Briten fordern Termin für Abzug aus Irak

Premier Blair setzt auf unbefristete Truppenpräsenz / Ex-Außenminister nennt Einmarsch "spektakuläres Eigentor"

Von PETER NONNENMACHER

London · 21. September · Eine jetzt vom Guardian veröffentlichte Meinungsumfrage deutet, wenige Tage vor dem Parteitag der regierenden Labour Party, auf einen Stimmungsumschwung in der britischen Bevölkerung hin. Noch im Mai hatten 45 Prozent der Befragten erklärt, britische Truppen sollten im Irak verbleiben, "solange es nötig ist". Inzwischen wollen 71 Prozent, dass Blair einen festen Zeitpunkt für den Abzug nennt. Bei Labour-Wählern liegt die Zahl bei 73 Prozent. Die Eskalation der Gewalt im Sommer und insbesondere in den vergangenen Wochen ist offenbar für den Sinneswandel verantwortlich.

Die Entführung des Ingenieurs Kenneth Bigley durch ein islamistisches Terror-Kommando in der vorigen Woche und die Bilder der Hinrichtung des zusammen mit Bigley entführten US-Amerikaners Eugene Armstrong, haben in der britischen Öffentlichkeit starke Emotionen ausgelöst. Premier Blair lehnte dennoch einen verzweifelten Appell eines Bigley-Sohns ab, den Forderungen der Entführer nachzukommen und weibliche irakische Kriegsgefangene freizulassen.

Man müsse in dieser Frage "Festigkeit" beweisen, betonte Blair, und sich "an der Seite der Demokraten gegen die Terroristen stellen". Zuvor hatte der Premier bereits erklärt, beim gegenwärtigen "neuen Konflikt" in Irak handle es sich um "die Feuerprobe, in der sich die Zukunft des globalen Terrorismus entscheidet". Beim "ersten Konflikt" sei es noch um die Absetzung Saddam Husseins gegangen; nunmehr gehe es um den Kampf gegen Terrorismus generell. In diesem Kampf könnten "vernünftige und anständige Leute nur auf einer Seite stehen" - was auch immer diese Leute von der ursprünglichen Invasions-Entscheidung gehalten hätten.

Blairs früherer Außenminister Robin Cook, der wegen der Kriegsentscheidung das Kabinett verlassen hatte, beharrt indes darauf, dass "es keine internationalen Terroristen in Irak gab, bevor wir dort einmarschiert sind". Die Alliierten selbst hätten "die perfekten Bedingungen geschaffen, unter denen Al Qaeda gedeihen und in der ganzen Welt Rekruten sammeln konnte".

"Man hat uns gesagt, dass die Eroberung Iraks ein Sieg über den Terror gewesen sei", sagte Cook: "Nun nimmt sie sich wie ein spektakuläres Eigentor aus." Charles Kennedy, Vorsitzender der Liberaldemokraten, forderte eine öffentliche Entschuldigung Blairs für das Fiasko des Kriegs. Der Einmarsch in Irak, sagte Kennedy, sei "der größte außenpolitische Fehler" gewesen, den eine britische Regierung seit Jahrzehnten gemacht habe.

Kritik wurde auch an den Ausnahmegesetzen gegen Ausländer laut, die Blairs Regierung nach den Attentaten vom 11. Septembers 2001 erlassen hatte. Anlass war die überraschenden Haft-Entlassung eines jungen Algeriers, den die Regierung drei Jahre lang als mutmaßliche Gefahr für die "nationale Sicherheit" festgehalten hatte, ohne dies zu begründen.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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