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Bringen mehr Kameras mehr Sicherheit?

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Von: Steven Geyer

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Seit Jahrzehnten werden Videokameras eingesetzt. Terroristen, aber auch Kleinkriminelle beeindruckt das kaum.
Seit Jahrzehnten werden Videokameras eingesetzt. Terroristen, aber auch Kleinkriminelle beeindruckt das kaum. © imago

Über den Ausbau von Videoüberwachung im öffentlichen Raum streiten Wissenschaftler und Politiker: Eindeutige Schlüsse könne beide Gruppen nicht ziehen.

Der Berliner Terroranschlag hat auf zweierlei Weise Bewegung in die Debatte gebracht, ob mehr Videoüberwachung öffentlicher Plätze solche Taten verhindern kann. Zum einen hat das Bundeskabinett zwei Tage später ein Gesetzespaket zur Ausweitung der Videoüberwachung beschlossen. Die Vorlage des Bundesinnenministers war bereits vor dem Anschlag erstellt worden, passte aber in die akute Debatte: Durch die Erlaubnis von mehr Überwachung öffentlicher Orten soll „die Sicherheit der Bevölkerung erhöht werden“, so das Ministerium. Auch der Einsatz von Gesichtserkennungssoftware will man an einem Bahnhof testen und evaluieren, zudem soll der Einfluss von Datenschützern beschränkt werden.

Der zweite Bezug scheint allerdings den Kritikern recht zu geben: Der Attentäter Anis Amri blickte direkt nach der Tat offenbar absichtlich in eine Überwachungskamera am Bahnhof Zoo, grüßte gar mit dem IS-Zeichen, bevor er sich absetzte. Schon bevor das bekanntwurde, hatte der Deutsche Richterbund gewarnt, dass Videoüberwachung Anschläge im Zweifel gar begünstigen könne: „Die Täter könnten gezielt videoüberwachte Plätze aufsuchen, um ihre Taten für eine breite Öffentlichkeit besser sichtbar zu machen“, sagte der Verbandsvorsitzende Jens Gnisa.

Die Kritiker streiten nicht ab, dass die Videoaufnahmen bei der Fahndung helfen – und so auch bei der Ergreifung von Attentätern, aber auch von Gewalttätern wie dem „U-Bahn-Treter“, der jüngst eine Frau in Berlin verletzt hatte. Hauptstreitpunkt bleibt, ob mehr Videotechnik zur Prävention von Kriminalität beiträgt, wie die Bundesregierung anführt.

Nein, findet die Linke im Bundestag, die gerade in einer Anfrage empirische Belege dafür vom Innenministerium gefordert hatte. In der Antwort, die der „Frankfurter Rundschau“ vorliegt, erklärt die Bundesregierung: „Die bisher verhinderten Anschläge, die von Tätern des islamistisch-terroristischen Spektrums geplant und vorbereitet wurden, sind nicht maßgeblich aufgrund von Videoüberwachungssystemen vereitelt worden.“

Für die innenpolitische Sprecherin der Linken, Ulla Jelpke, ist die Behauptung, Videoüberwachung trage zur Sicherheit bei, demnach „durch keinerlei seriöse wissenschaftliche Grundlagen gestützt“. Gerade die Tat auf dem Weihnachtsmarkt hätte nicht durch mehr Kameras verhindert werden können, sagte sie der FR. „Wir dürfen unsere Freiheiten nicht der Illusion einer falschen Sicherheit opfern.“

Auch die Konferenz der Datenschutzbehörden von Bund und Ländern sieht keinen Nachweis für mehr öffentliche Sicherheit durch Kameras. Ein überraschender Befund, denn es gibt bereits seit Jahren Studien, die die Auswirkung von Videoüberwachung auf die Kriminalitätsrate untersuchen. So zitiert das Innenministerium eine Analyse des Bundeskriminalamtes, „das den Forschungsstand zur Wirksamkeit der Videoüberwachung anhand einer Vielzahl von nationalen und internationalen Studien ermittelt“: Allein aus Deutschland seien elf Untersuchungen aus acht Bundesländern zu insgesamt 15 Videoüberwachungsprojekten eingeflossen.

Als internationale Studie wird vor allem die berühmte Untersuchung von David Farrington und Brandon Welsh erwähnt, die der kriminalitätsvorbeugenden Wirkung von Kameras nachgingen. Tatsächlich konnten die beiden Briten eine Senkung bestimmter Straftaten in bestimmten Innenstadtbereichen nachweisen. Allein: Es handelte sich nicht um Gewaltakte, sondern allen voran um Einbrüche in Pkw, die bei sichtbaren Kameras in gut ausgeleuchteten Parkhäusern um knapp die Hälfte zurückgingen.

Allerdings sei die Beweiskraft der Studien beschränkt: Die Datenbasis sei veraltet – die Daten von Welsh/Farrington sind mehr als 16 Jahre alt – und weise verschiedene methodische Schwächen auf. Das sagt der Vizedirektor des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, Dominic Kudlacek, der zu dem Thema promoviert hat: „Die Studien lassen sich in die eine wie in die andere Richtung interpretieren.“

Gut nachweisbar sei, dass Videotechnik dann Straftaten senke, wenn sie in Kombination mit weiteren Faktoren wie zusätzlicher Beleuchtung eingesetzt werde – vor allem aber, wenn Polizisten oder Wachleute im Notfall direkt eingreifen. Stumpfe Videoüberwachung werde von Kriminellen schnell als folgenlos erkannt, was sich zum Beispiel daran zeige, dass sich Drogendealer von manchen Bahnhofsvorplätzen trotz Kameras nicht zurückziehen, so Kudlacek. Echte Beobachtung mit Zugriff vertreibe das Verbrechen dagegen auf Dauer – allerdings trifft das gerade auf spontane Gewalt nicht zu: „Das sind Affekttaten, die nicht kalkuliert sind und bei denen oft Alkohol im Spiel ist.“ Ebenso wenig ließen sich freilich Terroristen wie Anis Amri, die ihren eigenen Tod einkalkulieren, abschrecken.

In beiden Fällen schreibt Kudlacek dennoch einer Videoüberwachung durchaus eine vorbeugende Wirkung zu: nicht für die konkrete Tat – aber für mögliche folgende. „Wenn die Täter dank der Überwachungsbilder schneller gefunden werden, dann landen sie auch schneller im Gefängnis oder in Resozialisierungs- oder Antiaggressionsprogrammen“, sagt der Experte, „und werden so von den nächsten Taten sehr wohl abgehalten.“

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