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Hinrich Lührssen hatte vor seinem Austritt von einer „Bremer AfD-Diktatur“ gesprochen.

Parteiaustritt

Bremer Journalist verlässt AfD

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Hinrich Lührssen wirft der AfD „üble Tricks“ vor und tritt aus der Partei aus.

Der freie Fernsehjournalist und Buchautor Hinrich Lührssen („stern TV“, Radio Bremen, Rowohlt-Verlag), der im Juni 2018 überraschend in die AfD eingetreten war und dort umgehend in den Bremer Landesvorstand berufen wurde, hat am Montag seinen Parteiaustritt erklärt und schwere Vorwürfe gegen den Landes- und den Bundesvorstand erhoben. „Im Bremer Landesverband haben nach meiner Meinung Anti-Demokraten das Sagen, die sich mit üblen Tricks an der Macht halten. Doch das scheint dem Bundesvorstand der AfD egal zu sein“, schrieb der 60-Jährige in einer Presseerklärung. Schon seit Jahren hätten Bremer AfD-Mitglieder auf diese Missstände aufmerksam gemacht. „Aber der Bundesvorstand schaltet sich nicht ein“, so Lührssen weiter.

Zuvor hatte er bereits von einer „Bremer AfD-Diktatur“ gesprochen, die ihn an Nordkorea erinnere. Als Beleg führte er unter anderem eine große Zahl von Parteiausschlussverfahren der Landesparteispitze gegen interne Kritiker an. Vorsitzender ist der Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz, der kürzlich auf offener Straße überfallen und schwer verletzt worden war. Einer der Kritiker hatte kürzlich gesagt: „Wer nicht Magnitz-konform ist, der fliegt raus.“ Ein weiterer sprach davon, dass der Landesverband „regimeähnlich geführt“ werde.

Hinrich Lührssen.

Auslöser für Lührssens Austritt war offenbar sein gescheiterter Versuch vom Januar, sich zum AfD-Spitzenkandidaten für die Bremer Bürgerschaftswahl im Mai wählen zu lassen. Völlig überraschend trat aber Magnitz als Gegenkandidat an und wurde mit 32 zu 19 Stimmen gewählt. Lührssen warf Magnitz daraufhin vor, „seine Mehrheit gut organisiert“ zu haben. Allein sechs der rund 50 erschienenen AfD-Mitglieder seien Magnitz-Familienmitglieder gewesen. Nach Lührssens Angaben haben Bremer AfD-Mitglieder inzwischen „wegen des Verdachts von schwerwiegenden Manipulationen bei der Listenaufstellung“ das zuständige AfD-Landesschiedsgericht Niedersachsen angerufen.

Der Journalist riet am Montag „dringend“ davon ab, in Bremen die AfD zu wählen. Es gebe dort keine gemeinsamen politischen Ansichten, „es geht nur um Macht und Mandate“.

Auf FR-Nachfrage teilte Lührssen ergänzend mit: „Ich fand gut an der AfD, dass sie die möglichen Folgen der Einwanderungspolitik seit Sommer 2015 benannt hat. Die tägliche Hetze gegen Flüchtlinge habe ich allerdings nur schwer ertragen.“ Und in der Sozialpolitik sei für die AfD die Zeit stehen geblieben.

Ein Sprecher des AfD-Bundesvorstands wollte sich am Montag nicht zu den Vorwürfen äußern und verwies auf den Bremer Landesverband. Dessen Parteichef Magnitz sagte auf FR-Anfrage zu Lürssens Kritik: „Das ist einfach nur dummes Zeug.“ Lührssen versuche jetzt, „mit Dreck zu schmeißen“, nachdem er die demokratische Abstimmung um die Bremer Spitzenkandidatur verloren habe.

Wegen Lührssens Mitarbeit im AfD-Landesvorstand hatte Radio Bremen dem freien Journalisten vorerst keine Aufträge mehr gegeben. Denn eine herausgehobene Funktion in einer Partei vertrage sich nicht mit der politischen Unabhängigkeit des Senders. Auch seine Mitarbeit bei „stern TV“ lag nach Lührssens Angaben seitdem auf Eis. Seine humoristischen Bücher für den Rowohlt-Verlag waren zuletzt 2012 erschienen, als er noch nicht politisch in Erscheinung getreten war.

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