Im Wortlaut

Brief aus Liechtenstein

Die FR dokumentiert den Brief von Liechtensteins Fürst Hans Adam II. an den Direktor des Jüdischen Museums in Berlin, Michael Blumenthal, im Worlaut.

Sehr geehrter Herr Professor Dr. Blumenthal,

Danke sehr für Ihren Brief vom 18. Juni bezüglich des Ausstellungsprojektes im Jüdischen Museum Berlin "Raub und Restitution".

Da unsere Sammlungen während des zweiten Weltkrieges und danach selbst das Opfer von Kunstraub waren, hätte ich sehr gerne das Ausstellungsprojekt unterstützt, wenn es nicht in Deutschland wäre. Deutschland hat sich vor einiger Zeit geweigert, trotz eindeutiger Rechtslage uns ein Gemälde zurückzugeben, das seit langem im Besitz meiner Familie war und von den kommunistischen Behörden nach dem zweiten Weltkrieg in der Tschechosklowakei entschädigungslos enteignet wurde. Da die Bundesrepublik Deutschland in ihren Beziehungen zum Fürstentum Liechtenstein je länger desto weniger geneigt ist, sich an den Grundprinzipien des Internationalen Völkerrechts zu orientieren, haben wir entschieden, keine Leihgaben mehr aus unseren Sammlungen nach Deutschland zu bringen. Wir wollen unsere Kunstwerke nicht dem Risiko einer selektiven Anwendung des Rechtsstaates in der Bundesrepublik Deutschland aussetzen.

Die deutsch-liechtensteinischen Beziehungen in den vergangenen zweihundert Jahren glichen einer Berg- und Talfahrt. Mit dem Zweiten Deutschen Reich befinden wir uns noch immer im Kriegszustand, da dieses untergegangen ist, bevor es mit uns Frieden schliessen konnte, und das Dritte Reich ist Gott sei Dank untergegangen, bevor es seine Drohung in die Tat umsetzen konnte, das Fürstentum Liechtenstein "anzuschliessen".

Was die deutsch-liechtensteinischen Beziehungen betrifft, warten wir hier auf bessere Zeiten, wobei ich zuversichtlich bin, denn in den vergangenen zweihundert Jahren haben wir immerhin schon drei Deutsche Reiche überlebt, und ich hoffe, wir werden auch noch ein viertes überleben.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Hans-Adam II.Fürst von Liechtenstein

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