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Talfahrt

Brexit und Corona stürzen Großbritannien in die Krise: Schwerster Wirtschaftseinbruch seit 300 Jahren

  • Lukas Rogalla
    vonLukas Rogalla
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Inmitten der Corona-Pandemie wird der Brexit endgültig vollzogen. Die ohnehin angeschlagene Wirtschaft Großbritanniens wird schwer getroffen.

  • Seit Januar ist der Brexit vollzogen – Großbritannien ist offiziell nicht mehr Mitglied der Europäischen Union.
  • Für britische Unternehmen bedeutet die Trennung von der EU einen radikalen Umstieg in Sachen Handel.
  • Neben mehr Bürokratie haben Unternehmen auch zusätzliche Kosten zu stemmen.

London – Mehr als 17 Millionen Brit:innen haben im Sommer 2016 für den Austritt ihres Königreichs aus der Europäischen Union gestimmt. Seit Beginn dieses Jahres ist der Brexit offiziell vollzogen. Viele Wähler:innen halten noch immer an ihrer Meinung fest, dass diese Trennung das Beste für ihr Land sei. Gepaart mit den Folgen der Corona-Pandemie hat der Brexit Großbritanniens Wirtschaft schwer getroffen.

Brexit und Corona: Britische Wirtschaft auf Talfahrt

Eins der Wahlversprechen der „Leave“-Kampagne war die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Brüssel. Der EU hatte man unnötige Bürokratie vorgeworfen. Mit dem Brexit erlange man vollständige Souveränität zurück und stärke die Regierung in Westminster. In die Tat umgesetzt, sieht der Brexit allerdings ganz anders aus.

Seit zwei Jahrzehnten hatte das Londoner Unternehmen „DH Foods“ Schweinefleisch ohne Zollkontrollen in die EU exportieren können. Nun „verrotten“ 53 Tonnen im Hafen von Rotterdam. Falsch ausgefüllte Dokumente bedeuten für Inhaber Tony Dale, dass der Inhalt von fünf Containern vernichtet werden müsse. „Es ist ein neues Spiel und wir müssen die Regeln lernen“, erklärte er der „New York Times“. „Wir müssen jedes einzelne Dokument doppelt und dreifach überprüfen.“

Der Brexit wirkt sich erheblich auf die britische Wirtschaft aus. (Symbolbild)

Der Muschelfischer James Wilson exportierte fast ausschließlich in die EU, da seine Produkte in Großbritannien eher unbeliebt seien. Nach dem Brexit beklagt er sich, von seinem einzigen Markt ausgeschlossen worden zu sein. Unter EU-Regeln dürfen lebende Muscheln nur von außerhalb des „europäischen Blocks“ importiert werden, wenn sie in Wassern höchster Qualität gefangen werden. Die Menaistraße im Norden von Wales erfülle diese Kriterien nicht.

Brexit und Corona: Wirtschaft von Großbritannien in der Krise

„Es war, als würde einem jemand unerwartet mit dem Knie zwischen die Beine treten“, schildert er der „New York Times“. Mehrere hundert Tonnen, die sonst rund 160.000 Euro eingebracht hätten, „liegen nun im Dreck“. Sie zu verarbeiten, lohne sich nicht, so Wilson. Einem Käsehersteller aus der Grafschaft Somerset gehe es ähnlich. Seine Produkte könne er aufgrund fehlender Gesundheitszertifikate nicht exportieren. Die Ausstellung solcher Urkunden zu beantragen, sei viel zu teuer. Bis zudem die Bürokratie abgewickelt sei, würden oftmals Tage vergehen. Bis dahin seien die Produkte, meist Lebensmittel, oft nicht mehr lieferbar.

Laut dem Handelsabkommen, das Großbritannien und die EU Ende 2020 beschlossen haben, werden keine Strafzölle auf britische Importe verhängt. Jedoch sind die behördlichen Hürden hoch angesetzt. Gesundheits- und Sicherheitschecks, Importsteuern und die generelle Abwicklung bedeuten weitere Belastung für die ohnehin durch Corona angeschlagene Wirtschaft. Etwa die Hälfte aller Lkw, die Güter von Calais nach Dover transportieren, kehren nun leer zurück, berichtet die „NYT“.

Brexit stellt Unternehmen vor wirtschaftliche Probleme

Den in Großbritannien recht gelungenen Start der Impfkampagne führt Boris Johnson vor allem auf die Loslösung von der EU zurück. Die resultierenden wirtschaftlichen Probleme bezeichnet der Premierminister als „Kinderkrankheiten“, die nachlassen würden, sobald Unternehmen die Feinheiten meistern. Der Regierungschef spricht den Betrieben also weiter Mut zu. Angesichts der prekären Lage scheinen sie vor allem finanzielle Hilfe nötig zu haben.

Im letzten Jahr ist die Wirtschaftsleistung in Großbritiannien um etwa 10 Prozent zurückgegangen – so stark wie zuletzt im „Jahrtausendwinter“ von 1709. Die Ökonomin Dr. Miatta Fahnbulleh geht davon aus, dass die langsame Antwort auf die Corona-Pandemie und der Brexit zusammen einen „perfekten Sturm der wirtschaftlichen Leids“ ergeben.

Brexit: Betriebe in Großbritannien leiden unter Bürokratie bei Handel

Fast zwei Drittel der kleinen und mittelgroßen Produktionsunternehmen in Großbritannien leiden nun unter erhöhten Importkosten für Bestandteile, wie eine Umfrage des „South West Manufacturing Advisory Service“ ermittelte, die am Montag (15.02.2021) veröffentlicht werden soll. Auch der Geldverkehr läuft deutlich weniger flüssig. Viele Unternehmen verließen London bereits vor dem endgültigen Brexit für EU-Finanzzentren wie Paris, Dublin oder Frankfurt.

„Sie konnten diesen Autounfall in Zeitlupe auf sich zukommen sehen“, äußert sich Wirtschaftsforscher William Wight gegenüber der „New York Times“. „Die meisten großen Unternehmen sowie nationale und europäische Regulierungsbehörden haben in den letzten viereinhalb Jahren intensiv daran gearbeitet.“ Aktien im Wert von sechs Milliarden Euro werden nun nicht mehr in London, sondern in der EU gehandelt. „Wir werden den Rest unseres Lebens mit dem Brexit leben müssen, erklärt der Ökonom Jeremy Thomson-Cook die Lage. „Das Coronavirus ist ein akuter Zustand, der Brexit ist chronisch.“ (Lukas Rogalla)

Rubriklistenbild: © BEN STANSALL/AFP

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