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Das Ehepaar in Sofia 1946. Wiedervereint nach der Haft von Margarete Schütte-Lihotzky.
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Das Ehepaar in Sofia 1946. Wiedervereint nach der Haft von Margarete Schütte-Lihotzky.

Geschichte

Wie die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky vier Jahre Gestapo-Haft überstand

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Margarete Schütte-Lihotzky versuchte sich als Kurierin für den kommunistischen Untergrund, doch sie wurde von der Gestapo gefasst. Der Historiker Thomas Flierl hat sich dem Briefwechsel mit ihrem Ehemann gewidmet.

Im September 1942 bereitete sich Margarete Schütte-Lihotzky auf ihre Hinrichtung vor. Der Reichsanwalt beim Volksgerichtshof hatte für die damals bereits sehr namhafte österreichische Architektin die Todesstrafe beantragt. Als Mitglied einer kommunistischen Widerstandsgruppe war sie von einem Gestapo-Spitzel verraten und in einem Wiener Café verhaftet worden. Doch dann geschah etwas völlig Unerwartetes: Während alle anderen Untergrundkämpfer zum Tode verurteilt und enthauptet wurden, entschieden die Richter bei Schütte-Lihotzky „nur“ auf 15 Jahre Zuchthaus. Tatsächlich überlebte sie, schwer krank und auf wenig mehr als 40 Kilogramm abgemagert, in ihrer Zelle in Aichach bei Augsburg, bis US-Truppen die Inhaftierten am 29. April 1945 befreiten.

Durch einen außergewöhnlichen Fund konnte der Historiker Thomas Flierl jetzt erstmals diese Lebensjahre der weltberühmt gewordenen Architektin präzise nachzeichnen. Er stieß in einem Schuhkarton, der auf einem Dachboden im österreichischen Radstadt gelagert war, auf 126 vergilbte Briefe, geschrieben von 1941 bis 1945 zwischen der Gestapo-Gefangenen in Bayern und ihrem Ehemann Wilhelm Schütte im türkischen Exil.

Dieser unbekannte Briefwechsel war für Flierl der Ausgangspunkt für acht Jahre lange Recherchen, die ihn nach Moskau ebenso führten wie nach Istanbul, aber auch ins Archiv der Bauhaus-Universität in Weimar. Dem früheren Kultursenator von Berlin (2002 bis 2006) gelang es, zahlreiche „blinde Flecken“, so Flierl, in der Geschichte des antifaschistischen Widerstands, aber auch der Architekturgeschichte zu beleuchten. So führt er etwa den Nachweis an, dass Wilhelm Schütte in Istanbul nicht nur eine Zelle der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) geleitet, sondern gleichzeitig auch für den britischen Geheimdienst Special Operations Executive (SOE) gearbeitet hatte. Die Nachforschungen einschließlich der unbekannten Briefe bündelte der 64-jährige in einem faszinierenden Buch, dessen Titel aus einem der Schriftstücke abgeleitet ist: „Mach den Weg um Prinkipo, meine Gedanken werden Dich dabei begleiten!“ Mit diesem verschlüsselten Satz erinnerte die inhaftierte Schütte-Lihotzky ihren Ehemann in einem Brief vom März 1942 an ihren Hochzeitstag und an einen Spaziergang um den Prinkipo-Palast am Bosporus.

Die Architektin überlebte nicht nur die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, sie lebte sehr lange und starb erst im Alter von fast 103 Jahren in ihrer Geburtsstadt Wien. Nach der Nazizeit konnte sie jedoch nie mehr eine solche Wirkmacht entfalten wie sie es mit ihrer Arbeit in den 1920er Jahren getan hatte. In Frankfurt am Main hatte Schütte-Lihotzky in den nur fünf Jahren zwischen 1925 bis 1930 die Basis für ihren Weltruhm gelegt. Das Neue Frankfurt: Das bedeutete Aufbruch nicht nur im Städtebau und in der Architektur, sondern auch im Gartenbau oder im Design. Fast 12 000 Wohnungen entstanden damals in 26 kleineren und größeren Siedlungen und Quartieren.

Die damals 28-jährige Margarete Lihotzky stieß zum Team des Frankfurter Stadtbaurates Ernst May und lernte dort auch ihren Kollegen Wilhelm Schütte kennen, den sie 1927 heiratete. Ihr Name bleibt mit der Entwicklung der „Frankfurter Küche“ verbunden, einem platzsparenden und rationellen Konzept mit Einbauten auf kleinstem Raum. Das Motto dieses Modells verrät freilich noch heute zugleich, dass das Neue Frankfurt bestimmte bürgerliche Grenzen nicht überschritt: „Die Planung erfolgt durch eine Frau in Verbindung mit den Frauen.“ Dass auch Männer in der Küche etwas zu tun haben könnten, das sprengte die Vorstellungskraft. Andererseits war Schütte-Lihotzky eine der wenigen Frauen überhaupt, die im Rahmen des Neuen Frankfurt reüssierten.

„Mach den Weg um Prinkipo, meine Gedanken werden Dich dabei begleiten“, herausgegeben von Thomas Flierl, Lukas Verlag 2021, 624 Seiten, 34,90 Euro.

Als der aufkommende Nationalsozialismus die Arbeit in Frankfurt immer schwieriger machte, wechselten Ernst May wie auch die Schütte-Lihotzkys 1930 in die Sowjetunion, in der Hoffnung, dort ihre Vorstellungen einer sozial engagierten Architektur weiterentwickeln zu können. Margarete arbeitete an neuen Kindergärten, ihr Ehemann entwarf neue Schulen. Während May schon früh die UdSSR wieder verließ, blieb das Ehepaar bis zum Ablauf seiner Pässe im August 1937. Verzweifelt suchten sie in Europa nach einer neuen Perspektive, einer neuen Heimat, während die Nazis immer weiter an Macht gewannen: „Irgendwo muss man ja wieder Fuß fassen“, sagte Margarete. Die Stationen ihrer Reise hießen Paris, London und Athen. Doch nirgendwo schien sich eine Arbeitsmöglichkeit zu bieten. Am Ende war es der berühmte deutsche Architekt Bruno Taut, der die Schütte-Lihotzkys in die Türkei rief. Er arbeitete damals an der Akademie der Schönen Künste in Istanbul und verschaffte dem Ehepaar ebenfalls dort eine Anstellung.

Natürlich mussten die Schütte-Lihotzkys in der Sowjetunion sehr wohl die blutige Verfolgung durch das stalinistische Terrorregime erlebt haben. Schon 1936 hatten die von Stalin initiierten Moskauer Schauprozesse begonnen, bis 1938 geriet das Unterdrückungssystem immer brutaler. Zeitzeuginnen und -zeugen beschrieben später, dass das Ehepaar nach außen hin der UDSSR noch immer mit „freundlicher Skepsis“ begegnete. So überlebten sie bis zu ihrer Ausreise über Odessa.

Autor & Veranstaltung:

Thomas Flierl, geboren 1957, ist Bauhistoriker und war von 1998 bis 1999 Baustadtrat in Berlin-Mitte sowie Kultursenator in Berlin von 2002 bis 2006. Für sein Buch hat er die Briefe des Ehepaars jahrelang recherchiert.

Am 17. Januar treffen sich Thomas Flierl und FR-Autor Claus-Jürgen Göpfert um 19 Uhr zum Gespräch.

Veranstaltungsort ist der Club Voltaire in Frankfurt, Kleine Hochstraße 5. Zutritt nur für Geimpfte und Genesene.
Anmeldung und Video-Code unter www.club-voltaire.de

Die Arbeit des Architekten-Paares in der Türkei ließ sich zunächst gut an, im Auftrag des türkischen Staates entwarfen beide wieder Konzepte für Kindergärten und Schulen, aber auch für private Wohnhäuser. Bei einer Reise durch Anatolien prüften sie Standorte für Dorfschulen. Thomas Flierl schildert aber auch, wie das Paar sich einer verdeckten Widerstandsgruppe der Kommunistischen Partei (KPÖ) in Istanbul anschloss. „Margarete Schütte-Lihotzky galt bald als gute und verlässliche Genossin,“ so der Autor. Sie und ihr Ehemann unterstützten eine Petition von etwa 100 Exil-Österreicher:innen in der Türkei für die Unabhängigkeit ihres Heimatlandes. „Beide wollten etwas tun gegen den Faschismus.“ So entstand bei der Architektin die verwegene Idee, als Kurierin mit geheimen Papieren für den kommunistischen Untergrund nach Österreich zu reisen.

Tatsächlich gelang es der österreichischen Staatsbürgerin, im Dezember 1940 mit dem Zug über Zagreb nach Wien zu fahren. Mit sich führte sie wichtige Briefe und Dokumente der KPÖ. „Als elegante Dame, in einen Persianermantel gehüllt, der noch aus der Sowjetunion stammte, ein Hütchen aus blauen Federn mit Schleier auf dem Kopf“, mit diesem Auftreten erreichte sie ohne Probleme die Millionenstadt und kontaktierte dort Mitglieder des kommunistischen Widerstands.

„Sie hat die Gefahren falsch eingeschätzt“, urteilt Flierl. Die Architektin ahnte nicht, dass der Wiener Widerstand mit Gestapo-Spitzeln unterwandert war. Diese meldeten sofort die Ankunft der eleganten Fremden. Am 22. Januar 1941 um 14 Uhr wurde sie mit anderen im Café „Viktoria“ verhaftet. Es war der Beginn einer langen Leidenszeit. Endlose Verhöre in der Wiener Gestapo-Zentrale, bei denen Schütte-Lihotzky zwar nicht körperlich gefoltert, aber doch unter schweren psychischen Druck gesetzt wurde. Ein Gestapomann forderte sie auf, sich aus dem offenen Fenster zu stürzen, ihr Leben sei ohnehin verloren. Die Gefangene versuchte, niemanden zu verraten, gab nur Namen von Genossinnen und Genossen preis, von denen sie wusste, dass die Gestapo sie kannte.

Der jetzt entdeckte Briefwechsel zeigt, dass ihr Ehemann Wilhelm derweil in Istanbul völlig ahnungslos war. Noch am 6. Februar 1941 schickt er Margarete eine Postkarte nach Wien, die mit den Worten beginnt: „Ja, wo bleibst Du denn eigentlich, Bibchen?“ Es ist das dritte der aufgefundenen Dokumente, der chronologisch letzte Brief der Gefangenen stammt vom 4. März 1945. Historiker Flierl sagt: „Ich staune, wie dieser Kontakt überhaupt möglich war.“ Gleichzeitig ist er überzeugt: „Der Briefwechsel hat Schütte-Lihotzky am Leben erhalten.“ Über Margaretes Schwester Adele in Wien erfuhr Wilhelm von der Verhaftung seiner Ehefrau. Über vier Jahre hielten die beiden dann tatsächlich den Kontakt über Tausende von Kilometern: Wilhelm schrieb von Istanbul aus an Adele in Wien und legte Textteile bei, die für Margarete bestimmt waren. Adele schrieb diese Texte ab und schickte sie an ihre Schwester ins Zuchthaus.

Und tatsächlich erreichten die Briefe Margarete in der Haft. Flierl sagt: „Das Gefängnissystem der Nazis war zwar mörderisch, aber es gab ein Recht auf Briefverkehr für die Gefangenen.“ Und während all der Jahre, in denen in Europa ein blutiger Krieg tobte, galt offenbar, so der Historiker: „Die Post funktionierte immer!“ Aber natürlich waren die Einschränkungen für die politische Gefangene groß. Nur alle sechs Wochen durfte sie schreiben, alle eingehenden und abgesandten Texte wurden von der Zensur gelesen.

Das Ehepaar in Sofia 1946. Wiedervereint nach der Haft von Margarete Schütte-Lihotzky.

Warum aber überlebte die Architektin überhaupt und wurde beim Prozess vor dem Volksgerichtshof 1942 nicht, wie die anderen Mitglieder ihrer Widerstandsgruppe, zum Tode verurteilt? In jahrelanger Arbeit gelang es dem Rechercheur, auch auf diese entscheidende Frage eine Antwort zu finden. Schütte-Lihotzky hatte in ihren Memoiren später eine abenteuerliche Geschichte erzählt. Ihr Ehemann Wilhelm habe im türkischen Unterrichtsministerium vorgesprochen und von den Beamten dort einen neuen Arbeitsvertrag für seine Ehefrau verlangt. Eine solche offizielle „Anforderung“ des türkischen Staates an die deutschen Behörden sollte Margaretes Leben retten. Als dieses Ansinnen im Ministerium abgelehnt wurde, sei es Wilhelm gelungen, dort amtliches Briefpapier zu stehlen, eine Anforderung zu fälschen und über Adele an den zuständigen Oberreichsanwalt in Deutschland zu senden.

Flierl kann jetzt durch seine Recherchen nachweisen, was tatsächlich geschah. Ihm gelang es, die erhaltenen Prozessakten des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof zu finden. Und dort entdeckte er ein offizielles Anforderungsschreiben der Kulturdirektion Istanbul vom 4. Mai 1942. Die Architektin Schütte-Lihotzky, so heißt es darin, werde vom türkischen Staat als „Spezialistin für Mädchen-Berufsschulen“ gebraucht. Man bitte, sie nach Istanbul zurückzukehren. Flierl ist überzeugt, dass dieses Dokument entscheidend dazu beitrug, das Leben der prominenten Gefangenen zu retten. Der Nazi-Regierung sei damals an guten Kontakten mit der Türkei gelegen gewesen. Dass das Schicksal der Architektin im Nazi-Staatsapparat Aufmerksamkeit erregte, zeigte sich auch darin, dass der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, einen offiziellen Vertreter zum Prozess entsandte.

Es ist ein unbekanntes und sehr spannendes Kapitel der Politik- und Architektur-Geschichte, das Thomas Flierl hier erzählt. Seine Recherchen kommen rechtzeitig vor einem großen Jubiläum, das Margarete Schütte-Lihotzky wieder in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit rückt. 2025 wird mit vielen Veranstaltungen der 100. Geburtstag des Neuen Frankfurt gefeiert.

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