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„Das macht mich ein bisschen ruhiger. Dich in meinem, in unser aller Rücken zu wissen.“

Ein Brief an die Verfassung

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Du bist immer in Bewegung. Das mag ich an dir.

Dresden, im April 2019

Meine Liebe,

Ich bin gerade wirklich nicht in der Verfassung. Stress. Beinahe wäre dein Ehrentag an mir vorbeigerauscht. Das passiert so einfach. Es ist viel los. Überall. Und dann. Geburtstagspost.

Siebzig. Wahnsinn. Was soll man da sagen. Floskeln. Karten mit Kleeblättern. Oft Gesagtes. Geldscheine in Umschlägen. Das ist doch nichts für dich. Und ich war auch noch nie gut darin.

Und außerdem. Wir hatten lange keinen Kontakt mehr. Als wir vor über fünf Jahren das letzte Mal miteinander gesprochen haben, habe ich dich gefragt: Ist es das, was du willst? Ist das Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit? Hier. Vor der Semperoper. Wo Unaussprechliches ausgesprochen wird. Jeden Montag. Selbstsicher antwortetest du: JA, ich halte das aus, wir alle halten das aus.

Du behieltest Recht. Und es tat trotzdem weh.

Mezzosopranistin Christina Bock.

Und jetzt brennt mir wieder etwas auf der Seele. Gleichheit war dir doch all die Jahre so wichtig. Meinst du nicht, es ist an der Zeit, deinen Ehebegriff an das Heute anzupassen? Klar. Ich weiß, was du jetzt sagen wirst. „Ich stehe für Stabilität und muss genau abwägen, welche gesellschaftlichen Veränderungen ich wirklich in mir aufnehmen und festhalten werde“

Das verstehe ich. Aber ist das nicht schon lange gelebte Realität? Die Ehe für alle. Sieh es doch vielleicht von einer anderen Seite. Als eine Untermauerung des wohl stärksten Antriebes, den wir Menschen haben. Der Liebe.

Christina Bock ist Mezzosopranistin und Ensemblemitglied der Semperoper Dresden. In der aktuellen Saison gibt sie dort das erste Mal den Hänsel in „Hänsel und Gretel“ und den Octavian in „Der Rosenkavalier“.

Apropos Liebe. Ich liebe das was ich tue. Die Freiheit, meine Kunst zu leben. Diese Freiheit gibst du mir. Und ich glaube, wir werden deine Stärke brauchen im Herbst. Ich möchte auch weiterhin mit deiner Hilfe so frei arbeiten können. Stücke in unterschiedlichen Sprachen, aus verschiedenen Ländern, mit meinen Freunden und Kollegen von überall auf der Welt spielen. Ich habe Sorge, dass sich das im September verändern könnte. Hier. Wieder vor meiner Haustür.

Aber ich glaube an dich. Du wirst auch das überstrahlen mit deiner Selbstsicherheit und deinen vielen Jahren Erfahrung. Das macht mich ein bisschen ruhiger. Dich in meinem, in unser aller Rücken zu wissen.

Ich mag das eben auch an dir. Du bist Stetes in der permanenten Bewegung. Beim Nachdenken über dich ist mir eine große Gemeinsamkeit an uns beiden aufgefallen. Ich brauche Veränderung. Sie macht mich stark, kreativ, wühlt mich auf. Ich kann und will nicht anders leben. Bewegt. Und auch du bist immer in Bewegung. Das mag ich an dir.

Ich weiß, ich weiß. Ich fordere manchmal viel. Kann ich nicht einfach mal zufrieden sein und mich mit dir freuen?

Doch! Kann ich. Ich bin nämlich mächtig stolz auf dich. Die meisten Rentner verbringen ihren Lebensabend im wohlverdienten Ruhestand. Nicht aber du. Du bist wirklich einzigartig. Immer veränderst du dich, erweiterst deinen Horizont. Das ist groß.

Da bleibt mir nur noch zu sagen: Lass dich feiern. Bleib nicht so, wie du bist! Wachse weiter auf den stabilen Füßen, die dich so gut durch die letzten 70 Jahre getragen haben.

Sei geherzt,

Christina

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