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Aus einem Witz wurde ernst: Die Nachfrage nach Überlebenspaketen steigt.

Brexit

Krise? Ein Geschäft!

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Manche Briten horten Lebensmittel und Medikamente. Familie Tingey verdient daran

Begonnen hat die ganze Geschichte als Spaß. Vor einigen Wochen, als der Brexit noch weit weg schien und die Berichte über die dramatischen Folgen eines ungeregelten Austritts Großbritanniens aus der EU für viele noch nach Übertreibungen klangen, stellten Hester Tingey und ihr Mann Fred ein Angebot ins Internet: das „Brexit Survival Kit“ – Lebensmittelrationen gegen die Brexit-Angst.

Mittlerweile ist für Hester Tingey und ihre Familie aus Spaß viel Arbeit geworden. Wie viel, kann man in ihrem Wohnzimmer ganz gut sehen. Dutzende braune Kartons verteilen sich in dem holzgetäfelten Raum des Hauses im nördlich von London gelegenen Bishop’s Stortford. Zwischen Sofa und Sesseln liegen unzählige Klebebänder und Etiketten auf Hockern und Stühlen, die als Ablagen dienen.

Im Rest des geräumigen Zimmers sieht es aus wie in einem Supermarkt bei der Jahresinventur. Im Regal türmen sich die Keks- und Müslipackungen; Nudeln- und Reisrationen stapeln sich auf den Schränken, unzählige Dosen mit Bohnen, eingelegten Früchten und Thunfisch stehen auf den Tischen. Hester Tingey schnappt sich eine Packung Kaffee aus dem Regal, dazu passierte Tomaten sowie fünf Sardinen-Dosen, und packt alles zusammen in eine der großen Pappboxen.

„Wir wollen nicht, dass den Menschen nach dem Brexit elend zumute ist, sondern dass sie glücklich sind“, sagt die 52-Jährige, lächelt und steckt noch einige Schokoriegel in die Box. 100 Pfund kostet die „Überlebensbox“, die zwei Erwachsene und zwei Kinder eine Woche lang ernähren sollen.

Die Pakete sollen besonders jenen Teil der Briten beruhigen, die sich „Preppers“ nennen – Menschen, die für die schlimmsten Szenarien gut vorbereitet sein wollen. Üblicherweise fürchtet sich diese Szene vor Kriegen, Naturkatastrophen und Epidemien. Neuerdings zählt auch der Brexit zu den Horrorszenarien der Prepper.

Und nicht nur notorische Untergangspropheten, sondern auch ganz normale Familien blicken voller Sorge auf den 29. März 2019. Dann tritt das Königreich offiziell aus der EU aus. Und noch ist kein Abkommen in Sicht. Bleibt es dabei, wären die Folgen kaum überblickbar. Die Behörden rechnen damit, dass Kontrollen der Lastwagen zu langen Verzögerungen am wichtigsten Fährhafen in Dover führen würden. Das könnte Engpässe in Apotheken und Supermärkten entstehen lassen.

Kühlhäuser ausgebucht

Nach Angaben des Ministeriums für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten produziert Großbritannien nur 60 Prozent dessen, was es für den Eigenbedarf braucht. Ein Drittel der Produkte stamme aus der EU. Das bedeutet konkret: Ohne einen Vertrag mit Brüssel werden einige Waren erst einmal fehlen, warnten kürzlich die Chefs führender Supermärkte und Restaurantketten. Vor allem frische Lebensmittel wären wohl in den Regalen schnell vergriffen. Für die nächsten sechs Monate seien die Kühlhäuser auf der Insel ausgebucht, ausländische Kunden seien bereits abgewiesen worden, verkündeten kürzlich Vertreter der Industrie.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Informationen und Panikmache in diesen Tagen. Experten warnen, dass allzu dramatische Warnhinweise am Ende schlimmer sein könnten als die Lieferprobleme. Kommt es zu massenhaften Hamsterkäufen, gerieten die Vorräte noch schneller zur Neige.

Hester Tingey kann mit derartigen Gesamtbetrachtungen wenig anfangen. „Es schadet nicht, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein“, sagt sie. Die Idee, sogenannte „Brexit Survival Packs“ anzubieten, hatte ihr Mann Fred. Es überrascht kaum, dass der 52-Jährige früher im Risikomanagement tätig war. Man darf den Brexit gut und gerne als Risiko bezeichnen.

Ärzte kritisieren Regierung

Mittlerweile offerieren Fred Tingey und seine Frau neben dem „Überlebens“-Klassiker jeweils eine Box für Veganer, für Hunde, für Katzen, eine Kiste mit technischen Utensilien wie Streichhölzern, Aluminiumdecken oder Batterien sowie das sogenannte Geschenkpaket, das mit Lebensmitteln aus Europa gefüllt ist, „die nach dem Brexit vielleicht schwerer erhältlich sind“, sagt Tingey. Deutsches Brot, französischer Wein, italienischer Kaffee – ganz offensichtlich die Gourmetversion.

In der Küche nebenan sitzt die 24-jährige Tochter Tabby. Ihre persönlichen Überlebenspakete lagert sie in Form einer Monatsration Insulin im Türfach des Kühlschranks. Die Yoga-Lehrerin hat Diabetes Typ 1, ihre Medikamente werden vom Kontinent auf die Insel importiert. „Ich bin beunruhigt“, sagt Tabby Tingey, „auch wenn man annehmen müsste, dass eine Knappheit in einem Land wie Großbritannien überhaupt keine Option darstellen sollte.“ Und das nicht nur, weil sogar Premierministerin Theresa May Typ-1-Diabetikerin ist. Tabby hält einen leichten Überschuss der Präparate als Vorrat bereit. Die junge Frau verbrauche, wie sie sagt, aufgrund ihrer Essgewohnheiten etwas weniger des lang wirkenden Insulins, als sie verschrieben bekommt, und kann deshalb die Reste aufbewahren.

Obwohl das britische Gesundheitsministerium seit Monaten versucht, Betroffene zu besänftigen und Hamsterkäufe zu verhindern, horten chronisch kranke Briten zunehmend ihre Medikamente. In Internetforen tauschen sich Betroffene aus und geben einander Tipps, wie sie unbemerkt ihren Vorrat an Pillen oder Spritzen aufstocken können – entgegen der Empfehlung der Regierung. Diese habe große Anstrengungen unternommen und „einiges an Steuergeld investiert“, damit die Menschen an ihre Arzneimittel kämen, ungeachtet, wie das Königreich aus der Staatengemeinschaft scheidet, betonte Gesundheitsminister Matt Hancock.

Dennoch, der Medizinerverband Royal College of Physicians (RCP) fordert mehr Transparenz bei den Notfallplänen der Regierung. Im Moment sei es nicht möglich, „Patienten zu versichern, dass ihre Versorgung durch den EU-Austritt nicht negativ beeinflusst wird“, kritisiert Andrew Goddard, Präsident des RCP in London. Es gebe „erhebliche Bedenken“. Auch der Verband britischer Diabetiker schlägt Alarm. Die Regierung müsse der Öffentlichkeit zeigen, dass bei einem No-Deal-Brexit Systeme und Vereinbarungen greifen, die die Versorgung Hunderttausender mit den „lebensnotwendigen Gütern“ gewährleisten, fordert Chris Askew, Chef von Diabetes UK.

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