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Was kommt noch? Rodin-Skulpturen vor Westminster.

Austritt aus der EU

Wie der Brexit die Briten zu Radikalen macht

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Umfrage: Vor allem die Brexiteers würden mehrheitlich Gewalt in Kauf nehmen, damit sich ihre Haltung durchsetzt. Auch die Einheit des Landes ist für viele zweitrangig.

Schlägt die Brexit-Debatte bald in Gewalt um? Viele Briten scheinen dies zu glauben, mehr noch: Eine Mehrheit würde das Risiko von Anschlägen auf Parlamentsabgeordnete oder schweren Verletzungen bei Demos in Kauf nehmen – Hauptsache, die eigene Meinung setzt sich durch. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler der Universitäten von Cardiff und Edinburgh in ihrem jüngsten Bericht zur Zukunft Englands. Für die Untersuchung wurden dafür repräsentative Gruppen in allen Teilen des Vereinigten Königreiches befragt.

Immer wieder haben Befragungen im Land den Eindruck bestätigt, dass sich seit der knapp ausgegangenen Abstimmung (52:48 Prozent) im Juni 2016 die Fronten eher noch verhärtet haben. Die Debatte wird seit Monaten von Begriffen wie „Verrat“ oder „Kapitulation“ dominiert. Der Generalstaatsanwalt im Kabinettsrang, Geoffrey Cox, sprach kürzlich von einem „toten Parlament“, die Rede ist vom „Zombie“-Unterhaus. Premier Boris Johnson gab monatelang die Parole „Erledigen oder sterben“ (do or die) aus – der EU-Austritt zum Termin 31. Oktober sei wichtiger als alles. Erst am Donnerstag räumte er sein Scheitern ein: Großbritannien soll auf jeden Fall zum dritten Mal eine Verlängerung der Austrittsperiode erhalten.

Brexit: Was sind die Folgen?

Doch was geschieht danach? Unruhen, Straßenkrawalle, politische Anschläge, die Auflösung des Landes in seine Bestandteile sowie eine Verschlechterung der Wirtschaftslage – so sehen eindeutige Mehrheiten von Brexit-Befürwortern wie -Gegnern die Zukunft des Landes. Beiden Gruppen gilt Gewalt als Phänomen, das man für den „richtigen“ Ausgang in Kauf nimmt: 71 Prozent englischer, 70 Prozent walisischer und 60 Prozent schottischer Brexiteers schrecken Anschläge auf Parlamentarier oder gewalttätige Demos nicht ab; bei den EU-Befürwortern liegen die Prozentwerte niedriger (58/56/53).

Beide Seiten seien „zu einer fundamentalen Neuordnung der politischen Regeln“ bereit, analysiert Professorin Ailsa Henderson von der Uni Edinburgh. Dass das Land durch den Austritt aus dem größten Binnenmarkt der Welt erheblich ärmer werden könnte, haben die Brexiteers längst eingeplant: Mindestens drei Viertel, in Wales sogar 81 Prozent wollen diesen Preis bezahlen. Auch die Union der vier Landesteile würden die meisten auf dem Altar des Brexit opfern, je drei Viertel in England und Wales, 59 Prozent in Schottland.

Neuwahlen für den 12. Dezember geplant

Die „sehr traurigen“ Forschungsergebnisse hätten ihn schockiert, sagt Professor Richard Wyn Jones von der Uni Cardiff. Ausgerechnet im Vorfeld einer Unterhauswahl, in der politische Sichtweisen vorsätzlich polarisiert würden, sei die Teilung des Landes besorgniserregend, findet Jones und erinnert an die Ermordung der Labour-Parlamentarierin Joanne Cox durch einen Ultranationalisten auf dem Höhepunkt der Referendumskampagne im Juni 2016.

Tatsächlich verspricht der kommende, von 2022 vorgezogene Urnengang ähnlich hart zu werden. Als Termin peilt Premier Johnson den 12. Dezember mitten im Advent an; am Freitag ließ Labour-Chef Jeremy Corbyn offen, ob die Opposition bei der Abstimmung am Montag zustimmen wird. Labours Wahlmanager befürchten in der kalten und nassen Jahreszeit eine geringere Beteiligung im eigenen Lager, nicht zuletzt in der Studentenschaft.

Brexit: Die aktuelle Entwicklung zum Austritt Großbritanniens im Ticker

Mit seinem Austrittskurs agiert der Regierungschef, so legen es Befragungen zur EU-Mitgliedschaft der Insel nahe, gegen die Mehrheit der Bevölkerung. Während des gesamten Jahres 2019 gab es lediglich eine Umfrage, in der die Mehrheit in einem zweiten Referendum erneut für den EU-Austritt stimmen wollte. Zuletzt lag das Verhältnis bei 52,6:47,4 Prozent für den Verbleib. Freilich liegt dies im Korridor statistischer Unsicherheit; zudem hatten nur ganz wenige der Befragten seit 2016 (52:48 Prozent für den Austritt) ihre Meinung geändert. Den Ausschlag gaben vielmehr jene, die damals nicht zur Urne gegangen waren.

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