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Essen für Bedürftige: Vielen Kapbewohnern geht das Geld aus.

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„Brüche im fragilen Skelett“

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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UN-Generalsekretär António Guterres fordert die Umgestaltung der globalen Architektur.

Seit acht Jahren sitzt Nelson Mandela nicht mehr im wuchtigen Sessel, wenn eine bedeutende Persönlichkeit der Zeitgeschichte an seinem Geburtstag, dem 18. Juli, einen Vortrag zu seinen Ehren hält. In diesem Jahr fand das Ereignis erstmals nur virtuell statt. António Guterres, Generalsekretär der Vereinigten Nationen, hatte seine Rede im New Yorker UN-Hauptquartier aufgezeichnet, was deren Wucht indessen keinen Abbruch tat. Der portugiesische Sozialist nahm den Termin zum Anlass, der aus den Fugen geratenen Welt den Spiegel vorzuhalten – oder, um in seinem Bild zu bleiben, deren „Röntgenbild“.

Nach den Worten des Geschäftsführers der Staatenfamilie bietet die Pandemie einen unverdeckten Einblick in den Zustand der Menschheit: Die Seuche bringe „die Brüche im fragilen Skelett der von uns gebildeten Gemeinschaften“ zum Vorschein. Verursacht würden diese Brüche von einer immer krasser werdenden Ungleichheit. Sie drohe jetzt „unsere Ökonomien und unsere Gesellschaften zu zerstören“.

Das Missverhältnis wird nirgendwo deutlicher als in der Heimat Mandelas: Südafrika gilt als einer der ungleichsten Staaten der Welt. Auch deshalb wird das Kap der guten Hoffnung besonders gnadenlos vom Virus heimgesucht. Der 55-Millionen-Einwohner-Staat steht mit 350 000 Infizierten an fünfter Stelle der makabren Weltrangliste – nach viel bevölkerungsreicheren Ländern wie den USA oder Russland. Südafrikas Gesundheitssystem torkelt dem Kollaps entgegen: In Armenregionen wie der Ostkap-Provinz ist es bereits zusammengebrochen. Für Guterres der Beweis, dass die Behauptung, „der freie Markt könne Gesundheitsvorsorge für alle bieten, eine Lüge ist“.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres findet deutliche Worte zum Zustand der Welt.

Dabei ist der vom Virus selbst angerichtete Schaden noch nicht einmal die schlimmste Folge der Pandemie: Er wird – vor allem in Afrika – von der wirtschaftlichen Verheerung noch übertroffen. Wegen des Lockdowns haben mehr als drei Millionen Südafrikaner ihren Job verloren, die Arbeitslosigkeit liegt inzwischen bei 50 Prozent. Die Hälfte aller Kapbewohner haben nicht mehr genug Geld, um sich über Wasser zu halten. Eine oder einer von fünf Befragten gab einem Umfrageinstitut zufolge kürzlich an, mindestens einmal in der Woche hungrig zu Bett zu gehen.

Südafrika steht an einsamer Spitze der afrikanischen Corona-Charts: Mancher Politiker des Kontinents schlägt sich schon anerkennend auf die Schulter. Möglicherweise etwas voreilig: Denn die Ziffern steigen auch in anderen afrikanischen Staaten an, die Welle kann noch kommen, auch ist offiziellen Angaben wegen der wenigen Tests nicht unbedingt zu trauen. Auch Südafrika dachte zunächst, noch einmal mit dem Schrecken davon zu kommen. Aber das Virus, sagt Guterres, „entblößt jeden Irrtum“.

Die ökonomischen Folgen der Pandemie wirken sich auch im Rest Afrikas verheerender als das Virus selbst aus: Der Tourismus kam zum Erliegen, der Handel bricht ein, mehr als 100 Millionen Menschen könnten bald zusätzlich auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein, rechnete das Welternährungsprogramm aus. „Die Vorstellung, dass wir alle im selben Boot sitzen, ist ein Mythos“, sagt Guterres: „Manche sitzen in Luxusyachten, während sich andere an im Wasser treibenden Trümmern festhalten.“

Afrika wurde nach den Worten des Generalsekretärs in doppelter Weise zum Opfer. Einerseits durch den Kolonialismus, dessen Auswirkungen noch heute zu spüren seien. Andererseits sei der Kontinent in den nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen internationalen Institutionen unterrepräsentiert. „Die Ungleichheit beginnt ganz oben bei den globalen Institutionen. Um ihr zu begegnen, muss man mit der Reform dieser Institutionen beginnen.“ Guterres schlägt nichts Geringeres als die Umgestaltung der gesamten globalen Architektur vor: Ein „neuer Sozialvertrag“ sei nötig sowie ein „neuer globaler Deal“, der auf einer „fairen Globalisierung“ basiere. Zumindest einen Vorteil habe die derzeitige „menschliche Tragödie“: Dass sie eine Möglichkeit biete, die Welt auf „gleichere und nachhaltigere Weise“ wieder aufzubauen.

In der ökologischen Klima- und der antirassistischen „Black Lives Matter“-Bewegung sieht Guterres immerhin zwei Lichtblicke: „Sie lehnen die Ungleichheit ab und vereinen junge Menschen, die Zivilgesellschaft, den privaten Sektor, Städte und Regionen hinter einer Politik für Frieden, unseren Planeten, Gerechtigkeit und Menschenrechte für alle.“ Die Welt drohe zu zerbrechen, schloss Guterres: „Wir wissen jedoch, auf welcher Seite der Geschichte wir stehen.“

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