Abschiedsgesänge Hand in Hand: Abgeordnete des Europäischen Parlaments nach der Abstimmung über Großbritanniens EU-Austritt.
+
Abschiedsgesänge Hand in Hand: Abgeordnete des Europäischen Parlaments nach der Abstimmung über Großbritanniens EU-Austritt.

EU-Parlament

Brexit in Brüssel: Frustsaufen, Wehmut und Triumph

  • Damir Fras
    vonDamir Fras
    schließen

Der Austritt Großbritanniens lässt im Europäischen Parlament die Gefühle hochkochen. Doch schon bald starten wieder zähe Verhandlungen über die künftigen Beziehungen.

Fast geschafft. Das Büro mit der Nummer 07U025 in einem entlegenen Flügel des Europaparlaments in Brüssel ist so gut wie geräumt. Und jetzt kommen diese Journalisten aus Norwegen und wollen, dass Belinda De Lucy für ein Foto irgendetwas in die Kamera hält. Also kramt De Lucy ihr Handy hervor, flippt durch die Foto-App und zeigt ein Bild: Stöckelschuhe mit dem britischen Union Jack, von De Lucy und ihren Kindern bemalt. Das sei ein gutes Motiv, findet die Fotografin aus Oslo und knipst drauf los.

„Ich bin so aufgeregt“, sagt die 43-jährige De Lucy. An diesem Freitagabend ist es soweit. Die Mutter von vier Kindern aus Sheffield, die seit Juli für die Brexit-Party im Europaparlament saß, wird die Schuhe auf dem Parliament Square in London tragen – zur großen Sause der Brexiteers: „Endlich ist der Tag der Freiheit für mein Land da.“

Noch nie hat ein ganzes Land die Europäische Union verlassen. Protokollarische Regeln gibt es dafür nicht. Und so spielen sich in diesen Tagen in Brüssel denkwürdige Szenen ab, von Verzweiflung bis zu kindlicher Freude.

Im Europaparlament findet sich die Mehrzahl der Abgeordneten zu einem traurigen Chor zusammen. Sie fassen sich an den Händen und singen den schottischen Abschiedsklassiker „Auld Lang Syne“. In der Kneipe „Maison des Ailes“ treffen sich die Brexit-Gegner am Abend zum Frustsaufen. Der britische Labour-Abgeordnete Richard Corbett sagt, er werde sich ein Pferd zulegen und darauf in den Sonnenuntergang reiten. Britischer Galgenhumor.

Auf der anderen Seite steht Ober-Brexiteer Nigel Farage. Er hat den Austritt Großbritanniens zum Inhalt seines Lebens gemacht. In seinem letzten Auftritt im Europaparlament bejubelt er den Triumph des Populismus über den Globalismus. Bald schon, sagt er, würden Dänemark, Polen und Italien es auch so machen: „Wir lieben Europa. Wir hassen einfach nur die Europäische Union.“ Der Mann, der so spricht, kann mit einem üppigen Übergangsgeld aus der EU-Kasse rechnen, fast 180 000 Euro.

Vor gut 47 Jahren ist das Vereinigte Königreich der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beigetreten, wie die EU damals hieß. Jetzt wird die britische Fahne von ihrem Mast heruntergeholt und ins Museum für Europäische Geschichte im Parc Léopold gebracht.

Großbritannien sei ein gutes EU-Mitglied gewesen, sagen Diplomaten in Brüssel wehmütig. Mit dem Brexit gibt London seinen Einfluss auf die EU formal auf. Doch wird das zunächst niemand bemerken. Denn vom 1. Februar läuft eine Übergangszeit bis mindestens Ende dieses Jahres, vielleicht auch länger. Die Briten verlassen zwar formal den Klub der Europäer, müssen sich aber weiter an die Regeln halten. Solange, bis ein Abkommen über die künftigen Beziehungen unterzeichnet ist.

Dreimal täglich Fish&Chips?

Das Ende der Mitgliedschaft in der EU ist der Beginn zäher Verhandlungen. Der Franzose Michel Barnier muss sich in den nächsten Monaten darum kümmern. Barnier hat sich ein strammes Programm auferlegt. In Woche 1 werden die Verhandlungen vorbereitet, in Woche 2 wird mit London verhandelt, in Woche 3 werden die EU-Mitgliedsstaaten, die Europaabgeordneten und die nationalen Parlament über den Stand der Verhandlungen informiert. Und dann beginnt es wieder von vorne.

Bernd Lange ist der Vorsitzende des Handelsausschusses im EU-Parlament und begleitet die Verhandlungen. Der SPD-Mann aus Niedersachsen hat die roten Linien schon formuliert, die London nicht übertreten darf. Lange lehnt sich in seinem Bürosessel zurück und zählt auf: keine Zölle, kein Steuerparadies à la Singapur in der Nordsee, kein Sozialdumping.

Es wird nicht einfach, die Briten davon zu überzeugen. Denn in den vergangenen 47 Jahren sind das Vereinigte Königreich und die EU aneinander gewachsen. Ein Beispiel: Britische Fischer seien auch künftig auf die EU als Absatzmarkt angewiesen, sagt Lange: „70 bis 80 Prozent des Fisches gehen in die EU. Jeder Brite könnte dreimal am Tag Fish and Chips essen, und sie bräuchten die EU trotzdem noch.“ Doch andererseits brauche auch die EU weiter britischen Fisch. In Niedersachsen allein seien 4000 Arbeitsplätze in der fischverarbeitenden Industrie davon abhängig. Die Scheidung ist vollzogen, der Rest muss sich finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare