Brückenbau mit alten Meistern

Die Operation Wiederannäherung zwischen George Bush und Gerhard Schröder, eingefädelt von einer "guten Fee"

Von DIETMAR OSTERMANN (WASHINGTON)

Kleine Rückblende. "Ich kann das nicht mit Schröder." Man hört ihn förmlich aufstöhnen, den Präsidenten. Das Gesicht zur Faust geballt, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Vielleicht ein kleiner Schauder. Abgelegt haben soll George W. Bush sein ultimatives Kanzlerbekenntnis vergangenen Sommer, so ist es überliefert von der gewöhnlich zuverlässig informierten New York Times. Condoleezza Rice habe Bush da zugeredet, heißt es, sich doch bitte mit dem Berliner Irak-Verweigerer zu arrangieren. Ein geduldiges Plädoyer für Deutschland. Mitten in der Eiszeit. Frau Rice ist so etwas wie die gute Fee im deutsch-amerikanischen Frühling 2004, aber davon später.

Am Ende fügte sich Bush seiner guten Fee. Oder der Einsicht in die Notwendigkeit. Oder doch den eigenen Interessen, die auch etwas mit dem Wunsch nach einer zweiten Amtszeit zu tun haben. Man traf sich im September, in der Bush-Suite im Waldorf Astoria, am Rande des UN-Gipfels in New York. Protokollarisch war das unterste Schublade. Dass Gerhard Schröder da das Herz des Präsidenten im Sturm erobert hätte, hat hinterher niemand behauptet. Von neuer Normalität war die Rede. Und etwas weniger vermessen von normalen Arbeitsbeziehungen. "Ich kann das nicht mit Schröder" galt nicht mehr. Bush konnte. Irgendwie. Ein erster Schritt.

Jetzt also sitzen sie wieder zusammen, an diesem kühlen Februartag in Washington. Im Weißen Haus diesmal. Der zweite Schritt. Schröder fährt am späten Vormittag vor, unter einem Himmel, der so blau sein dürfte wie des Kanzlers Gemüt. Am Vorabend, im großen Ballsaal im Ritz-Carlton, nach einem Ausflug nach Chicago, wo er über die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen referiert hatte, und nach einem furchtbar langen Tag im Flieger, war das schon so. Gesagt hatte Schröder da zu später Stunde im Hotelkeller nichts, was man zitieren müsste, selbst wenn man dürfte. Aber sehen, wie gelassen und entspannt ein deutscher Kanzler in Washington wieder zurückgelehnt im Nussholzsessel wippen kann, das sollten die Journalisten schon.

Zwei Etagen höher

Eine halbe Stunde sieht der Zeitplan für das Treffen mit Bush vor, gemeinsames Foto für die Abendnachrichten: zwei gut gelaunte Staatenlenker vor dem wichtigsten Kamin der Welt, dem im Oval Office. Dann wird gediegen zu Mittag gegessen. Protokollarisch ist das zwei Etagen höher als das Hotelzimmer in Manhattan. Eine diplomatische Liebeserklärung ist es nicht. Da müsste Schröder nach Crawford gebeten werden, zum Rindersteak auf die texanische Ranch. Immerhin: Zur Verköstigung lädt man sich nicht selbst ein ins Weiße Haus. Bush hätte das nicht machen müssen. Hat er aber. Die Gelegenheit war für beide Seiten günstig. Die Brücke gebaut haben die Alten Meister. Die Eröffnung der Ausstellung "The Glory of Baroque Dresden" stand an, in der tiefsten US-Provinz, in Jackson, Mississippi. Dahin ist Schröder noch am Freitag weitergereist. Königliche Juwelen aus dem Grünen Gewölbe, dazu Rembrandt, Seghers, Rubens, Van Dyke, Utrecht, Ribera, Velasquez, Titian, Tintoretto. Sachsens Schätze vom Feinsten. Eine gute Gelegenheit für einen Kanzlerbesuch und das, was man in den USA "public diplomacy" nennt, schwarz-rot-goldene Imagepflege eben.

Darin sind die Deutschen, das hat sich in Washington herumgesprochen, derzeit ausgesprochen erfolgreich. Ganz ohne teure Berater. Dafür mit einem ebenso diskreten wie rührigen Botschafter Wolfgang Ischinger, dem die Schulter vor lauter Schulterklopfen wohl bald krumm wird. Aber wer als ortsansässiger Diplomat einer europäischen Mittelmacht wie Ischinger neulich bei Bushs Rede vor der National Defense University vom Präsidenten persönlich die Hand geschüttelt bekommt, der kann so viel nicht falsch machen. Einsam in die erste Reihe hatte den Deutschen das Protokoll des Weißen Hauses überraschend gesetzt. Und wer saß dann neben Ischinger? Natürlich Condoleezza Rice, die gute Fee vom letzten Sommer.

Unzweideutige Signale das alles, wie auch Otto Schilys private Bonuszeit mit dem Kollegen John Ashcroft auf  dessen Farm in Virginia. Ein Crawford-Moment auf Ministerebene. Man kommt sich näher. Natürlich muss Bush im Wahlkampf das Verhältnis zu den transatlantischen Vettern wieder kitten. Um der Opposition Wind aus den Segeln zu nehmen. Damit die ihn nicht als großen Verbündetenschreck brandmarkt, der die Supermacht erst isoliert hat und dann Irak allein am Hals. Nur: Zu eifrig zu Werke gehen wird Bush dabei nicht. Alles hat seine Grenzen. Dass der innenpolitisch bedrängte Präsident Schröder "braucht", sagt einer, der es in Washington gut meint mit den Deutschen, das sei in dieser zugespitzten Form doch "eher Wunschdenken" und ein wenig vermessen: "Es gibt ein gemeinsames Interesse, sich näher zu kommen. Punkt." Tatsächlich glaubt niemand, dass die Operation Wiederannäherung als Einbahnstraße funktionieren kann. Genau hier aber liegt ja auch die Chance, über Symbole und Gesten und dann vielleicht auch die US-Wahlen hinaus.

Schritt für Schritt

Ermutigende Zeichen gibt es. Da ist etwa der neue Umgang auf der Funktionsebene der Diplomatie. Ob Haiti, Nahost, Afghanistan oder Irak - die USA kommen den Verbündeten nicht mehr mit fertigen Plänen, die nur noch abgenickt werden sollen. Mag sein, dass ihnen die Probleme über den Kopf wachsen, dass sie deshalb keine fertigen Antworten mehr haben. Doch die lange vermisste Gelegenheit für Einflussnahme, für echten Dialog ist da. Schritt für Schritt.

Dossier: Irak nach dem Krieg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion