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Das letzte Schiff ist gefahren? Ein Mann steht mit seinem Hund am Strand von Whitley Bay in Northumberland.

Ivan Rogers

„Europas Architektur braucht die Briten“

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Der britische Ex-EU-Botschafter Ivan Rogers über das, was eigentlich notwendiger wäre als ein chaotischer Brexit.

Sir Ivan, tritt Großbritannien wirklich aus der EU aus?
Ich glaube, ja. Es war immer klar, dass der Brexit ein längerer Prozess sein würde, kein singuläres Ereignis. Mich überrascht allerdings das Ausmaß des politischen Chaos. Ich halte „No Deal“ (einen chaotischen Austritt ohne Vertragslösung am 12. April, d. Red.) für sehr viel wahrscheinlicher, als die meisten Beobachter es wahrhaben wollen. Das Risiko ist sehr hoch.

Sir Ivan Rogers (59) war von 2013 bis zu seinem Rücktritt im Januar 2017 wegen Meinungsdifferenzen mit der Regierung britischer EU-Botschafter.

Premierministerin Theresa May ist mit ihrem Austrittspaket dreimal im Unterhaus gescheitert, vielleicht wagt sie einen vierten Anlauf. Die Parlamentarier wollen aber auch selbst eine Lösung finden. Eine Möglichkeit wäre die Annahme des Vertrags mit der Bedingung, ihn noch mal dem Volk vorzulegen.
Ich bin kein Fan des zweiten Referendums. Schon jetzt ist das Land stärker zerstritten als im Juni 2016. Übrigens bin ich auch skeptisch, ob das Unterhaus wirklich eine Mehrheit für eine bestimmte Lösung findet. Und sollte das klappen, müsste die Regierung nicht unbedingt danach handeln. Das ist aber die Voraussetzung für neue Gespräche mit Brüssel. Denn die anderen EU-Mitgliedsstaaten werden zu Recht sagen: Wir verhandeln nicht mit einer Parlamentsjunta, sondern nur mit der Premierministerin.

Theresa May hat ihren Rücktritt angekündigt, der Favorit für ihre Nachfolge ist Boris Johnson. Würde durch ihn etwas besser?
Manchmal denke ich, Johnson wäre vielleicht 2016 der bessere Premierminister gewesen. Dieser charismatische Visionär als Führungsfigur, untermauert von ernsthaft veranlagten Ministern und Staatssekretären – das hätte gutgehen können. Gewiss aber ein Alptraum für seine engsten Mitarbeiter, weil es ihm schwerfällt, seine Zunge im Zaum zu halten. Er hat viele Leute durch seine übertriebene Rhetorik gegen sich aufgebracht.

Muss sich Europa dennoch auf Johnson vorbereiten?
Wer weiß? Die Auseinandersetzungen um die Führung der Konservativen Partei waren schon immer höchst schwer vorherzusagen. Ich halte es für viel wichtiger, jetzt alles dafür zu tun, dass wir nicht aus Versehen in den „No Deal“ schlittern. In der EU-Kommission scheint man das ja gelassen zu sehen. Es herrscht die Meinung: Wenn erst mal wirtschaftliches Chaos ausbricht, kommen die Briten angekrochen und wollen den Vertrag abschließen. Ich wäre mir da nicht so sicher.

Sie befürchten eine dauerhafte Vergiftung der Beziehungen?
In allen wichtigen Hauptstädten besteht Übereinkunft darüber: Die europäische Architektur wird ohne Großbritanniens Input nicht stabil sein.

Was können die anderen EU-Regierungschefs anbieten, abgesehen von enger Zusammenarbeit in der Nato?
Das ist schwierig und erfordert Vorstellungskraft auf beiden Seiten. Die entscheidenden Fragen lauten doch: Wo wollen wir eigentlich stehen in zehn oder 20 Jahren? Und was müssen wir tun, damit wir gemeinsam dorthin kommen? Der Dialog muss über Wirtschaftsthemen hinausgehen und die geostrategische Komponente einbeziehen. Dazu bedürfte es intensiver Vorbereitung durch Fachleute auf beiden Seiten. Allerdings sehe ich die politische Führung nicht, die das Zeug dazu hätte. Theresa May hat es sicher nicht, aber auch unter den Europäern fällt mir kaum jemand ein. Angela Merkel ist natürlich brillant, aber nicht gerade berühmt für ihre strategischen Visionen.

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat mehrfach ambitionierte Vorschläge zur Fortentwicklung Europas gemacht. Zudem steht er der angelsächsischen Tradition positiv gegenüber, nicht zuletzt in seiner Wirtschaftspolitik.
Ein anderer Typ von Premierministerin hätte vielleicht im Gespräch mit Macron auf persönlicher Ebene etwas bewirken können. Das kann Theresa May nicht. Aus britischer Sicht besteht allerdings das Problem, dass Frankreich reflexartig Großbritannien gern das Leben so schwer wie möglich macht. Diese Angewohnheit aus mehreren Jahrhunderten ist tief verankert.

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