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Die Sicherheitskontrollen in Ayodhya wurden schon vor dem Urteil ausgeweitet.

Indien

Brisantes Urteil im Tempel-Streit

Das oberste Gericht entscheidet zugunsten der Hindus:. Nun herrscht die Angst vor religiösen Unruhen in Indien.

Die Reaktionen fielen erwartet heftig aus. Während Hindus in Indien feierten, kam aus dem Nachbarland Pakistan scharfe Kritik. Der Grund: Das Oberste Gericht in Neu-Delhi gab am Samstag grünes Licht für den Bau eines Hindu-Tempels auf einem seit 500 Jahren zwischen Muslimen und Hindus umstrittenen Stück Land in der heiligen Stadt Ayodhya. Wegen befürchteter Unruhen wurden die Sicherheitsvorkehrungen in ganz Indien drastisch erhöht.

Vor dem Gerichtsgebäude in Indiens Hauptstadt versammelten sich etliche Hindu-Aktivisten, um das Urteil zu feiern. Beobachter warnten angesichts der Gerichtsentscheidung vor neuen Konflikten zwischen der Hindu-Bevölkerung und der muslimischen Minderheit Indiens, der rund 200 Millionen Menschen angehören.

Schon vor der Urteilsverkündung hatte die Regierung landesweit die Sicherheitsvorkehrungen massiv aufgestockt. Zahlreiche Schulen in Ayodhya blieben geschlossen, Tausende zusätzliche Einsatzkräfte waren im Einsatz. In Neu-Delhi wurden Straßen nahe des Gerichtsgebäudes gesperrt.

Im mehrheitlich muslimischen Aligarh wurde der Internetzugang gekappt. Behördenmitarbeiter und Freiwillige durchsuchten die Online-Netzwerke nach Beiträgen, die Aufruhr verursachen könnten. Indiens Premierminister Narendra Modi appellierte an die Konfliktparteien, Ruhe zu bewahren.

Pakistans Außenminister Shah Mehmood Qureshi kritisierte das Urteil heftig. Die Entscheidung des Gerichts stürze die Muslime in Indien in Ungewissheit und setze sie einem „Mangel an Sicherheit und Schutz“ aus. Das indische Außenministerium reagierte gleichermaßen scharf auf die Kritik aus dem Nachbarland. Pakistans „krankhafter Zwang, unsere innenpolitischen Angelegenheiten mit dem offensichtlichen Zweck, Hass zu säen, zu kommentieren“ sei „verdammenswert“.

Indiens Ministerpräsident Modi lobte die Justiz dafür, eine seit Jahrzehnten strittige Frage „einvernehmlich“ geklärt zu haben. „Das Urteil sollte nicht als Sieg oder Niederlage für irgendjemanden betrachtet werden“, schrieb Modi im Kurzbotschaftendienst Twitter.

In dem 1045 Seiten starken Urteil ordneten die Richter auch an, dass ein separates Stück Land an muslimische Gruppen übergeben werden soll. Dort soll eine „prominente“ Moschee gebaut werden.

Der Anwalt Zafaryab Jilan, der einen der muslimischen Prozessführer vertrat, nannte das Urteil ungerecht. Er erwäge, in Revision zu gehen, sagte Jilan. Muslime beanspruchen das Grundstück als Standort einer inzwischen zerstörten Moschee für sich. Medienberichten zufolge sollen laut Gericht archäologische Beweise dafür gefunden worden sein, dass sich an dem Standort ein Bauwerk „hinduistischen Ursprungs“ befunden hatte, bevor die Moschee gebaut wurde.

Im Pilgerort Ayodhya im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh stand eine mittelalterliche Moschee, die Hindu-Extremisten im Dezember 1992 zerstört hatten. Der Angriff löste damals schwere Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen aus, bei denen mehr als 2000 Menschen getötet wurden, die meisten davon Muslime. Zwei Jahre später kam es im Bundesstaat Gujara erneut zu heftigen Ausschreitungen zwischen Muslimen und Hindus, bei denen mehr als tausend Menschen getötet wurden.

Hindus verehren den Ayodhya als Geburtsort des Gottes Rama. Sie glauben, dass die Moschee im 16. Jahrhundert an der Stelle eines Hindu-Tempels für Rama gebaut wurde. Mit der Erstarkung des Hindu-Nationalismus in den 80er Jahren und dem Aufstieg der hindu-nationalistischen BJP-Partei, der auch Modi angehört, wurden die Forderungen nach einem neuen Hindu-Tempel auf dem Grundstück immer lauter. (afp/epd)

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