+
Für Brexit-Gegner ist der 31. Januar 2020 ein trauriger Tag.

Stimmen

Wie britische Brexit-Gegner den Tag des Austritts erleben

  • schließen

Drei Brexit-Gegner und ein Brexit-Befürworter beschreiben, was der EU-Austritts ihres Landes für sie bedeutet.

Sie warnten, sie kämpften, sie hielten der EU am Stammtisch die Stange - vergeblich. Unser Korrespondent sprach mit Brexit-Gegnern über den Austritt Großbritanniens aus der EU am 31. Januar 2020. Und mit einem Befürworter, der den Tag in aller Stille feiern will.

„Der Regierung auf die Finger sehen“

Jane Riekemann

Ich bin stets wählen gegangen, war aber nicht sonderlich politisch. Das Referendumsergebnis erwischte mich auf dem falschen Fuß. Danach begann ich mich zu engagieren, erst bei der überparteilichen Gruppe „Bath for Europe“, inzwischen auch bei den Liberaldemokraten. Wir versuchten den Brexit noch zu verhindern, noch bis in den Oktober hinein war ich sehr optimistisch. Aber dann kam die Wahlnacht und ich wusste: Wir haben verloren.

Jetzt sorgen wir uns vor allem um die EU-Bürger in Bath, deren Status ungeklärt bleibt. Unser Krankenhaus hätte große Probleme ohne Ärztinnen und Pfleger vom Kontinent. Wir müssen der Regierung genau auf die Finger sehen und weiterhin für die größtmögliche Nähe zur EU kämpfen. Dann wird es einfacher, später wieder beizutreten.

Jane Riekemann, 64, pensionierte Lehrerin, gehört in der westenglischen Stadt zur Gruppe „Bath for Europe“. Ihr deutscher Mann ist mittlerweile Doppelstaatsbürger geworden.  

„Unser gemeinsames Europa“

Denis MacShane.

Als David Cameron im Januar 2013 das EU-Referendum ankündigte, war ich gerade beim Skifahren. Zu meinem Reisegefährten sagte ich: „Das war’s dann. Diese Abstimmung wird sich um die Einwanderung drehen und so ausgehen wie jedes andere Plebiszit dieses Jahrhunderts: gegen die EU.“ Darüber schrieb ich schon 2014 ein Buch und warnte vor dem Brexit, aber das wollte niemand hören.

Was seit der Abstimmung passiert ist, gehört zu den langen Jahrhunderten in dem schwierigen Verhältnis unserer Insel zum Kontinent. Aber es bleibt doch unser gemeinsames Europa. Ich selbst fühle mich zu 100 Prozent als Engländer, habe aber eine irische Großmutter. Deshalb bekomme ich einen irischen Pass.

Denis MacShane, 71, war 18 Jahre lang Labour-Abgeordneter und unter Premierminister Tony Blair 2002 bis 2005 Europa-Staatssekretär. 

„Wir brauchen keinen Freihandelsvertrag“

Frank Silver.

Ich bin einigermaßen zufrieden, dass wir nun endlich austreten. Es sah ja im vergangenen Jahr lange Zeit danach aus, als würde das Establishment den Volkswillen noch untergraben. Die Vereinbarung der früheren Premierministerin Theresa May mit der EU war schockierend schlecht für uns, der jetzt verabschiedete Austrittsvertrag ist kaum besser. Und ich traue Boris Johnson nicht so recht, dass er nun wirklich einen echten Brexit durchsetzt. Wir sollten Freunde sein mit Europa, brauchen dazu aber keinen Freihandelsvertrag.

Beim Referendum war ich an meinem Stammtisch der einzige Brexiteer und wurde dafür heftig gescholten. Jetzt ist von dem Thema einfach nicht mehr die Rede. Das ist mir ganz recht so. Am 31. Januar werde ich vielleicht ein Glas trinken, aber in aller Stille.

Frank Silver, 65, Londoner Immobilienhändler, hält die EU für eine Interessenvertretung von Big Business. Der Euro sei über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt.

„Bald gibt es ein böses Erwachen“

Steven Bray.

Europa gehörte für mich ganz selbstverständlich dazu. Als es zum Referendum kam, habe ich mich mit den meisten meiner antieuropäischen Freunde in Port Talbot überworfen. Sie entpuppten sich als engstirnige Rassisten und Fremdenfeinde, wurden aber von der „Leave“-Kampagne auch in die Irre geführt.

Dieselben Leute, die uns den Brexit beschert haben, sind jetzt an der Regierung. Sie haben das Land in die Irre geführt, und bald gibt es ein böses Erwachen.

Für meine Dauerproteste habe ich einen Teil meiner Münzsammlung verkauft. Bisher haben wir täglich vor dem Parlament demonstriert. In Zukunft wollen wir jeden Mittwoch dort sein, wenn drinnen dem Premierminister Fragen gestellt werden. Und irgendwann werden wir der EU wieder angehören.

Steve Bray, 50, freiberuflicher Münzhändler, wurde durch seine „Stop Brexit“-Rufe vor dem Unterhaus zu einer Mini-Celebrity.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion