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Rainer Brüderle verlässt das Pressefrühstück der FDP-Fraktion (30.01.2013).
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Rainer Brüderle verlässt das Pressefrühstück der FDP-Fraktion (30.01.2013).

FDP-Frühstück mit Laura Himmelreich

Brüderle ignoriert den „Elefanten“

  • VonSteffen Hebestreit
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Keine Entschuldigung, kein Kommentar, kein Handschlag wie sonst üblich: Rainer Brüderle und Laura Himmelreich trennen nur knapp fünf Meter. Aber während des ganzen FDP-Frühstücks mit 74 Journalisten sieht er sie kein einziges Mal an.

Keine Entschuldigung, kein Kommentar, kein Handschlag wie sonst üblich: Rainer Brüderle und Laura Himmelreich trennen nur knapp fünf Meter. Aber während des ganzen FDP-Frühstücks mit 74 Journalisten sieht er sie kein einziges Mal an.

Es gibt Tage, da muss man sich ein bisschen schämen für seinen Berufsstand. Der heutige Mittwoch ist so ein Tag gewesen. In Berlin hat sich der ägyptische Staatspräsident Mohammed Mursi zum Besuch angesagt. Zeitgleich laufen die Vorbereitungen für den Koalitionsausschuss am morgigen Donnerstag, für die Haushalts-Sparrunden des Etats 2014 und die Finanzkrise in Zypern verschärft sich weiter. 74 Hauptstadt-Korrespondenten von Tageszeitungen, Wochenmagazinen, Online-Publikationen, Radiostationen und Fernsehsender interessiert um 10.45 Uhr aber nichts stärker als die Frage: Kommt sie, oder kommt sie nicht?

Sie, das ist jene 28 Jahre alte Stern-Korrespondentin, die in der vorigen Woche mit einem Porträt über Rainer Brüderle nicht nur den FDP-Spitzenkandidat ein bisschen in Schwierigkeiten gebracht, sondern in der Republik eine überraschend lebhafte Debatte über Sexismus in der Politik im Besonderen und in der Gesellschaft im Allgemeinen beschert hat.

Der Raum 6.556 im Jakob-Kaiser-Abgeordnetenhaus ist der vielleicht schönste Saal im politischen Berlin. Durch bodenhohe Fenster fällt der Blick direkt auf die Ostseite des Reichstags, ein majestätischer Anblick. In diesen feinen Raum lädt in Parlamentswochen seit vielen Jahren der FDP-Fraktionsvorsitzende die Hauptstadt-Presse zum „Frühstück“ ein.

Bei belegten Brötchen, Saft und Kaffee werden die aktuelle Tagesordnung des Bundestages sowie tagesaktuelle Themen vom Fraktionschef meist jovial erläutert. Und von Zeit zu Zeit fällt für die Korrespondenten noch der eine oder andere Satz zum politischen Gegner ab. So war es unter Wolfgang Gerhardt, unter Guido Westerwelle, unter Birgit Homburger – und so hält es auch Rainer Brüderle seit knapp zwei Jahren. Meist sind es 20 bis 25 pflichtbewusste Kollegen, die sich dieses Frühstück schmecken lassen. CDU, CSU und SPD bieten ähnliche Veranstaltungen an.

Keine gemeinsamen Bilder

Um 10.44 Uhr kommt sie. Blitzlicht-Feuer kündigen „sie“ an, Korrespondenten melden ihre Ankunft via Twitter, mehrere Redaktionen haben einen „Live-Ticker“ geschaltet: Die Stern-Reporterin, unterstützt von einem kleinen Gefolge aus der Stern-Hauptstadt-Redaktion. Vier Minuten später die nächste Nachricht: Rainer Brüderle kommt auch, hinter ihm sein Büroleiter und seine Pressesprecherin. Und sofort bemerken die aufmerksamen Beobachter, dass er von seiner Routine abweicht und nicht allen im Raum einzeln die Hand zum Gruße gibt, sondern direkt zu seinem Platz geht.

Rainer Brüderle setzt sich dahin, wohin er sich immer setzt: an den Kopf des Tisches. Eine Laune der Dramaturgie will es, dass die Stern-Korrespondentin knapp fünf Meter entfernt von ihm ganz weit links sitzt, weil überall sonst die Plätze bereits belegt waren. Brüderle müsste seinen Kopf weit drehen, um sie anzuschauen. Er wird dies in den 42 Minuten dieses Gesprächs nicht einmal tun.

Ohnehin wird er in dieser Zeit nicht einmal direkt auf die Vorwürfe eingehen, die nun seit einer Woche schon die Republik beschäftigen. Stimmen die Vorwürfe, die die Stern-Frau erhoben hat? Und wird er sich entschuldigen?

Gleich zu Beginn bittet er um Verständnis darum, dass er sich zu diesem Thema nicht äußern wolle. In den nächsten 17 Minuten übersieht Rainer Brüderle erfolgreich den „Elefanten“ im Raum. So nennen es die US-Amerikaner, wenn jemand ein offenkundiges Problem einfach ignoriert. Brüderle spricht vom Holocaust-Gedenktag, vom Mursi-Besuch, vom Mali-Einsatz, vom Bericht des Wehrbeauftragten, von der Zypernhilfe, vom Erneuerbaren-Energien-Gesetz, von der Haushaltskonsolidierung.

Keine Entschuldigung, kein Kommentar

11.04 Uhr. Nun sind die Journalisten dran: Am schnellsten haben sich jene Kollegen gemeldet, die in einer gewissen weltanschaulichen Nähe zur FDP verortet werden dürfen. Brüderle erhält freundliche Nachfragen zur Koalitionsfrage, zur Haushaltskonsolidierung, zum Mali-Einsatz.

Dann der erste Versuch, den Elefanten zu benennen. Ob Brüderle es denn für richtig halte, dass nun wegen ihm eine Sexismus-Debatte im Land gebe und ob er in dieser Lage der FDP überhaupt noch nützen könne, möchte ein erfahrener Journalist wissen, der seit Jahren für unbotmäßige Fragen bekannt ist. Es ist 11.14 Uhr. Der erste Satz für diese Geschichte von Brüderle: „Sexismus ist eine Debatte, die läuft und die natürlich ihre Relevanz hat.“ Soso. Und selbstverständlich nutze er seiner Partei weiterhin, deshalb habe sie ihn ja nominiert. Auf weitere Nachfrage: „Herr Wonka, no comment.“

Es folgt die zweite Runde der freundlichen Fragen zu PKW-Maut, zur Mütterrente, zum Mali-Einsatz, zu Zypern. Kaum ein Stift rührt sich, während Brüderle weitschweifige Ausführungen zu all diesen Themen macht. Nein, man hat sich hier in Bataillonsstärke versammelt, um einem Duell beizuwohnen. Um 11.29 Uhr, eine Minute vor Ende der Veranstaltung, fragt ein Kollege noch einmal beherzt nach, ob Brüderle die Gelegenheit nicht nutzen wolle, sich bei der anwesenden Stern-Kollegin zu entschuldigen. Doch der 67-Jährige bleibt seiner Linie treu: Nein, er werde sich dazu nicht weiter äußern.

11.31 Uhr, fertig. Die Veranstaltung ist vorbei. Die Stern-Delegation schiebt sich als erstes aus dem Saal, draußen sind Kameras und Fotoapparate. Brüderle bleibt noch drin. Bloß keine gemeinsamen Bilder! Der Journalistentross, diese Crème de la Crème der Hauptstadtpresse, tropft aus Raum 6.556 heraus. Ein bisschen enttäuscht, ein bisschen beschämt. Die Sexismus-Debatte hat diese Begegnung keinen Deut vorangebracht.

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