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Brexit

Wappnen für das Brexit-Chaos

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Die Unsicherheit ist für deutsche Unternehmen mit Großbritannien-Geschäft das Schlimmste: In einem IHK-Seminar bereiten sie sich auf die Folgen eines harten Brexit vor.

Hedwig Vorbeck schaut mit einiger Skepsis auf die kommenden Wochen. „Wir wissen einfach nicht, was mit dem Brexit auf uns zu kommt. Da ist so vieles noch unklar: Zoll, Mitarbeiterentsendung, alles.“ Die Frau mit dem eleganten Pagenschnitt lehnt an einem Stehtisch im Foyer der Frankfurter Industrie- und Handelskammer (IHK) und schiebt sich etwas Salat auf die Gabel. Die IHK hat Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Region zum Seminar „Fit für den Brexit!“ geladen.

Gerade ist Mittagspause. Vorbeck leitet die deutsche Niederlassung eines britischen Unternehmens, das Maschinen und Technologie für Fabriken entwickelt und nach ganz Europa exportiert. Die gesamte Produktion findet auf der Insel statt. „Wir organisieren hier nur den Vertrieb.“ Für sie und ihr Team wäre ein harter Brexit ein schwerer Schlag. Nicht nur wegen der engen Verflechtungen zum Mutterkonzern in England, sondern auch wegen der speziellen Rechtsform des Unternehmens. Vorbecks Firma ist eine Limited. Es ist möglich, dass diese britische Rechtsform nach einem harten Brexit in der EU nicht mehr anerkannt wird. Sicher ist das zwar keineswegs, aber gerade die Ungewissheit macht Vorbeck und vielen anderen, die heute gekommen sind, zu schaffen.

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Die Schwierigkeit mit den Limiteds hat eine halbe Stunde zuvor in einem holzvertäfelten Konferenzraum mit Blick auf den Frankfurter Börsenplatz Daniel Schüttpelz von der Beratergesellschaft EY erklärt. Zusammen mit einem Kollegen berichtet er den Geschäftsleuten von steuerlichen Fallstricken, über die sie nach dem Brexit stolpern könnten.

Rund 70 Teilnehmer sitzen in den Stuhlreihen und hören Schüttpelz zu. Die IHK hatte mit weniger gerechnet. Doch die Unsicherheit scheint groß. Viele IHKs und andere Institutionen bieten in diesen Wochen für ihre Mitglieder Workshops und Seminare zum Brexit an – obwohl auch sie nicht mit Gewissheit sagen können, was am 29. März tatsächlich passiert. Die Unternehmerakademie Franken hat bei ihrem Seminar deswegen sogar eine „Brexit-Absage-Garantie“ gewährt: Wenn es nicht zum Brexit kommt, gibt es Geld zurück.

Ganz legal Steuern sparen

In Frankfurt warten Beiträge zu Zoll, Steuern, Mitarbeiterentsendung, Produktzulassungen, CE-Kennzeichnung und zu gewerblichen Schutzrechten auf die Teilnehmer. Bei Schüttpelz’ Steuervortrag schreiben einige eifrig mit, andere tippen auf ihre Handys, das Thema scheint für sie nicht relevant zu sein. Sie schauen nur kurz amüsiert auf, als der Berater die Möglichkeit erwähnt, bei bestimmten Finanzgeschäften mit Großbritannien eine Luxemburger EU-Gesellschaft dazwischenzuschalten, um Steuern zu sparen – ganz legal natürlich.

Ohnehin ist es eine ziemlich bunt gemischte Gruppe, die sich an diesem Tag über den Brexit informieren will. Man trägt Kostüm, Jeans oder bunten Outdoor-Look. Ein Blick auf die Teilnehmerliste zeigt die Spannbreite der Branchen, die vertreten sind. Viele Mittelständler aus dem Ingenieurs- und Technologiebereich sind dabei, Handwerks- und Handelsfirmen, ein Kosmetikhersteller, aber auch einige große Player wie Nintendo oder die Bank of America haben Vertreter geschickt. Sie alle eint, dass sie Geschäftsbeziehungen mit Großbritannien unterhalten. Doch nicht für alle ist das Thema so existenziell wie für Hedwig Vorbeck und ihre Firma.

Aljoscha Heskamp etwa arbeitet für ein Messebau-Unternehmen in der Nähe von Wiesbaden. Drei bis vier Mal im Jahr schickt seine Firma Material und Montage-Teams nach Großbritannien. „Bisher sah das so aus: Wir haben den Lkw vollgeladen, die Kollegen sind losgefahren – und kamen drei Wochen später wieder zurück. Ohne Probleme, ohne Bürokratie.“ Das wird jetzt deutlich komplizierter. Heskamp ist an diesem Tag vor allem auf das Thema Mitarbeiterentsendung gespannt. „Wir arbeiten nur mit unseren eigenen Leuten, nicht mit Fremdpersonal. Und bisher ist noch unklar, wie das bürokratisch bei kurzen Einsätzen von wenigen Wochen ablaufen wird.“ Wirklich problematisch wird das Ganze für seine Firma aber wohl nicht, eher nervig, sagt Heskamp. Vor allem das Schreiben der Zolldokumente ist im Unternehmen eine unbeliebte Aufgabe. „Wir kennen das schon von der Schweiz, da läuft es genauso.“ Problematisch sei, dass man erst auf den letzten Drücker alles für den Transport verpacken dürfe – um eventuelle Kontrollen durch den Zoll zu ermöglichen. Das bedeutet Stress vor der Abfahrt.

Wirklich „haarig“ werde es aus seiner Sicht für all jene deutschen Firmen, die während des Brexit-Stichtages auf der Insel arbeiten müssten. Und für die, die noch gar keine Erfahrung mit Zollformalitäten hätten.

Das glaubt auch Thomas Greger vom Hauptzollamt Frankfurt. „Für diejenigen wird sich bei einem ungeregelten Brexit schlagartig vieles ändern. Für alle anderen wird Großbritannien dann nur ein weiteres Drittland sein.“ Greger rät allen Unternehmen, sich schon jetzt beim Zollamt zu registrieren, sich beraten zu lassen und die nötigen Anträge zu stellen. „Es wird langsam Zeit.“ Außerdem sollten sie ihr Unternehmen auf den Prüfstand stellen: Denn auch wer nichts ex- oder importiert, könne indirekt betroffen sein: „Ihre Lieferkette könnte im zweiten oder dritten Schritt betroffen sein“, mahnt Greger. „Oder Ihre Kunden. Oder Sie brauchen neues Fachpersonal, das sich mit den veränderten Bestimmungen auskennt.“ Doch gerade bei jenen, die direkten Handel mit Großbritannien betreiben, helfe am Ende die beste Vorbereitung nichts, wenn man keinen Notfallplan habe für den Fall, dass „in Calais die Lkws stehen“.

Eine, die bei diesen Themen ganz genau zuhört, ist Ursula Nies. Sie arbeitet für den Arbeitgeberverband der Transportunternehmer. Die Mitglieder, die sie vertritt – typischerweise kleinere Firmen des Straßengüterverkehrs – seien diejenigen, die „von Tag eins an mit der Notwendigkeit von Lösungen“ konfrontiert würden. Viele von ihnen lieferten Komponenten für Fabriken mit Just-in-Time-Produktion – etwa in der Autoindustrie – und stünden deswegen besonders unter Druck. Zugleich sagt Nies, bei den Transportunternehmern habe sich „ein gewisser Fatalismus“ breitgemacht: „Irgendwie muss es ja gehen.“

Aktuelles: May mahnt

Die britische Premierministerin Theresa May hat die EU zu einer letzten Anstrengung auf dem Weg zu einem Brexit-Kompromiss aufgerufen. „Es fehlt nur noch ein einziger Schubs“, sagte May am Freitag in einer Rede vor Arbeitern in der Hafenstadt Grimsby. Wenige Tage vor der entscheidenden Abstimmung im Parlament warnte die Premierministerin gleichzeitig die Abgeordneten, eine Ablehnung des Austrittsvertrags könnte letztlich bedeuten, „dass wir die EU vielleicht nie verlassen werden“ und der geplante Brexit nicht stattfinde.

Das britische Unterhaus hatte den mit der EU ausgehandelten Austrittsvertrag im Januar abgelehnt. May will das Abkommen am kommenden Dienstag erneut im Parlament zur Abstimmung stellen – nur gut zwei Wochen vor dem geplanten EU-Austritt am 29. März. Wichtigster Streitpunkt ist eine Auffanglösung für Nordirland, mit der eine harte Grenze zwischen dem EU-Mitglied Irland und der britischen Provinz Nordirland vermieden werden soll.

Die britische Regierung besteht auf Änderungen an dieser sogenannten Backstop-Klausel. Sie hofft, bis zur Abstimmung am Dienstag gemeinsam mit der EU noch Änderungen aushandeln zu können. Eine erneute Ablehnung des Ausstiegsvertrags durch das Parlament würde große Unsicherheit auslösen, warnte May. Dies würde „einen Moment der Krise“ heraufbeschwören.

Das Unterhaus hatte vergangene Woche einen Drei-Stufen-Plan der Premierministerin zum Vorgehen beim Brexit gebilligt. Wird das Brexit-Abkommen am Dienstag erneut abgelehnt, stimmen die Abgeordneten tags darauf darüber ab, ob Großbritannien am 29. März ohne Vertrag aus der EU austreten soll. Wird auch dies zurückgewiesen, entscheiden sie am Donnerstag über eine Bitte an die EU, das Austrittsdatum zu verschieben. Weder ein Austritt ohne Vertrag noch eine Verschiebung könnten im Interesse Großbritanniens oder der EU sein, sagte May: „Weitere Gespräche können die Fragen nicht ändern, die geregelt werden müssen.“ (afp)

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