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Ein Brexit-Befürworter demonstriert am 31.01.2020 seine Zustimmung zum EU-Austritt Großbritanniens in der Londoner Innenstadt.
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Ein Brexit-Befürworter demonstriert am 31.01.2020 seine Zustimmung zum EU-Austritt Großbritanniens in der Londoner Innenstadt.

EU-Austritt des Vereinigten Königreichs

Arbeitskräftemangel und fehlende Aufarbeitung: Ein Jahr nach dem Brexit ist Großbritannien zwiegespalten

  • Sandra Kathe
    VonSandra Kathe
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Am 31.12.2020 endete die Übergangsphase des Brexit und damit die Zugehörigkeit Großbritanniens zu Binnenmarkt und Zollunion der EU. Über die Folgen herrscht Streit.

London - Leere Supermarktregale, erneut Konflikte in Nordirland, Chaos an den Grenzkontrollen und Kriegsschiffe vor der Kanalinsel Jersey: Fast zwei Jahre nach Inkrafttreten des Brexit und ein Jahr nach Austritt Großbritanniens aus Zollunion und EU-Binnenmarkt haben sich einige Sorgen und Warnungen von Brexit-Gegnern bewahrheitet - und doch ist das ganz große Chaos bislang ausgeblieben.

Dennoch: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine Branche ihre Brexit-Sorgen publik macht. Zu den neuen Alltagsproblemen in Großbritannien gehören fehlende Arbeitskräfte wegen eines Mangels an EU-Beschäftigten, dafür höhere Kosten wegen gestiegener Zoll- und Transportgebühren. Zuvorderst merkt es der britische Arbeitsmarkt. Weit mehr als eine Million freie Stellen gibt es dort. Doch worüber Finanzminister Rishi Sunak jubelt, sorgt in Supermärkten, an Tankstellen und auf Bauernhöfen für Probleme.

Brexit- oder Coronafolgen? Großbritanniens Premier Johnson sieht Probleme nicht im Brexit

In der Downing Street allerdings scheint das Wort „Brexit“ auf dem Index zu stehen. Premierminister Boris Johnson und sein Kabinett streiten regelmäßig ab, dass der EU-Austritt für die Probleme verantwortlich ist. Vielmehr beharren sie darauf, dass Großbritannien wie viele andere Länder von den Folgen der Corona-Pandemie getroffen werde.

An einer Brexit-Aufarbeitung habe die Regierung kein Interesse, sagt Ulrich Hoppe, Chef der Deutsch-Britischen Handelskammer in London. Im Gegenteil: Stattdessen werde jede positive Nachricht als Resultat des Brexits und der Freiheit vom regulativen Rahmenwerk der EU verkauft. Dabei gäbe es einiges zu diskutieren.

Großbritannien nach dem Brexit: Prognose für sinkendes Bruttoinlandsprodukt

So berrichtet die Deutsche Presseagentur über eine Berechnung der britischen Denkfabrik Center for European Reform (CER), die ergab, dass der britische Warenhandel im Oktober 2021 um 15,7 Prozent oder 12,6 Milliarden Pfund (knapp 15 Mrd Euro) niedriger war als er im Falle eines britischen Verbleibs im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion gewesen wäre. Das wirkt sich auf die Wirtschaftskraft aus.

Die Aufsichtsbehörde Office for Budget Responsibility (OBR) kommt zu dem Schluss, der EU-Austritt werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 4 Prozent verringern. Heruntergebrochen bedeutet das laut AHK-Chef Hoppe, dass jeder Brite ein Jahr länger arbeiten muss. „Der Brexit ist ein verdammter Albtraum“, schimpft ein Verantwortlicher einer wichtigen englischen Hafenstadt hinter vorgehaltener Hand.

Umfrage in Großbritannien: Selbst viele Brexit-Befürworter sind enttäuscht

Auch die Zufriedenheit der Bevölkerung über die Umsetzung des EU-Austritts lässt aus der Sicht der Brexit-befürwortenden Regierung unter Boris Johnson zu wünschen übrig. Eine Umfrage der Zeitung The Observer ergab, dass 60 Prozent der Befragten die Brexit-Folgen als „schlecht“ oder „schlechter als erwartet“ einstuften, darunter sogar rund 42 Prozent derer, die bei der Brexit-Abstimmung für den EU-Austritt gestimmt hatten.

Dazu kommt erschwerend, dass ab dem 01.01.2022 eine weitere Übergangsfrist endet strengere Einfuhrkontrollen auf britischer Seite inkrafttreten. Dadurch drohen Gefahren für die ohnehin stark beanspruchten Lieferketten, warnen Fachleute wie Ulrich Hoppe, Chef der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer: „Jedes zusätzliche Sandkorn im Getriebe wird natürlich Probleme erzeugen in der Abfertigung.“ Stockende Lieferketten bedeuteten mehr Kosten für Unternehmen, die sie wiederum an die Kunden weitergeben. Betroffen seien alle Branchen, vor allem die Autoindustrie, Chemie und Pharma, erklärte Hoppe gegenüber der Deutschen Presseagentur.

Ein Jahr nach dem Wirtschafts-Brexit: Großbritannien bleibt wichtiger Markt

Es ist aber nicht alles düster. Fachleute wie Hoppe werden nicht müde zu betonen, dass Großbritannien ein wichtiger Markt bleibe. In einigen Bereichen agiert die britische Regierung pragmatisch, so dürfen nun doch Warenlieferanten visafrei einreisen und etwa Maschinen oder Küchen aus der EU installieren. Die günstigere Dividendenbesteuerung zieht Unternehmen an, jüngst entschied sich Shell für Großbritannien als Hauptquartier. Bei Offshore-Windkraft und grünem Wasserstoff bleibt Großbritannien das Maß der Dinge.

Und auch wenn Großbritannien kurz davor steht, erstmals aus den Top Ten der deutschen Außenhandelspartner rauszufallen - beim Export steht das Königreich auf einem soliden fünften Platz. Ob die neuen Einfuhrkontrollen etwas daran ändern werden, wird das dritte Brexitjahr zeigen müssen. (ska/dpa)

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