

Der „Nazi-Jäger“ Efraim Zuroff begrüßte in einer ersten Reaktion die Verurteilung des ehemaligen SS-Wachmanns zwar grundsätzlich, er nannte die zweijährige Jugendstrafe auf Bewährung aber „sehr, sehr enttäuschend“. Sie sei ein „Syndrom deplatzierter Sympathie“, sagte der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums laut dpa. Nicht der SS-Mann, sondern die Holocaust-Opfer verdienten Sympathie: „Er wird den ganzen Weg nach Hause lachen, sein Leben fortsetzen. Die Überlebenden bleiben mit ihren Albträumen zurück.“

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